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Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“ 197
Während er alſo ſeinen Gedanken nachhing, wur⸗ den die erſten öſterreichiſchen Bajonette ſichtbar. Ein Bataillon Jäger löſte ſich in Plänklerketten auf und es fielen die erſten Schüſſe. Wir haben nicht die Abſicht, hier eine eingehende Beſchreibung der Schlacht bei Overſee zu liefern, dieſelbe iſt Jedermann noch in gutem Gedächtniſſe, denn Wunder von Tapferkeit thaten unſere Truppen und ein glänzender Sieg ward erfochten. Wir wollen nur ſo viel für unſere Geſchichte herausnehmen, als die Helden derſelben angeht.
Die Jäger begannen, wie wir bereits erwähnten, das Gefecht. Die Erſten unter den Erſten waren Wall und Berger. Sie trafen auf den Trupp deutſcher Soldaten und wunderten ſich nicht wenig, als dieſe, das Gewehr beim Fuße, ſie erwarteten. Unſere Jäger ſtutzten und zögerten, ihre Gewehre abzufeuern. Die Verwun⸗ derung derſelben ſtieg jedoch, als deſſenungeachtet einige der Männer getroffen zu Boden ſtürzten, getroffen von den Kugeln ihrer Hintermänner.
„Nehmt ſie gefangen, Kinder,“ rief Wall ſeinen Leuten zu,„es ſind Schleswiger, welche gegen uns nicht kämpfen wollen, nehmt ſie gefangen.“
Die Leute gehorchten und die Deutſchen wurden ohne Widerſtand zu Kriegsgefangenen gemacht. Nun entbrannte ein fürchterliches Gefecht. Die Soldaten nahmen ſich die Zeit nicht, ihre Gewehre abermals zu laden. Bajonette kreuzten ſich mit Bajonetten, die Kolben dienten als Mordwaffen, Leib an Leib entſpann ſich das Gefecht. Inzwiſchen hatte auf allen Linien die Schlacht begonnen. Das Knallen der Gewehre, das Donnern der Kanonen, der wilde Schlachtruf der Sol⸗ daten, hie und da übertönt von dem Schmettern der Trompeten, es gab ein Koncert, um die Sanftmuth raſend, die Gleichgiltigkeit zur Verzweiflung zu bringen. Die däniſchen Freiwilligen waren geworfen und zogen ſich zu ihren Truppenkörpern zurück. Unaufhaltſam ſtürmten die Jäger und Wall an ihrer Spitze vor⸗ wärts. Der treue Berger folgte ihm und hielt man⸗ chen Streich von dem Haupte ſeines Officiers ab. Wer hat aber Augen genug, um den Tollkühnen in jeder Gefahr des Lebens zu beſchützen? So ging es auch dem treuen Diener. Den Hieb eines zum Tode getrof⸗ fenen däniſchen Reiteng, welchen dieſer im Todeskampfe knirſchend nach Wall führte, konnte er nicht abwenden, und ſo ſank unſer Lieutenant am Kopfe verwundet zur Erde, leblos, vom Blute übergoſſen.
Berger warf die Waffen weg, ergriff ſeinen ge⸗ liebten Führer, hob ihn auf die Schultern und trug ihn nach rückwärts dem Verbandplatze zu. Der Arzt war gerade damit beſchäftigt, verwundete Dänen zu ver⸗ binden.
„Laſſen Sie doch die Kerle liegen, Herr Doktor,“ rief Berger;„hier haben Sie würdigere Arbeit. Unſer brave Lieutenant iſt zum Tode getroffen und braucht ſchnelle Hilfe. Helfen Sie doch.“
„Gleich, mein Beſter,“ entgegnete der Doktor, „wie ich mit dem Mann hier zu Ende bin.“ 4
„Laſſen Sie den doch liegen, Herr Doktor, es iſt ja ein Däne.“
„Es iſt ein Menſch, mein Guter,“ entgegnete ruhig der Arzt und arbeitete weiter.
Berger brummte etwas von ſchlechten Freun⸗ den, legte ſeinen Officier ſanft auf die Erde nieder und wuſch ihm das Geſicht ab. Dabei jammerte er in einem fort.„Armer Herr.“ ſeufzte er,„ſo jung ſoll er aus dem Leben. Was hat er denn ſchon genoſſen? Kaum vierzehn Tage Krieg und ſonſt gar nichts. Das Bischen Liebſchaft wiegt nicht mit, die eigentliche Liebſchaft hätte erſt begonnen, denn ich laſſe es mir nicht nehmen, in die ſchöne Comteſſe war er verliebt. Wer kriegt nun den Orden, welchen er ſich verdient hat? Es iſt ent⸗ ſetzlich!“
„Nun, wo fehlt's?“ fragte der Doktor, welcher mit dem Dänen fertig war.
„Da, da,“ entgegnete Berger und wies auf die klaffende Wunde,„ich glaube aber, es fehlt ihm nichts mehr.“
Der Arzt unterſuchte den Verwundeten und er klärte die Wunde für nicht tödtlich.„Wenn er Ruhe und gute Pflege hat,“ ſprach er,„dann kann er gerettet werden.“
„Sie ſind komiſch, Doktor,“ antwortete Berger, „wenn Sie von Ruhe und Pflege reden. Ruhe am Schlachtfelde und in unſeren Feldſpitälern, wo auf je ein Bett drei Kranke kommen. Halt, ich hab's!“ rief er aus und machte einen Luftſprung.„Er muß nach Kron⸗ werda. Die Comteſſe und meine Marie werden ihn ſchon pflegen.“
Wall wurde verbunden und in der Hütte eines Feldhüters untergebracht. Dieſe Unterkunft war aber nur ſehr nothdürftig, denn es lag bereits ein Verwun⸗ deter darin, an deſſen Krankenlager ein junges hübſches Weib verzweiflungsvoll die Hände rang. Berger wachte am Lager ſeines Officiers und kümmerte ſich um den Dänen und das Weib nicht viel. In der Nacht, es mochte an zwölf Uhr ſein, kam Wall zur Beſinnung, gerade recht, um den letzten Todeskampf ſeines Nach⸗ bars mit anzuſehen und den Jammer desſelben mit anzuhören.
„Ich ſterbe, Elſe,“ wimmerte der Verwundete, „ich muß Dich allein zurücklaſſen, allein durch meine Schuld!“
„Beruhigt Euch, Vater, es iſt nicht ſo ſchlimm,“ entgegnete das Weib, und bemühte ſich, ihre Thränen zurückzuhalten.
„Es iſt ſo ſchlimm, mein Kind. Ich habe genug für dieſes Leben!— O verzeihe mir, Elſe,“ fuhr er wimmernd fort,„verzeihe mir, daß ich in meiner Leiden⸗ ſchaft Dich aus den Armen Deines Gatten riß, daß ich gegen das Gebot Gottes frevelte, welches ſagt: Du mußt Vater und Mutter verlaſſen und dem Manne folgen.“
„Ich folgte Euch ja freiwillig, Vater,“ entgegnete das Weib.„Es iſt demnach meine Schuld und nicht die Eure!“
„Nein, meine allein,“ entgegnete der Mann. „Wilhelm war ein braver Mann und Gatte! Ich haßte den Deutſchen in ihm und beredete Dich, ihn zu


