206 Kleroth: Die goldene Schlange.
den falſchen Schimmer eingebildeten Kriegsruhmes ein⸗ getauſcht, ſondern in ganz Deutſchland kann man die⸗ ſelbe Erſcheinung beobachten. Deutſchland glaubt endlich den Weg zur Einheit entdeckt zu haben, aber dieſer Weg nimmt eine ganz andere Richtung als früher. Eine Zeit gab es, wo die deutſche Einheit als wirkſamſtes Mittel zur Erlangung deutſcher Freiheit gewünſcht wurde. Jetzt ſcheint man die Einheit um ihrer ſelbſt willen zu erſeh⸗ nen, und das Lieblingsmittel dazu iſt, ſich ſo bald wie möglich von Preußen verſchlingen zu laſſen. Preußen bie⸗ tet den Deutſchen keine Freiheit, denn es kann nicht geben, was es ſelber nicht beſitzt.——— Wo iſt die liberale Partei Deutſchlands?... Aus freier Wahl hat die große deutſche Nation ſich einem Miniſter zu Füßen geworfen, der ſeine Verachtung freier Staatseinrichtungen mit Stolz zur Schau trägt, und deſſen Hauptanſpruch auf das Vertrauen ſeines Monarchen ſich darauf gründet, daß er die Verfaſſung ſeines Vaterlandes umgeſtoßen hat. Für die Eroberung Schleswig⸗Holſteins gibt Deutſchland ſich mit Haut und Haar dem Manne zum Sklaven hin, der es an ſeinen Feinden gerächt hat. Es ſind ſchon mehr als einmal Nationen gekauft und verkauft worden, aber unſeres Bedünkens iſt, ſeit die Welt ſteht, eine ſo große Nation noch nie um ſo wohlfeilen Preis gekauft worden.... Nun folgen gute Lehren an die deutſche Nation.... Merkwürdig an dieſer Anſchauung der deutſchen Lage bleibt nur daß ſie in England ſo vielfach verbreitet iſt, und daß z. B. auch der Rendsburger Korre⸗ ſpondent der„Daily News“ in ähnlichem Sinne ſchreibt.
Nicht unerwähnt dürfen wir die Reiſe unſeres geliebten Monarchen nach Ungarn laſſen.
Am 19. d. M. verkündeten in Peſt⸗Ofen Kanonen⸗ ſalven den Moment, in welchem Se. Majeſtät die Gren⸗ en Ungarns betrat. An dieſe Thatſache anknüpfend, gibt . Hirnök den loyalen dynaſtiſchen Geſinnungen der un⸗ gariſchen Nation in einem„Eljen a Kiràly überſchrie⸗ benen Artikel Ausdruck, in welchem es unter anderem heißt: Wir bedauern nur eines nämlich, daß die ungariſche Nation nicht durch eine vom ganzen Lande ausgehende Manifeſtation ihrem geliebten König ihre Huldigung dar⸗ bringen kann. Wenn indeß, wie wir hoffen, die Nach⸗ richt ſich bewahrheitet, daß der Primas des Landes in Begleitung mehrerer ungariſchen Kirchenfürſten ſo glück⸗ lich iſt, den Monarchen mit begrüßendem Segen empfan⸗ gen zu können, ſo beruhigen wir uns; denn wir ſind überzeugt, daß die Geſinnungen und Wünſche der unga⸗ riſchen Nation getreu verdolmetſcht werden.
Die goldene Schlange.
Prager Sage von Kleroth.
s war in den ſechziger Jahren, daß im erſten
(* Stockwerk eines Hauſes auf dem dritten Mal⸗ teſerplatz der Kleinſeite, der Beſitzer eines Raritätenkabinets aus Konſtantinopel eine große
Anzahl Affen, Papageien, Kakadus, Krokodile, Schildkröten, Schlangen und andere noch nie geſehene Thiere zur Schau ausſtellte. Allein das non plus ultra des Kabinets war eine große goldene Schlange mit Augen wie Karfunkel, welche in einem Käfig von feinem Golddrath auf einem rothſammtnen
Polſter ruhte, und die Bewunderung von Alt und Jung
erregte. Das Reptil richtete ſich, wenn man den Käfig berührte, auf, gab einen pfeifenden, Furcht und Schrecken einflößenden Ton von ſich, und wurde den fünfzehnten eines jeden Monats mit einer milchweißen Taube ge⸗ füttert, welche es mit großer Behaglichkeit verzehrte.
