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officier. Er veröffentlichte„Reminiscences, Anecdotes of the Camp, the Court and the Clubs“(London, Smith, Elder and Co.), die er fortſetzen will. Nicht weniger als vier Generationen von Stutzern hat der letzte dieſer Beaus überlebt. Auf den Beau folgte der Dandy, auf den Dandy der liebenswürdige Flegel, der den Damen den Rücken zukehrte und die Füße auf den Tiſch legte, auf den Flegel der Löwe, der Zermalmer der Frauenherzen, und dieſen hat jetzt der noch namen⸗ loſe Stutzer verdrängt, der ſeinem Backenbart die Form
von zwei Kotelettes gibt und nichts als den Börſen⸗ zettel lieſt.
Der Beau trat in kriegeriſchen Zeiten in's Daſein. Die Geckenhaftigkeit muß tief in der Natur des Mannes liegen, da ſie in den Tagen von Auſterlitz und Jena, Ulm und Trafalgar, Moskau und Leipzig ſo üppig wuchern konnte. Dieſe Beaus, die eine mißlungene Schleife ihres Halstuchs, eine ſchiefſitzende Schuhſchnalle, ein verſchobener Buſenſtreif auf Wochen hinaus un⸗ glücklich machte, die einen Kameraden aus dem Regi⸗ ment ſtießen, wenn er ſo gemein geweſen war, zu dem Cheſterkäſe ſeines Nachtiſches Porter zu trinken oder Speiſekrümel mit dem Meſſer zum Munde zu führen, dieſe Beaus kamen von den gräßlichen Schlachtfeldern Spaniens oder hatten eben bei Waterloo der Entſchei⸗ dung über das Schickſal der Welt beigewohnt. Ohne einen Augenblick zu verlieren, warfen ſie ihren Helm in die Ecke und ſtülpten ſich eine Narrenkappe auf. Was ſie als Gecken leiſteten, machte ſie unendlich ſtolzer, als die größte ihrer Heldenthaten. Sie verriethen ſich da⸗ durch als die Söhne des achtzehnten Jahrhunderts, das eigentlich ein langer Karneval war, in dem Philoſophen und Goldmacher, Soldaten und Pfaffen, Philanthropen und Henker, Entdecker und Haarkräusler bunt durch⸗ einanderliefen.
Auch Hauptmann Gronow war ein Krieger, ehe er ein Beau wurde. Ein bloßer Knabe, ſegelte er nach der Erſtürmung von San Sebaſtian mit 500 Grena⸗ dieren nach Spanien. Unter dieſen Leuten war nicht einer, der nicht vom Kriegsweſen hundertmal mehr ver⸗ ſtanden hätte, als Gronow, der doch zu ihren Officieren gehörte. Und er war lange nicht der ſchlechteſte unter ſeinen Standesgenoſſen. Auch die ſchlimmſten Miß⸗ bräuche bei der Vergebung von Offccierſtellen hatte man beſeitigt. Indeſſen kamen immer noch Dinge vor, die nicht die beſte Idee von den Führern der Soldaten erwecken. Im achtzehnten Huſarenregiment diente ein junger reicher ſchöner Mann. Er ritt blos Vollbluts⸗ pferde, hatte drei Reitknechte und zog mit zwei Wagen, einem für das Gepäck und dem andern für die Küche, gegen die Franzoſen. Alles ging gut, bis er auf Vor⸗ poſten kam. Da er hier alle Bequemlichkeit vermißte, an die er gewöhnt war, ſo ſtieg er ruhig zu Pferde, er⸗ klärte ſeinem ſtaunenden Feldwebel, daß ein Feldzug für einen Gentleman nicht geſchaffen ſei, und ritt ge⸗ radenwegs in ſein Quartier, wo er Alles einpacken ließ, ein Schiff miethete und nach England fuhr. Es geſchah ihm deswegen nichts, denn als in London der Befehl anlangte, ihn vor ein Kriegsgericht zu ſtellen, hatte er
ſein Patent bereits verkauft und war der Militärge⸗ richtsbarkeit nicht mehr unterworfen.
