198 Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“
verlaſſen. Ich glaubte recht zu thun, aber nun, wo mir im Angeſichte des Todes die Dinge klarer werden, ſehe ich ein, ich habe an ihm, ich habe an Dir gefrevelt! — Wenn ich ſeine Nation haßte, warum willigte ich in Deine Vermälung? Wenn ich ſelbſt ſtarr an meinen Vorurtheilen und Neigungen hing, warum hatte ich nicht Nachſicht mit den ſeinen?— O kehre um, Elſe, kehre um, wenn es noch möglich iſt!“
„Sprecht nicht ſo viel, Vater, es ſtrengt Euch an!“
„Nicht mehr,“ ſtöhnte der Alte und das Todes⸗ röcheln wurde hörbar,„nicht mehr!“
„Vater, Ihr ſterbet,“ rief verzweiflungsvoll das Weib und warf ſich über ihn hin.„O lebt, Ihr müßt leben, ich bin ja allein.“
„Gott ſegne ihn und Dich!“ Dies waren die letzten Worte des ſterbenden Dänen. Der Tod hatte ihn tolerant gemacht.
Krampfhaft ſchluchzend und verzweifelnd lag das Weib an der Leiche ihres Vaters und konnte kein Gebet finden, um ſich das Herz zu erleichtern. Erſchüttert hatten Wall und Berger der furchtbaren Scene zu⸗ geſehen und waren keinen Augenblick im Zweifel, daß Elſe das Weib Wilhelms, die Schwiegertochter des alten Schulmeiſters, Mariens Schwägerin war. Als ſich die Heftigkeit ihres Schmerzes in ruhiges Weinen aufgelöſt hatte und ſie vernünftigen Erörterungen zu⸗ gänglicher ſchien, faßte ſich Berger ein Herz, ſie an⸗ zureden.
„Hört mich an, gute Frau,“ ſprach er,„bielleicht tröſten Euch meine Worte.“
Ohne eine Antwort zu geben, ſtarrte ihm Elſe in’s Geſicht.
„Seht mich nicht ſo ungläubig an,“ fuhr Berger fort,„ich kenne Euch und Euer Schickſal. Ich weiß, daß Ihr den braven Wilhelm und die kleine herzige Marie verlaſſen habt, um der Nationalfeindſchaft zu genügen. Daran habt Ihr Unrecht gethan, gute Frau, denn Euer Mädchen iſt ein holder, guter Engel.“
„Ihr kennt mein Kind?“ rief Elſe, ſprang auf und faßte den Jäger hart an.„Was wißt Ihr davon?“
„Ich hielt es geſtern in dieſen meinen Armen.“
„Es iſt todt?!“
„Beruhigt Euch, Frau. Es iſt nicht todt. Es iſt geborgen. Das Kind und der Großvater haben Zuflucht gefunden im Hauſe der Deutſchen!“
„Und Wilhelm?“ fragte tonlos die Frau.
