Jahrgang 
1864
Seite
206
Einzelbild herunterladen

204 Das Leben auf dem Waſſer in Holland.

ſichte. Wenn er in einem ledernen Beutel das Fahr⸗ geld einſammelt, welches ſehr billig iſt und ſich nach einem gedrucken, in jeder Schuit angeſchlagenen Tarif regelt, unterläßt er nicht, auf ſeinem Rundgang noch um eine Kleinigkeit für das Jagertje zu erſuchen.

Wenn die Treckſchuit eine Stadt paſſirt, ſo wird das Pferd losgebunden, und mit dem Fahrbaum führt man ſie nun durch den Knäuel von Schiffen. Das geht Alles ſo glatt ab, ſo geſchickt, ohne Schimpfen und Fluchen, daß es eine wahre Luſt iſt, dieſe holländiſchen Schiffer ſchweigend auf dem ſtillen Waſſer manövriren zu ſehen.

Auf der Eiſenbahn löſcht die Schnelligkeit alle Bilder aus, und die Gegenſtände taumeln wie betrun⸗ ken durch einander. In den Ziehſchiffen aber zieht die Landſchaft wie an einer ſich abhaſpelnden Walze vorüber. Vorbei ziehen jene weißen, rothen und ſogar ſchwarzen Segel, welche die Einſamkeit des Kanals be⸗ leben; vorbei zieht jetzt eine andere lange, ſchmale, volle Treckſchuit, aus deren Fenſterchen friſche Mädchen⸗ geſichter herauslachen, im nächſten Augenblick eine Herde bedächtiger Kühe auf den ſaftig grünen Wieſen, muntere Gäule, rieſige Schafe. Vorbei ziehen Dörfer, wie kleine Städte anzuſehen, und Städte wie große Dörfer mit den ſtattlichen Baumreihen an den Quais, mit den rothen Häuſern, grünen Thüren und Fenſter⸗ läden daran, und beſchnittenen Bäumen davor. Vorbei ziehen Maſtenſpitzen und Kirchthurmhähne und ein Wald von Windmühlen in verträglicher Nähe bei ein⸗ ander. Vergnügt betrachten wir die Sumpfvögel, die man nirgends mehr ſo ſchön ſieht, und die runden Frauen, die ſchweigend ihre Wäſche bearbeiten. Vor⸗ über zieht ein Saum lieblicher Landhäuſer und weit⸗ hin ſtreifender Gärten mit den grünen Baumpartien und den farbenprächtigen Blumenbeeten.

Es gibt auch Treckſchuiten, auf denen man über⸗ nachtet. Gegen ſechs Uhr Abends, wenn der Barken⸗ patron leutſelig iſt(und gewöhnlich iſt er es), ladet er zum Thee ein. Aus dem Bauche eines Geſchirrſchran⸗ kes kommt eine irdene Zucker⸗ und Theedoſe zum Vor⸗ ſchein. Der Keſſel ſteht über einer Art Eimer, mit chine⸗ ſiſchen Fratzen verziert, und darin befindet ſich eine Schüſſel mit glühendem Torf. Es gehört die Geduld eines Holländers dazu, um der langweiligen und kompli⸗ cirten Operation der Theebereitung vorſtehen zu können.

Zur Nachtzeit theilt ſich der Roef in einen Salon und eine winzige Schlafkammer. Ein gemeinſchaftli⸗ ches Bett, beſtehend in einer Matratze und Decke, nimmt die ganze Breite der Kajüte ein, und Männlein und Weiblein ſchlafen allhier züchtiglich neben einander. Dieweil aber ſchlüpft die Arche in Strumpfſocken über das Waſſer hin, vorn am Buge eine ſilberne Furche ziehend.

Sobald die Sonnenlichter ſchräger fallen, und die warmen ſatten Töne des Abendroths über die Wie⸗ ſen und Grachten ſich ausgießen, verlaſſen wir die ſchwüle Kajüte und ſetzen uns neben das Steuer hin.

