Jahrgang 
1864
Seite
203
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Am Sterbebette Svatopluks, Königs von Mähren.

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Am Sterbebette Svatopluks, Königs von Mähren.

(Hiezu die Bilderbeilage.)

1s Svatopluk, der Gründer des groß⸗mähriſchen

Reiches, auf dem Sterbebette lag, theilte er ſein

Reich unter ſeine drei Söhne. Mit dem Bündel

der drei Stäbe lehrte er ſie brüderliche Ein⸗

tracht, und prägte ihnen lebhaft ein, wie noth⸗

wendig ihnen dieſe Eintracht ſei, um das Reich

zu erhalten. Aber der Stern des groß⸗mähriſchen Reiches war mit Svatopluk verblichen!

Drei Haupturſachen waren es, welche den Unter⸗ gang des groß⸗mähriſchen Reiches herbeiführten: Die Zwietracht der Söhne Svatopluks, der Abfall der böh⸗ miſchen Herzoge, und das Magyarenvolk, das ſich wie ein Keil inmitten des Slavenreiches hineindrängte; Arnulf, der Erzfeind, hatte ſie alle, wenn nicht hervor⸗ gerufen, doch befördert und begünſtiget.

Seit 894 ſtreiften die Magyaren über die Donau nach Unter⸗Pannonien, im Jahre 900 ſtand hier keine einzige Kirche mehr, die der allgemeinen Zerſtörung entgangen wäre. Indeß wurde Mähren ein Schauplatz des heftigſten Bruderkrieges, in welchem Arnulf den jüngeren Svatopluk gegen Mojmir und Zobor unter⸗ ſtützte. Mojmir ſiegte jedoch über ſeinen Bruder, und ſein Reich, obgleich durch den Verluſt von Böhmen und Pannonien geſchwächt, war noch immer ſtark genug, der Macht Arnulfs zu widerſtehen.

Das Schickſal des mähriſchen Reiches wurde ent⸗ ſchieden in der Schlacht bei Preßburg(908). Helden⸗ müthig kämpfend fiel hier Fürſt Mojmir und mit ihm die Blüthe des mähriſchen Adels und Volkes, und das Land, welches eben daran war, den Gipfelpunkt ſeines Ruhmes zu erſteigen, verlor auf immer ſeine Bedeutung.

Das Leben auf dem Waſſer in Holland.

dem der ergötzlichſten Nebenfiguren in Immer⸗ ow manns kürzlich erwähntemMünchhauſen iſt 31 unſtreitig Myn Heer van Streef, der holländi⸗ ſche Rentenierer, der ſich von den Geſchäften zu⸗ rückgezogen hat und auf ſeinem Landhauſe Welgelegen bei Amſterdam, umgeben von einem Kanal, einer ebenen Wieſe und zwölf Windmühlen, ein höchſt idylliſches Leben führt. Des Morgens trinkt er im Luſthäuschen ſeines Gartens Thee, raucht ſeine Pfeife dazu und lieſt dann andächtig den Text ſeiner Kansbillets Stück für Stück, obgleich derartige Schrift⸗ werke bekanntlich gleich lauten. Nachmittags zum drit⸗ ten Thee vertieft er ſich in die Lektüre ſeiner Amſter⸗ damer Stadtobligationen und raucht abe als, und ſo gehts Tag für Tag. Eine Hauptaufgabe des alten Herrn aber iſt, den Augenblick der Ankunft jeder der ſechs Schuiten, welche täglich von Harlem nach Amſter⸗ Erinnerungen. 88. Bd. 1864.

dam vorüber fahren, auf einer ſchwarzen Tafel im Luſt⸗ häuschen zu notiren und aus den Unterſchieden wö⸗ chentlich eine mittlere Zeit herauszurechnen, wobei es⸗ ihm tiefen Kummer verurſacht, daß dieſe Mittelzeiten nie ſtimmen wollen, auch wenn er ſie auf Monate, ja ſelbſt Jahre ſchlägt, und daß alſo die rechte mittlere Ankunftszeit des Nationalfahrzeugs ein unlösbares Räthſel bleibt. Wir mußten unwillkürlich des würdi⸗ gen Myn Heer van Streef und ſeiner Begeiſterung für die täglichen Treckſchuiten gedenken, als wir das ſoeben erſchienene treffliche Werk von Dr. Albert Wild überdie Niederlande, ihre Vergangenheit und Ge⸗ genwart(2 Bde. Leipzig, Otto Wigand) laſen, wel⸗ ches über die Eigenthümlichkeiten des im Allgemeinen ſo wenig gekannten und beachteten holländiſchen Lebens in allen ſeinen Erſcheinungen ſehr anziehende Schil⸗ derungen und dankenswerthe Belehrungen gibt. Na⸗ mentlich im zweiten Bande, bei dem AbſchnittLand und Leute trat die Romantik von Welgelegen uns immer vor das Auge, und die Kapitel überdas Leben auf dem Waſſer übten beſondere Anziehungskraft auf uns aus, da ſie einen praktiſchen Kommentar zu den mehr phantaſtiſchen Schilderungen Immermanns enthalten und an ſich wohl geeignet ſind, das Intereſſe deutſcher Binnenbewohner rege zu machen.

Hölland iſt das ſonderbarſte Land Europa's. Die Landſchaft hat einen trockenen, nüchternen, klaren Ton; flach und weit geht das Bild hinaus, ohne Hügelwellen, ohne Abwechslung. Der blaſſe Himmel liegt fern ab, nicht mit einem duftumfloſſenen Gebirge zuſammenge⸗ ſchmolzen. In der weiten Ebene ſtehen Windmühlen, geſpenſtiſch mit den langen Armen geſtikulirend. Da und dort hebt ſich ein Kirchthurm keck aus ſeiner Baum⸗ umgebung heraus ſonſt aber nichts Hohes, kein grüner Hügel, auf dem das irrende Auge ausruhen könnte, nirgends eine Reihe von Felſen oder Steintrümmer, nur plattes grünes Land, beſäet mit Schafen und Kü⸗ hen, überall Weidenbäume, überall Waſſer, aber ſchla⸗ fendes Waſſer, in enge Betten gedrängt, in geraden Linien gezogen. Da gibt's keine Willkür in Breite und Richtung, keine natürlichen Krümmungen, ſondern nur ſcharfe ſpitze Winkel. Nirgend blinkt im Bette der niederländiſchen Kanalflüſſe ein reiner Kieſel, nirgends ſchäumt eine Welle über ſchroffe Steine. Der See iſt hier kein klares Waſſerauge, ſondern eine trübe, ſeichte, ungeheure Pfütze ohne Tiefe, ohne Geheimniß. Tiefes Schweigen liegt auf jeder Landſchaft, doch iſt dieſe nicht eintönig langweilig, ihre Seele iſt immer das Waſſer. Silbern umzieht es wie ein Gürtel die üppigen ſaftig⸗ grünen Wieſen, ſilbern blitzt es durch das Laubwerk der unabſehbaren Weidepflanzungen. Holland gleicht einem Holzſchnitte, einer durch das Stereoſkop geſehenen Pho⸗ tographie ſauber, beſtimmt, zierlich, reich an artigen Kleinigkeiten. Und über ſeinen Waſſern ſchwebt der Genius des Handels, des Fleißes, des Wohlſtandes.

In Holland gibt es ein Leben, das man anderswo nicht oder nur ſchlecht kennt: das Leben auf dem Waſſer; und unter allen Ländern der Welt könnte Holland am

erſten die Eiſenbahnen entbehren, denn neben ſeinen

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