Jahrgang 
1864
Seite
205
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Das Leben auf dem Waſſer in Holland. 203

den ohne Zweifel darüber auch ſehr aufgebracht wer⸗ den. Es geht langſam, aber die braunen Waſſer des Kanals ſind ſo friedlich, das Fortrutſchen der Schuit ſo ſanft, daß man keine Bewegung verſpürt und kein anderes Geräuſch hört, als das ſchwach plätſchernde Kielwaſſer unter dem Bauche der hölzernen Schildkröte.

Um echt niederländiſche Genrebilder zu ſehen, ſetzen wir uns am Sonntag bei günſtigem Wetter auf eine Treckſchuit, die eine recht frequente Strecke, etwa zwiſchen Haag und Amſterdam, befährt. Die Barke iſt dicht beſetzt, aber es wird ſich ſchon noch ein Plätz⸗ chen finden. Die noblere Abtheilung des Roef kennen wir ſchon; beſehen wir uns darum die Paſſagiere im Ruim. Weil, wie ſchon geſagt, das Wetter gut iſt, ſitzt auf dem Verdecke, wer nur immer eine Ecke oder einen Fußbreit Raum gewinnen konnte gerade ſo wie auf unſeren Stellwagen. Wir drücken uns zum Ruim durch. Ungeheure Tabaksdampfwellen dringen uns entgegen, wir reiben die Augen und ſehen uns um. Hier herrſcht vollkommene Harmonie. Das Lamm weidet neben dem Tiger: die Dienſtmagd ſchläft neben dem Füſilier. Und zwiſchen den Menſchen, die in den Rauchwolken hocken, die lachen, ſchwatzen, gaffen, ſchlafen oder rauchen, liegen Regenſchirme, Stöcke, Taſchen, Säcke, Kiſten, Kaſten, Körbe und Fäßchen mit Thran und Theer, mit Grebetten und Käſe, und das Alles duftet ſo harmoniſch zuſammen, daß wir nach Luft ſchnappen wie ein Fiſch am trockenen Strand. Ein plötzlicher Ruckl Der Ofen fällt ein, die Fracht⸗ ſtücke kollern über die Paſſagiere, die Weiber ſchreien, die Männer lachen, der Schiffspatron flucht wie ein Landfuhrmann. Die Barke iſt mit einem andern Fahr⸗ zeuge, das in entgegengeſetzter Richtung herkommt, zu⸗ ſammengeſtoßen! Die Schiffer tauſchen in ſicherer Ent⸗ fernung einige Grobheiten aus, und die Schuit kriecht friedfertig weiter.

Und nun noch ein anderes Bild, auch ein Cha⸗ rakterbild, freilich ſchlimmerer Art. Die Treckſchuit kehrt Abends zurück, vollgeſtopft mit betrunkenen Ge⸗ ſellen, frechen Mägden und Knechten(ſo nennt man allgemein die Bedienten). Die platteſten, gemeinſten Gaſſenhauer werden abgebrüllt, rohe Späße fallen dicht wie Hagelkörner, und ſelbſt der unbetheiligte Fremde bleibt nicht verſchont von den tölpelhaften Witzen. Vorüberfahrende werden angerufen und be⸗ ſchimpft, die Schnapsflaſche kreiſt, die Geſichter glühen blutroth. Und dazu das fliegende zerraufte Haar der Weiber, ihr liederlicher Anzug, ihre lüſternen Blicke.... Ja, derſüße Pöbel gleicht ſich in allen vier Ecken der Welt!

