Jahrgang 
1864
Seite
204
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202 Das

herrlichen, ſorgfältig unterhaltenen Straßen hat es ſo⸗ viel Kanäle, wie andere Länder Landſtraßen. Man kann ſagen, das ganze Land hat ſich von den Kanälen und Flußadern aus erbaut und iſt eigentlich ein gro⸗ ßes Gewebe von zahlloſen Inſeln und Inſelchen. Das Waſſer führt jeden in ſeine Stadt, ſein Dorf, ſein Haus. Das Material zu den Kanälen, das Waſſer, war überall vorhanden und der Boden leicht auszugraben. Das zur Seite des Kanals aufgeworfene Erdmaterial er⸗ leichterte zugleich den Bau der Straßen, indem dadurch längs der Kanalſäume Dämme gebildet werden, auf denen die Straßen und Wege hinlaufen. Darum wird ſelbſt der Spaziergänger und Reiter nie den Anblick des Waſſers los, überall begleiten ihn Kanäle und Barken.

Der Waaren⸗ und Perſonentransport geſchieht größtentheils zu Waſſer. Auf dem Meere, auf den Flüſſen und Seen gehen die Dampfbote oder kleinen Segelſchiffe, die an beſtimmten Tagen abfahren, auf den Kanälen die Ziehſchiffe Treckſchuiten. Was anderwärts die Karren, ſind hier die Schuiten. Der Gärtner zieht ſeine mit Gemüſen, Früchten und Blu⸗ men gefüllte Barke ſelbſt zum Markte, und all dieſes Grün, all dieſe Frühlingsſpenden gewähren, geſchmack⸗ voll nach ihren Farben geordnet, einen heitern Anblick auf dem ſchlafenden Waſſer der Grachten. Auf den Kanälen kommen und gehen die Milchſchiffe, voll von eichenen Kübeln, deren blanke kupferne Henkel und Rei⸗ fen wie Gold blitzen. Die Milchmädchen, derbe, friſche Geſchöpfe, drücken und ſtoßen ſich in den Nachen, und zuweilen ſind ganz hübſche Geſichter darunter. Die Bauern bringen ihre Produkte zu Waſſer zu Markte Getreide und Käſe und unglaublich ſchöne Butter. Die größten Laſten ſchlüpfen, vom Waſſer getragen, vom Winde getrieben, leicht und bequem von Ort zu Ort. Die dicken, wuchtigen Waarenballen gleiten, ohne Menſchen oder Pferden Schweißſtröme zu erpreſſen bis vor die Thüren der Waarenhäuſer. Der Bauer bringt nicht nur ſeine Früchte zu Waſſer auf den Markt, er fährt auch zu Waſſer auf ſeine Korn⸗ und Wieſen⸗ felder, deren Segen der ſtarke Nacken des Waſſers willig heimführt. Ueberall iſt die Peitſche durch das Ruder verdrängt. Sogar dem Viehe nimmt man die Mühe des Wanderns ab, es gleitet in ſchwimmenden Stal⸗ lungen auf den Kanälen bis an's Schlachthaus. Daher weniger Staub auf den Landſtraßen und in den Städ⸗ ten, daher auch weniger Thierquälerei. Das volks⸗ thümlichſte Beförderungsmittel für Perſonen ſind die Treckſchuiten, auf denen Altholland in ſeiner ganzen Originalität der Sprache und der Sitten ſchwimmt. Während auf den Dampfern und Eiſenbahnen ein kosmopolitiſches Publikum häufig franzöſiſch ſpricht, hört man hier ausſchließlich die breiten, gravitätiſchen Gurgellaute des Holländiſchen. Die Botfahrten und Kanalſcenen machen geradezu den Hauptreiz der hol⸗ ländiſchen Landſchaft aus; ein Holland ohne Treck⸗ ſchuiten läßt ſich gar nicht denken.

Dieſe holländiſche Arche Näh halb Schiff, halb Omnibus iſt gewöhnlich grün angeſtrichen, etwa

Leben auf dem Waſſer in Holland.