Bei der Dämmerung wird die Oberfläche der Grachten ein Spiegel, in welchem die ganze Natur ihr

Bild reinigt und wäſcht. Wir blicken hinaus in die vielen Waſſergräben, welche in den Feldern und Wieſen die Stelle der Hecken vertreten. Eine Waſſerflora macht ſich dort breit, mannigfaltig und reich, und die Ober⸗ fläche dieſer unbeweglichen Waſſerfäden iſt ganz geſtickt mit weißen Blümchen. Kein Pflänzlein iſt ſo klein in dieſer froſtig feuchten Pflanzenwelt, daß es nicht ſeinen Tag des Schmucks und der Blüthe hätte. Iſt die Nacht noch tiefer geſunken, breitet ſich ein Bild des tiefſten Friedens vor uns aus. Von den grünſchieferigen, jetzt aber in einen dunklen Flormantel gehüllten Kirchthür⸗ men tändelt helles Glockenſpiel herab, das Mondlicht zittert auf den ſtillen Waſſern, die Windmühlen ſchla⸗ gen lautlos mit ihren Flügeln die Lüfte, kleine Land⸗ häuſer ſchlummern am Rande der Gracht. Da rau⸗ ſchen die Bäume ernſthafter, und eine erhabene Heim⸗ lichkeit und innige Feier zieht, wie der Odem Gottes, durch die verklärte Stille.

Unter dem Drucke vom Winde geblähter Segel ſtreichen ſchwerfällige Fahrzeuge, über welche ein höl⸗ zernes Gebäude aufgemacht iſt, auf den Flüſſen hin. Das ſind ſchwimmende Hütten, wo der Mann mit Weib und Kindern lebt. Die Kinder ſpielen auf dem Verdeck, die Frau handhabt das Steuer, der Mann iſt Matroſe und Kapitän zugleich. Bei Windſtille, wenn die Segel ſchlaff und traurig am Maſte hängen, ſprin⸗ gen Mann und Frau an's Land, ſpannen ſich an ein Tau und ziehen mit der Stärke ihrer Lenden und Schultern ihr eigenes Gehäuſe fort. Auch marſchirt da und dort am Saume des Kanals ein kräftiger Knabe, zuweilen ein gebücktes Weib, mühſam, keuchend ein Bot ſchleppend, das wiederum eine wandelnde Wohnung vorſtellt. In Nordholland, in einiger Entfer⸗ nung von Amſterdam, findet man ſogar Gruppen von zehn, zwanzig und dreißig Barken mit hölzernen Häu⸗ ſern, worin ganze Familien wohnen. Es ſind Dörfer auf dem Waſſer.

Im Innern der verſchiedenen Arten von ſchwim⸗ menden Hütten, die wir ſoeben erwähnt haben, ſieht's gar nicht ſo unwohnlich aus. Eine Platte von Eiſen⸗ blech dient als Feuerſtelle, die kleinen Fenſter ſind mit Vorhängen gedämpft, und die Betten haben die Form von Schubkäſten. Die Bewohner ſind Fiſcher oder Fi⸗ ſcherswitwen mit ihren Angehörigen. Wie die Noma⸗ den der Steppe heute hier ihre leichten Zelte aufſchla⸗ gen und ſchon morgen wieder einen andern Weideplatz ſuchen ſo führen dieſe Waſſernomaden ein unſtätes Wanderleben. Auch Hausthiere wohnen auf den Schiffs⸗ hütten, und es iſt bemerkenswerth, ſie ſchneiden ebenſo ernſthafte Geſichter wie ihre Herren. Der Hahn läßt weit gravitätiſcher ſein helles Kikeriki auf der Gracht erſchallen, als dies der leichtfertigere Landhahn auf ſeinem Düngerhaufen thut. Der kleine von Brettern und Balken umſchloſſene Raum iſt die Welt dieſer Menſchen, die Stätte ihres Glücks und ihrer Leiden. Den feſten Boden betrachten ſie nur als Wirthshaus. Auf dem Waſſer wird ihre Wiege geſchaukelt, der Wind brummt ihnen das Schlummerlied; auf dem Waſſer ſpielen ſie als Kinder, kämpfen als Männer mit der