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Politiſche Ueberſicht. 205
Noth des Lebens und ſterben dort als lebensmüde Greiſe. Nur um den langen, langen Schlaf zu halten, laſſen ſie ſich in den Schoß der Muttererde betten, die ſie im Leben als abtrünnige Kinder verläugnet hatten.
Am Saum eines Kanals gewahrt man zuweilen ein Häuschen, über dem Rumpf eines ehemaligen Bo⸗ tes aus alten Brettern erbaut, mit grober Wachslein⸗ wand oder theergetränktem Segeltuche überzogen zum Schutz gegen Regen und Schnee. Ein Fleckchen Land iſt in ein Gärtchen verwandelt, das eine lebendige Hecke umgürtet. Dieſer handbreite Fleck Erde liefert das Gemüſe und einige gackernde Hennen die Eier in die magere Küche. Wieder andere zu Wohnungen einge⸗ richtete Barken haben das Waſſer nicht verlaſſen.. Sie ſind nur mit einem Stück Tau an's Land gebunden, wo ſich gleichfalls ein Gemüſegärtchen befindet. Derlei amphibiſche Wohnungen beherbergen in der Regel einzelne Perſonen, Seemannsweiber, deren Männer und Söhne von der Seefahrt nicht wieder heimgekommen ſind.
8 Politiſche Ueberſicht. 5 aam 23. September.
Das wichtigſte politiſche Ereigniß der abgelaufe nen vierzehn Tage iſt das franzöſiſchitalieniſche Uebereinkommen betreffs Löſung der italieniſchen Frage. Der„Nord“ bezeichnet die neue Phaſe als eine Konſoli⸗ dirung der römiſchen Frage mit dem Zuſatze, eine„Lö⸗ ſung“ wage er dieſelbe noch nicht zu nennen. Wie der „Europe“ aus Paris geſchrieben wird, hat der Kaiſer auf das Dringen des Turiner Kabinets in den Tuilerien und Palais Royal erklärt, Rom unmittelbar zu übergeben, ſei unmöglich; nicht minder unmöglich ſei es, in dieſem Augenblicke Oeſterreich wegen„Venetiens Befreiung“ den Krieg zu erklären; bei dieſem Stande der Dinge könne er nur verſprechen, in der einen wie in der andern Sache etwas thun zu wollen, doch„nur unter gewiſſen wichtigen Bedingungen“. Die„Europe“ fügt hinzu:„Die Fran⸗ zoſen verlaſſen Rom nicht, aber ſie können Rom in einigen Jahren gegen gewiſſe Bedingungen verlaſſen; der Krieg bricht mit Oeſterreich nicht los, aber er kann los⸗ brechen in einer beſtimmten Zeit und unter Vorbehalten, die für die franzöſiſchen Intereſſen vortheilhaft erſcheinen. Dadurch wird nichts gefährdet, nichts überſtürzt, wohl aber allen Hoffnungen und Möglichkeiten Thür und Thor offen gehalten.“ Der„Monde“ läugnet kurzweg das Vorhandenſein einer Konvention; die„Union“ iſt, im Hinblick auf eine ſolche Eventualität, überzeugt, daß die Vorſehung auch in dieſer äußerſten Gefahr das Papſtthum nicht verlaſſen werde. Der„Conſtitutionnel“ hat wie ge⸗ wöhnlich ſich in ein nichtsſagendes Dementi eingehüllt; das„Journal des Debats“ konſtatirt die Ungewißheit und das Dunkel, das zwiſchen den Behauptungen der„Italie“ und dem in Abredeſtellen des„Conſtitutionnel“ liegt. „Siècle“ und„Opinion Nationale“ dagegen ſind hoch erfreut; für ſie ſteht die zweijährige Friſt, welche das Kaiſerreich zur giltigen Löſung der römiſchen Frage den inte a Parteien anberaumt haben ſoll, als ein un⸗ widerru es Faktum feſt. Daß die italieniſche Armee von Rom ausgeſchloſſen bleibt, wird durch die Angabe beſtätigt, daß der König von Italien dem Papſte die Konceſſion zuſagt, Florenz zur Hauptſtadt des Reiches zu ernennen, was eine nackte Kaſſirung des Parlamentsbeſchluſſes,„Rom Italiens Haupt⸗ ſtadt,“ und eine definitive Verurtheilung des Garibaldi'⸗
vention wirklich auf dieſen Grundſätzen beruht, ſo darf