Daß engliſche Officiere Liqueure, Schinken, geräu⸗ chertes Fleiſch und andere gute Dinge aus England ver⸗ ſchrieben, war etwas Gewöhnliches. Wein, friſches Fleiſch, Gemüſe und Früchte hatte ihnen das Land zu liefern, in dem ſie Krieg führten, und es war Sache ihrer Diener, dieſe Bedürfniſſe herbeizuſchaffen. Zu dieſem Behufe wurde die Umgegend weit und breit durchſtreift und ſtets etwas Eßbares gefunden. Wenn dieſe Spürer unterwegs waren, begegneten ſie nicht ſelten einem Manne, der wohl die merkwürdigſte Per⸗ ſönlichkeit des Heeres war. Sir John Waters, Welling⸗ tons Generalquartiermeiſter, gehörte zu den ſelteneren Männern, welche die Natur ausdrücklich für einen be⸗ ſtimmten Beruf geſchaffen zu haben ſcheint. Der Krieg in Spanien enthüllte das wunderbare Talent zum Spion, das er beſaß. Er ſpielte den Spanier jedes Ranges und Standes ſot täuſchend, daß der ſchärfſte Beobachter betrogen werden mußte. Er tanzte die Se⸗ guavilla und Guawacha, als ob er ſein Lebenlang nichts Anderes getrieben hätte, er war nicht fünf Minuten in der Poſada eines Dorfes, und jeder Schmuggler und Maulthiertreiber begrüßte ihn als ſeines Gleichen, in vornehmer Geſellſchaft war er der vollendete Hidalgo, beim Stiergefecht nahm der Torreador ſeine Glückwünſche als die eines Mannes entgegen, der dem Stier ſchon oft entgegen getreten ſei, in der Kirche belehrte er die Mönche über die Anzahl der Avemarias und Pater⸗ noſters, die man bei Teufelsaustreibungen gebrauche, und wußte über jeden Ketzer Rechenſchaft zu geben, der auf dem Scheiterhaufen geſtorben war. Was ihn noch mehr auszeichnete und ihn dem eiſernen Herzog ſo werth⸗ voll machte, war ſeine faſt unglaubliche Gabe der Beob⸗ achtung und Beſchreibung. Nichts entging ſeinen Blicken. In einer Gruppe von Perſonen faßte er jedes Wort, jede Bewegung, jeden Blick auf, in einer Landſchaft merkte er ſich den kleinſten Gegenſtand, jeden Baum, jeden Buſch, jeden großen Stein. Man ſagte von ihm, daß er in jeder Küche, die er betrete, nach einer Minute jede Schüſſel auf dem Brett, jedes andere Geräth kenne und die Meſſer und Gabeln einzeln zähle. Unübertrefflich war ſeine Bekanntſchaft mit der ſpaniſchen Sprache und Literatur. Er konnte ſowohl die ſchönſten Stellen im Calderon als die beſten Balladen im Dialekt jeder Pro⸗ vinz herſagen. In ſeinen Verkleidungen ihn zu erkennen war unmöglich. Bald ſpielte er den ſchweigſamen und hochmüthigen Caſtilier, bald den einfältigen und fleißigen Aſturier, heute war er ein ſchlauer und ränkevoller Ca⸗ talonier, morgen ein ſorgloſer und heiterer Andaluſier. In den franzöſiſchen Lagern war er ein Franzoſe, und zwar ein Elſaſſer, da er das Franzöſiſche mit einem ſtarken deutſchen Accent ſprach. Die Elſaſſer halten alle zuſammen, und ſo fand Waters in jedem franzöſiſchen Regiment Freunde und Helfer.
Einſt übertug ihm Wellington eine beſonders ſchwie⸗ rige und wichtige Sendung. Kaum war Waters fortge⸗ ritten, ſo erfuhr man, daß er in den Händen des Fein⸗ des ſei. Dragoner hatten ihn in der Nähe des Lagers


