Jahrgang 
1864
Seite
196
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Julius Roſen:Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

einander, er achtete ihre Gefühle und unterdrückte die Aeußerungen ſeiner Abneigung gegen ihr Volk. Sie that desgleichen und ſo lebten ſie glücklich, glücklicher, als ihnen dieſer kleine Engel geboren ward. Als aber die politiſche Bewegung im Lande wuchs, als der Pa⸗ triotismus meines Sohnes erwachte, da regte ſich die Dänin in dem Weibe des Deutſchen und es kam zu Erörterungen, wie ſie im Schoße einer Familie niemals vorkommen ſollten. Sie vergaß, daß ihr Vaterland, ihre Heimat der geliebte Gatte, das geliebte Kind ſein ſollen, und verließ Beide, als ihr Vater mit unſeren Unter⸗ drückern davonzog. Ich fluchte ihr nicht, aber die Klagen des Kindes, das nach ſeiner Mutter jammerte, fluchten ihr, die Blicke meines Sohnes, welcher beim Scheiden die Gattin ſuchte, der er ſein Liebſtes, ſein Kind anver⸗ trauen wollte, fluchten ihr, und ſo glaube ich denn, daß auch Gott ihr geflucht hat!

Der Alte ſchwieg und Wall und Berger ehr⸗ ten durch Schweigen ſeinen Kummer.

Das Schmettern der Trompeten weckte Alle aus dem tiefen Nachdenken.

Wall erhob ſich und forderte den Alten auf, ſich zum Marſche nach Kronwerda bereit zu machen.Ich laſſe Euch zum Gros meines Bataillons zurückführen, ſprach er,und von da wird man Euch ſchon weiter eskortiren, bis Ihr in den Armen Eurer Tochter Euch erholen könnt von den Strapazen des Marſches. Ich würde Euch gerne einen Wagen und Pferde verſchaffen, aber mir ſtehen keine zur Verfügung und im Dorfe werde ich kaum welche auftreiben können. Der Alte wickelte die kleine Marie in ein Tuch und machte ſich zum Abmarſch bereit.

Kommt denn, ſprach Wall und wollte auf die Straße hinaus, um den Alten einem ſeiner Leute zu übergeben. Da fiel ſein Blick auf Berger der die Hand am Hute ſich vor ihn hinſtellte undHerr Lieute⸗ nant, ich möchte bitten brummte.

Was wollen Sie, Berger? fragte Wall.

Ich möchte, ſtotterte Berger,meine Familie ein Stück eskortiren, um ſie beim Bataillon mit Nach⸗ druck einzuführen. Ich kann das beſſer als unſere Bur⸗ ſchen, und ehe es zur Schlacht kommt bin ich ja wieder hier.

Braver Burſche, entgegnete gerührt von dem einfachen und doch wahren Gefühle Bergers der Officier;gehe denn mit Gott!

Das ließ ſich unſer Berger nicht zweimal ſagen. Er nahm dem Alten das Kind aus den Armen, trug es ſorgſamer als manches Kindermädchen, und mit demſelben ſchäkernd und koſend führte er ſeinen Schwiegervater dem ſichern Aſyl zu. Er mag ihm wohl manche Botſchaft für Marie mitgegeben haben.

5. Die Dänen hatten ſich, nachdem ſie ſo unerwartet

das Zwinguri, das Dannewerk geräumt und mitſammt den großen Kriegsvorräthen den Oeſterreichern über⸗

laſſen hatten, in größter Eile zurückgezogen und eilten auf Overſee zu. Die öſterreichiſchen Truppen verfolgten ſie und es dämmerte bereits, als die Verfolgten Halt machten, um es mit ihren Feinden aufzunehmen. In einem günſtigen Terrain warfen ſie ſo ſchnell als möglich Verhaue auf und erwarteten die Oeſterreicher. Betrachten wir uns ein wenig die Vorbereitungen zu dem bevor⸗ ſtehenden Kampfe. Die am wenigſten ermüdeten, noch nicht im Kampfe geweſenen Bataillone wurden in das erſte Treffen geſtellt und Freiwillige welchen nach einem Zuſammentreffen mit unſeren braven Kriegern gelüſtete, bildeten die Vorpoſten. Es hieße gegen die däniſchen Krieger ungerecht ſein, wollte man ihren Muth und ihre Tapferkeit in Zweifel ziehen. Schon der Umſtand, daß es Freiwillige gab, welche Muth genug hatten, mit den Siegern von Königsberg anzubinden, ſpricht dafür, daß auch die däniſche Armee mit Entſchloſſenheit und brav kämpfte. Ihr Ruf wäre ungetrübter, hätte nicht die Grauſamkeit, welche wir nun ſchildern wollen, ſtatt⸗ gefunden. Außer den Freiwilligen wurden auch noch die in den däniſchen Regimentern eingetheilten Deutſchen vorwärts kommandirt. Dieſe Männer, welchen man mit Gewalt das Schwert in die Hand gezwungen, ſollten gegen ihre Befreier kämpfen oder, falls ſie es nicht thäten, ſollten die Erſten von den Kugeln derſelben fallen. An 200 Mann, entſchloſſene, ernſte Geſtalten ſtanden ſie da, mit dem feſteſten Vorſatze, keine Hand zu rühren gegen die heranrückenden Truppen.

Unter dieſen Braven befand ſich auch Mariens Bruder, der unglückliche Wilhelm. Ein großer ſtarker Mann von etwa dreißig Jahren mit edlem, gebräuntem Antlitz wie ein Kriegsgott ausſehend, Krieg und Kampf im tiefſten Herzen und doch entſchloſſen, ſich wehrlos hinſchlachten zu laſſen für die Sache ſeines Vaterlandes.

Da ſteht an der Téte, Burſche, ſprach der dä⸗ niſche Major zu den Männern,und zeigt, ob auch der Deutſche tapfer ſein kann. Macht ja keinen Verſuch, mit dem Feinde gemeinſchaftliche Sache zu machen. Eure Hintermänner haben den Auftrag, Euch wie Hunde niederzuſchießen, wenn Ihr Miene macht, uns zu ver⸗ rathen.

Wir werden nicht gegen Dänemark kämpfen, Herr Major entgegnete Wilhalm;denn wir haben den Fahneneid geſchworen, gezwungen zwar, aber doch geſchworen. Wir werden aber auch keinen Schuß thun gegen unſere Brüder, mögen ſie das Schlimmſte mit uns machen.

Wüthend über dieſes heilloſe deutſche Geſindel, wie er die Krieger nannte, entfernte ſich der Major und überließ die Entſchloſſenen ihren Betrachtungen.

Wilhelm dachte an Vater und Kind und auch an ſein Weib.Wann wird, ſo ſprach er zu ſich ſelbſt, der Haß der Nationen ſchwinden, und Liebe das Band ſein, welches die ganze Welt umſchlingt. Wann werden wir freie Bürger eines großen freien Vaterlandes ſein und nur einer Nation angehören, der Menſchheit! Man ſieht, daß Wilhelm wirklich ein Deutſcher war, denn er philoſophirte phantaſirend und phantaſirte über

Philoſophie.