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das Turiner Kabinet ſich auf die heftigſten Stürme, wo nicht im Parlamente, ſo doch im Lande gefaßt machen. Es iſt kaum zu glauben, daß, von Garibaldi und von Ricaſoli gar nicht zu reden, ſelbſt eine ſo heruntergekom⸗ mene Größe wie Ratazzi dem Kabinete in dieſer Angele⸗ genheit„ſeinen patriotiſchen Beiſtand“ leihen wird. Ihn darum zu bitten, ſoll Graf Vimercati expreß nach Baden⸗ Baden gereiſt ſein, wo dieſer Staatsmann weilt, der ſich bei ſeiner letzten Amtsführung durch ſein etaktloſe Augen⸗ dienerei gegen franzöſiſche Wünſche ſo viel Unwillen bei ſeinen Landsleuten erweckt und ſchließlich auf der Miniſter⸗ bank unhaltbar gemacht hatte. Um übrigens ein Beiſpiel von italieniſcher Hoffnungsſeligkeit zu geben, ſei erwähnt, daß man ſich in Turiner Kreiſen bereits darüber ſtreitet, ob Italien in der Konvention auch einen Theil der römi⸗ ſchen Schuld übernommen habe oder nicht, und ob dieſe Frage ohne Zuziehung eines päpſtlichen Bevollmächtigten habe geordnet werden können? Die ‚France“ erklärt, nachdem ſie ihre Vorbehalte gemacht, ausdrücklich,„die Angel, um welche ſich die Verhandlungen gedreht, ſei die Wahl einer neuen Hauptſtadt für Italien geweſen, da der ſchwierigſte Punkt bei der römiſchen Frage gerade der geweſen ſei, daß das Turiner Kabinet und die Aktions⸗ partei Rom zur Hauptſtadt machen wollten und dieſer Stadt als die natürliche und nothwendige Hauptſtadt Italiens betrachteten; die Vorbedingung jedes Vergleiches ſei daher die Entſagung ihrer alten Anſprüche auf Rom von Seiten der italieniſchen Regierung geweſen; nun habe, wie ihr, der„France“, von Turin beſtimmt be⸗ richtet werde, das Turiner Kabinet jeden Anſpruch auf die ewige Stadt aufgegeben und ſich verpflichtet, unter gegebenen Verhältniſſen vollſtändig die Rechte und die Unabhängigkeit des heiligen Stuhles zu wahren. In Folge dieſer Bedingungen habe, ſetzt„La France“ hinzu, die Regierung Viktor Emanuel'’s die Wahl einer neuen Haupt⸗ ſtadt in Betracht genommen und zuerſt ernſtlich an Mai⸗ land gedacht, ſodann aber habe Florenz den Vorzug be⸗ kommen, da dieſe Stadt ſich durch ihre geographiſche Lage, Schutz durch die Apenninen und Nähe des Mittel⸗ meeres, beſonders empfehle; auch von Neapel ſei die Rede geweſen, doch erkannt worden, daß es zu leicht von der Land⸗ und Seeſeite zu nehmen wäre. Wenn dieſe Wahl endgiltig beſchloſſen, werde die franzöſiſche Regierung, unter Berufung auf die Zuſage der italieniſchen Regierung, dem Papſte die Stellung eines Termins anzeigen.“ Die „France“ fügt indeß noch folgendes„aber“ hinzu:„So lange Oeſterreich im Beſitze des Feſtungsvierecks iſt und in wenigen Stunden von Neuem in's Herz Italiens ein⸗ dringen kann, wird Rom für die franzöſiſche Politik ein wichtiger ſtrategiſcher Punkt bleiben und dies iſt der Grund, weshalb unſere Korreſpondenten verſichern, daß die venetianiſche Frage in allen jetzigen Kombinationen das Hauptaugenmerk des Turiner Hofes iſt; die Friſt von zwei Jahren ſoll unerläßlich geſchienen haben, nicht blos, um die römiſche Frage zu erledigen, ſondern um auch in Betreff Venetiens zu einer der Einheit Italiens gün⸗ ſtigen Löſung(1) zu gelangen.“
Ueber die Lage Deutſchlands verbreitet ſich wieder die„Times“: Heinrich Heine, ſarkaſtiſchen Angedenkens— ſagt ſie— hat ſeine Ueberzeugung ausgeſprochen, daß drei Dinge in Deutſchland beſtimmt ſeien, niemals fertig zu werden— der Kölner Dom, des Pantheiſten Schelling Gottesidee und die preußiſche Verfaſſung. Mit Bezug auf den letztgenannten Gegenſtand iſt die Bemerkung gewiß heute eben ſo richtig, wie vor 30 Jahren. Vor zwei Jahren noch konnte die preußiſche Kammer in ihrem Kampf mit der Krone auf die Unterſtützung jedes liberalen Mannes in Europa rechnen. Fragt man nach der Kuppel des preußi⸗ ſchen Verfaſſungsgebändes, deſſen Ausbau vor Kurzem ſo dringend verlangt wurde, ſo muß man ſie unter den zer⸗ trümmerten Schanzen von Düppel ſuchen, wo ſie tief be⸗ graben liegt unter einem Schutthaufen, über welchem kein surgam geſchrieben ſteht. Aber nicht nur Preußen hat je⸗ den Gedanken an innere Freiheit aufgegeben, und dafür