Der Beſitzer des Kabinets war ſowohl in Tracht als Weſen eine eigenthümliche Erſcheinung. Ein Tur⸗ ban von weißem Wollſtoff bedeckte ſein kahles Haupt, und beſchattete ein mageres, gelbfahles Geſicht, aus welchem zwei kleine kohlſchwarze glühende Augen her⸗ vorſahen. Eine lange Habichtsnaſe, ein kleiner Mund mit blaſſen Lippen, welche, wenn ſie ſich öffneten, zwei Reihen der ſchönſten Zähne zeigten, gaben dem Antlitz einen eigenthümlichen Charakter. Ein rother, mit ſchwarzem Pelz beſetzter Talar, eine blaue Tunika mit einem um die Hüften gürtelartig gewundenen breiten Shawl, aus welchem der mit Rubinen reich ausgelegte Griff eines Damascener Dolches drohend hervorſah, weite Beinkleider von rothem Wollſtoff und Pantoffel von gelbem Leder, vollendeten ſeinen fremdartigen An⸗ zug. Er hatte in ſeinem Gefolge zwei Frauen, welche ſo wie er türkiſch gekleidet, und deren Geſichter mit einem dichten Schleier bedeckt waren. Sie erſchienen zuweilen in den Zimmern, in welchen die fremden Ge⸗ genſtände zur Schau ausgeſtellt waren, und zogen die Aufmerkſamkeit der Beſucher auf ſich. Ja viele der jungen reichen und vornehmen Prager, welche das Ka⸗ binet mit ihrer Gegenwart beehrten, kamen nur der Türkinnen wegen hin, in der Hoffnung, ihre Geſichter zu ſehen, denn die ſchwarzen Augen, welche durch den dichten Schleier leuchteten, ließen auf eine höchſt intereſſante Geſichtsbildung ſchließen. Der Kabinetsbeſitzer, der ſich Ali Bek nannte, ſchien oder wollte die Neugierde der jungen Herren nicht bemerken, und ließ ſeine beiden Frauen, nur wenn ſein Kabinet gefüllt war, wie Schat⸗ tengeſtalten durch die Zimmer gehen und wieder ver⸗ ſchwinden, und da Niemand wußte, wann die herrli⸗ chen Geſtalten erſcheinen, ſo war das Kabinet vom frühen Morgen bis zum Abend gefüllt, und Ali Bek fand ſeine Rechnung dabei. Die Mädchen und Frauen jedoch, welche es beſuchten, kümmerten ſich um die Türkinnen nicht, im Gegentheil, ſie erregten ihren Un⸗ muth und ihre Eiferſucht, während die goldene Schlange und ihre Gierde, kein anderes Geflügel als eine weiße Taube zu verzehren, ihre Aufmerkſamkeit in hohem
Grade in Anſpruch nahm. Die ſeltſamſten Gerüchte
waren deßhalb in der Stadt im Umlauf, und die Abergläubigen hielten das Reptil für den Teufel ſelbſt, denn ſie hatten auf dem Baum der Erkenntniß im Paradieſe den Satan in der Geſtalt einer goldenen Schlange abgebildet geſehen. 3
Was war natürlicher, als daß auch die Furchtſa⸗ men das Kabinet beſuchten, denn die Neugierde den
Söllenfürſten verkörpert zu ſehen, ließ ſie die Angſt
überwinden und kommen.
Ali Bekwar ſchon drei Monate in Prag, und ſein Kabinet kam von Tag zu Tag immer mehr in Aufnahme. Den Abend zuvor, als die goldene Schlange gefüttert werden ſollte, welches Ereigniß ſtets einige Tage früher durch den Anſchlagzettel dem Publikum angezeigt und die Tauben⸗ und Geflügelhändler aufge⸗ fordert wurden, ihm milchweiße Tauben zu verkaufen, kam ein alter Mann in dürftiger Kleidung zu Ali Bek. Ein Mädchen, ſchön wie ein Engel, begleitete