Die Treckſchuiten gehen täglich zu beſtimmten Stunden, nicht blos von allen Städten, ſondern ſelbſt von mehreren Dörfern Hollands ab und kehren wieder zurück. Manche befahren regelmäßig nur kurze Strecken, wie die zwiſchen Haag und Amſterdam; wieder andere aber vermitteln den Verkehr zwiſchen entfernteren Plätzen. Dauert die Fahrt lange, ſo richtet ſich Federmann häus⸗ lich ein, ſo gut es eben geht. Man ſchreibt, ißt, trinkt und ſchläft, kurz, man ſetzt ſeine Geſchäfte fort wie zu

Hauſe. Denn der Holländer geht ſparſam mit dem Stoffe um, an dem das Leben zehrt, nämlich mit der Zeit. Zuweilen trifft es ſich, daß plötzlich einmal das Geſpräch ſtockt, und ein gemüthliches Schmacken wird hörbar. Dieſe Töne, ſo unartikulirt ſie ſind, kommen uns juſt ganz bekannt vor. Richtig, dort ſitzt Einer beim geöffneten Schnappſacke, mit den Kinnbacken werkend und mit verklärten Augen ſeine guten Biſſen muſternd. Die Weiber nehmen ihr Nähzeug vor, und die älteren unter ihnen den proſaiſchen Strickſtrumpf, nach deſſen Wachſen ſie ſogar die Entfernungen be⸗ meſſen: dieſe Stadt iſt von jener z. B. einen halben Strumpf entfernt. Zuweilen hockt vorn auf der Barke ein Orgelmann, der die langweilige Fahrt durch das Ableiern ſeiner Tänze und Lieder noch langweiliger macht.

Trotz ihrem Schildkrötengalopp hält die Treck⸗ ſchuit mit liebenswürdiger Gravität vor jeder Schleuſe und jeder Brücke und jedem Wirthshauſe. Die Brücken ſind häufig, die Schleuſen zahlreich und die Wirthshäu⸗ ſer liegen klug in nicht zu weiten Zwiſchenräumen für die dürſtende Seele. Der kleine Poſtillon ſtößt in die heiſere Trompete, aus einem Hauſe kommt Jemand heraus meiſtentheils eine Frau hängt ſich an die Brückenketten, die ſchwere Maſchine richtet ſich auf und die Schuit paſſirt ehrfurchtsvoll. Vor den Schleu⸗ ſen wird gehalten, bis die Thore geöffnet ſind und den Durchgang geſtatten.

Bei jedem Umſpannorte ſpringt der Schiffer mit einem Schritte an's Land und iſt verſchwunden. Die Paſſagiere erwarten vergebens ſeine Rückkehr und, un⸗ ruhig über ſein Verſchwinden, ſtellen ſie Nachforſchun⸗ gen an. Das erſte Haus, das ihnen in die Augen fällt, iſt das Wirthshaus mit ſeinem grotesk gemalten Schilde, mit den Bänken unter der gaſtlichen Hage⸗ buche. Wer kann da widerſtehen? Im Vorhauſe liegen mehrere grün angeſtrichene Fäſſer auf einander, und viele Flaſchen ſtehen auf Geſimſen umher, wie blank⸗ geputzte Grenadiere auf der Wachtparade. Alll' dieſe Fäſſer und Flaſchen enthalten Branntwein(Fenever), und es iſt nur der Vorrath einer Woche! Wir laſſen uns eine Pijpje(irdene Pfeife) und ein GlasFene⸗ ver von Schiedam geben. Der Wachholder funkelt ſo klar, wie die blauen Augen der Wirthin, die faſt immer jung und blond und ziemlich hübſch iſt. Plötzlich iſt der Patron wieder da und mahnt zum Aufbruch. Und wenn ſich dieſelben Scenen den langen Tag über ein Dutzendmal wiederholt haben, und wenn es endlich Abend geworden iſt, ſo findet man dann, daß man einen Katzenſprung mehr Weg hinter ſich gebracht hat, als wenn man zu Fuß gegangen wäre. Eile mit Weile, mit viel Weile! Nur einem Fremden kann es einfallen, an den Schiffer die naſenweiſe Frage zu richten: Wann werden wir da und da ankommen? Aber dieſer antwortet auch nur mit einem Blick voll tiefen, unſäglichen Mitleids und ſchiebt gelaſſen ſeinen Kau⸗ taback auf die andere Backenſeite.

Der Patron der Barke iſt ein echt holländiſches Gewächs mit einem breiten, ehrlichen, behäbigen Ge⸗

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