30 Fuß lang und faßt 30 bis 40 Perſonen. Sie iſt in zwei Räume abgetheilt; der vordere, größere heißt der ruim und dient zur Aufnahme von Perſonen und Gepäck; der hintere, vornehmere Theil heißt der roef und iſt koſtſpieliger, aber dafür auch mit mehr Geſchmack eingerichtet. Die vier oder fünf Fenſter haben je nur eine Scheibe, und blaue oder rothe Vor⸗ hänge dämpfen das Tageslicht. In der Mitte ſteht ein Tiſchchen und darauf ein kupfernes oder irdenes Gefäß mit glühendem Torf und ein dergleichen für die Tabaksaſche; beide glänzen und funkeln ſo blank ge⸗ ſcheuert, wie es holländ iſche Reinlichkeit nur vermag. Eine Matte, einen Spiegel und für die Damen einige hölzerne Fußſchämel(stoofjes), die im Winter kleine irdene Gefäße mit etlichen glimmenden Torfſtücken ent⸗ halten, vervollſtändigen die Einrichtung. An beiden Seiten laufen an den Wänden gepolſterte Bänke hin, auf denen die Paſſagiere, wie in einem Stellwagen, einander gegenüber ſitzen. Zuweilen ſtehen auf einem Brette einige Bände, welche die Schiffsbibliothek bil⸗ den. Aus dieſer einfachen, aber bequemen Einrichtung athmet der ganze nationale Charakter des Holländers. Man kann den roet einer Treckſchuite ſchon einige Tage vor der beabſichtigten Reiſe miethen, denn das Fahr⸗ zeug kommt und gehtan beſtimmten Tagen, zu beſtimm⸗ ter Stunde, es iſt unfehlbar wie das Schickſal.

Der ruim hat drei Reihen Bänke, welche den Raum der Länge nach durchſchneiden. Der kleine freie Raum am Schiffsſchnabei dient als Stapelplatz der Ballen, Kiſten und Tonnen. Am Hintertheil ſteht gra⸗ vitätiſch der Steuermann, der ohne Unterlaß raucht wie ein Dampfbot. Auf dem Vordertheile der Arche ſteigt eine zum Range eines Maſtes erhobene Stange auf, von deren Spitze zum Ufer ein langes Seil hin⸗ ausgeht, an das ein oder zwei dürre Klepper geſpannt werden.

Die Stunde der Abfahrt ſchlägt. Eine Glocke ruft die Nachzügler an Bord, das Zugpferd langt an, und ein Junge hockt darauf, bucklig und verwachſen. Mit vollen Lungenflügeln ſtößt er in die übelgelaunte Trompete, deren abſcheuliche Quaks aus einem wohlbe⸗ völkerten Entenneſte hervorzuquellen ſcheinen. Dieſer Junge heißthet Jagertje(das Jägerchen oder der kleine Treiber), und ſeine ſchlechte blecherne Trompete hat ungefähr die Form eines Jagdhorns. An man⸗ chen Plätzen hängt demJagertje auch ein Ochſen⸗ horn über die dürren Schultern, womit er die Signale

gibt zur Abfahrt der Schuit, zum Oeffnen der Schleu⸗ ſen, zum Aufziehen der Kanalbrücken oder um die ent⸗ gegenkommenden Schuiten zu warnen. Am häufigſten zeigt er jedoch dieſes Alles durch Schreien an. Endlich ſetzt ſich der lebensmüde Gaul mit klapperndem Gebein und allzu ſichtbaren Rippen in einen verzweiflungsvol⸗ len Hundetrab der Pferdejunge würgt eine Fanfare aus der ochſenhornigen Trompete, ein gelinder Ruck, und am ſtramm angezogenen Stricke gleitet ſeine nach⸗

ſchwimmende Bürde dahin. Man muß es zugeben, das Fahrzeug läßt ſich keinen Exceß in der Schnelligkeit zu Schulden kommen, und die reiſenden Holländer wür⸗