„Wir ſind ihm nicht begegnet,“ entgegnete achſel⸗ zuckend der Jäger.„Vielleicht haben ihn heute die Kugeln Euerer Landsleute getödtet.“
Schluchzend ſank Elſe zur Erde und verbarg ihr Geſicht in den Händen.„Fch habe groß gefehlt,“ ſeufzte ſie,„ich hatte eine Familie, ehe ich ein Vaterland hatte, ich hätte die Rechte meiner Familie höher achten ſollen. Nun iſt Alles vorbei.“
Wall, welcher ſich inzwiſchen ſo weit erholt hatte, um ſprechen zu können, bemühte ſich, Elſen zu tröſten. „Es wurden heute wieder Deutſche, welche in den däni⸗ ſchen Soldatenrock geſteckt worden waren, kriegsgefan⸗
gen,“ ſprach er,„vielleicht iſt Euer Gatte unter ihnen. Eilen Sie, Berger, um uns Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen.“
Berger entfernte ſich. Elſe aber war nicht zu tröſten.„Herr,“ ſprach ſie zu Wall,„ich kann die Zurückkunft des Soldaten nicht erwarten, denn ſeine Botſchaft ſchmettert mich auf alle Fälle nieder. Ent⸗ weder er bringt die Nachricht von dem Tode meines Gatten und dann trifft mich der Vorwurf, daß ich mit⸗ ſchuldig bin an ſeinem Tode, oder mein Wilhelm lebt und dann werde ich unglücklich, denn er kann mir nicht verzeihen. Ich habe keine Familie mehr, ich will keine mehr haben. Unſtät will ich umherirren und un⸗ glücklich ſein, ich habe es nicht anders verdient.“
Wal redete der Frau zu, ſo viel er konnte. Er ſuchte ihr zu beweiſen, daß ſie es ihrem Kinde ſchuldig ſei, zu ihrem Gatten zurückzukehren; es war Alles um⸗ ſonſt. Elſe fühlte ſich ſchuldig und wollte durch ein freudeloſes Leben Buße thun.„Ich kann nicht hier bleiben,“ ſprach ſie,„denn ich könnte meinem Gatten nicht in's Auge ſehen. Ich habe das Recht, welches ich an ihn und unſere Kleine hatte, freiwillig weggeworfen, ich darf es nicht zurückfordern, denn eine ſchlechte Mut⸗ ter kann niemals zur guten werden. Ich ſuche meine Verwandten in Dänemark auf und will den Reſt mei⸗ nes Lebens vertrauern. Kommt mein Wilhelm, dann ſagt ihm, daß ich blutige Thränen weinen möchte über mein Unrecht, daß ich ihn noch immer liebe, daß ich jedoch mit ihm nicht leben kann, da jeder Blick ſeines Auges ein Vorwurf, jede Umarmung meines Kindes ein Gewiſſensbiß wäre. Lebt wohl.“ Sie küßte noch⸗ mals das kalte Antlitz ihres Vaters, trat vor die Thür der Hütte und verſchwand im Dunkel der Nacht.—
Berger ſuchte inzwiſchen die Kriegsgefangenen. Er fand ſich bald zurecht. Die Schleswiger waren von den übrigen Gefangenen ausgeſchieden und einer klei⸗ nen Anzahl Oeſterreicher zur Bewachung übergeben worden. Es war aber keine Bewachung nöthig, denn dieſe Leute machten gewiß keinen Fluchtverſuch. Sie fühlten ſich vielmehr glücklich, ihren Peinigern auf geſetz⸗ liche Weiſe entzogen zu ſein. Er trat zu ihren Lager⸗ feuern und fand eine ſehr bewegte Scene. Die Gefan⸗ genen unterhielten ſich auf's freundſchaftlichſte mit ihren Wächtern, theilten mit dieſen Nahrung und die beſten Plätze am Feuer und machten die Luſtbarkeiten derſel⸗ ben mit. Es wird wenig Soldaten geben, welche ſo leicht die größten Strapazen ertragen wie die öſter⸗ reichiſchen. Die forcirten Märſche, die blutige Schlacht mit all' ihren Mühſeligkeiten waren nicht im Stande geweſen, die Fröhlichkeit der Truppen zu dämpfen. Mit noch von Pulver geſchwärzten Geſichtern tanzten die tapferen ungariſchen Huſaren ihren Nationaltanz und ſangen ſo luſtig und friſch d'rein, als ob gar nichts vor⸗ gefallen wäre. Die deutſchen Soldaten thaten es ihnen gleich und ſangen und jubelten, wie es ihnen nach dem erfochtenen Siege auch zukam. Nur einige der Gefan⸗ genen lagen abſeits von dem Orte des allgemeinen Getümmels und blickten traurig vor ſich hin. Sie moch⸗ ten wohl ein ſchweres Herz haben, mochten ungewiß


