Jahrgang 
1864
Seite
189
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Feuilleton. 189

wenig Schreie hört. Die Geſichter ſind bleich und ver⸗ derrt, jede Bruſt keucht, jeder Mund ſchnappt nach Luft, as Blut ſtockt in den Adern, die Stirn iſt mit Schweiß bedeckt, die Beine wanken und Hunderte würden zu Boden ſtürzen, wenn ſie nicht von ihren Nebenleuten eingepreßt und mit fortgetragen würden. Fällt Jemand wirklich, ſo verſchwindet er ſofort unter den Füßen und wird zu Tode getreten. Solche Schreckensſcenen dauern ſelten länger als zehn Minnten, aber immer gibt es Opfer. Die herzzerreißendſte Kataſtrophe der Art ereignete ſich bei der Feier der Vermälung Ludwigs XVI. mit Marie Antoinette. Kleinere Unfälle kommen häufig vor.

Beim Beginn der guten Jahreszeit feiert auch das Boulogner Gehölz ſein großes Feſt von Longchamp. Dieſes Feſt iſt aus alten Wallfahrten entſtanden. Die Abtei Longchamp, die im Gebiete des Waldes liegt, war wegen der Wunder berühmt, welche ihre Gründerin Iſa⸗ belle, eine Schweſter Ludwigs des Heiligen, in ihrem Grabe verrichtete.Die Blinden wurden ſehend, die Lahmen warfen die Krücken fort, die Kranken erhielten auf der Stelle ihre Geſundheit wieder, heißt es in einer alten Chronik. Die Berühmtheit der Abtei führte ihr viele Nonnen zu, unter denen mit der Zeit ein ſehr un⸗ chriſtliches Leben einriß. Nun wurde Longchamp ein Mode⸗ ort und blieb es. Vor hundert Jahren erſetzte es den Pariſern die in der heiligen Woche geſchloſſenen Theater. In der Kirche wurden während dieſer Zeit Koncerte ge⸗ geben, in denen Damen der Oper mitſangen. Die Em⸗ poren waren wie Theaterlogen anzuſehen und enthielten Kopf an Kopf gedrängt die vornehmſte Geſellſchaft. Die Damen zeigten ſich zum erſten Male in ihren Sommer⸗ kleidern, die Herren ließen ihre neuen Pferde und Wagen bewundern. Ein frommer Erzbiſchof von Paris nahm an dieſem Treiben Aergerniß, verbot die Kirchenmuſiken in der heiligen Woche und verſcheuchte dadurch die welt⸗ lichen Beſucher. Sie ſind übrigens wiedergekommen, und obgleich von der Abtei nichts übrig geblieben iſt als eine Mühle, die der jetzige Kaiſer hat wiederherſtellen laſſen, und einige Trümmer, iſt Longchamp in der Woche vor Oſtern noch heute der Zielpunkt zahlloſer Equipagen.

Der endloſe Wagenzug beginnt auf dem Baſtillen⸗ Platze, läuft über die Boulevards, lenkt in die Königs⸗ ſtraße ein, theilt ſich am Triumphbogen des Sterns in wei Ströme, die in der Allee der Kaiſerin wieder zu⸗ haanmnengilepen. und verbreitet ſich in den Baumgängen des Boulogner Gehölzes. Die Reihe der Wagen iſt nicht blos lang, ſie iſt auch breit, ſechs bis acht Equipagen fahren nebeneinander, und eine doppelte unabſehbare Kette von Reitern faßt ſie ein. Alle Wagen und Reiter bewegen ſich an der Stelle der alten Abtei vorüber, ſo will es die Mode, die in dieſem Falle der Tradition un⸗ wandelbar treu geblieben iſt. An dieſen Tagen ſieht man am beſten, daß Paris eine reiche Stadt iſt, und daß die Statiſtiker Recht haben, wenn ſie behaupten, nie habe es in der franzöſiſchen Hauptſtadt ſo viele Luxuswagen ge⸗ geben wie jetzt. An dieſem glänzenden Zuge nehmen Viele Antheil, Männlein wie Fräulein, für die es eine Spekulation iſt, ſich bei dieſer Gelegenheit ſehen zu laſſen. Man ſollte nicht glauben, daß in dem ungeheuren Ge⸗ wühl Einzelne bemerkt werden, und doch iſt es der Fall. Der Börſenſpieler erhält doppelten Kredit, wenn er ſich in einem eigenen Wagen dem Zuge nach Longchamp an⸗ geſchloſſen hat. Dieſe Fahrt mitmachen zu können, iſt der Ehrgeiz jeder Dame der zweideutigen Geſellſchaft. An dem erſten Tage, wo ſie ſich anſchließen kann, haben ihre Pferde ſchlechte Zeit. Sie beſucht jeden Winkel des Boulogner Gehölzes und fährt bei der Rückkehr bei allen Laden vor, wo ſie zu kaufen pflegt. Von dieſem Augen⸗ blicke an hat ſie Kredit wie eine Herzogin. Ob ſie ihren Wagen und ihre Pferde lange behalten wird, iſt eine andere Frage. Das Schauſpiel auffallender Glückswechſel kann man bei dem Feſte von Longchamp jedes Jahr haben. Vor nicht langer Zeit erregte der Wagen des ungariſchen Fürſten V. durch ſeine Eleganz und ſein präch⸗

tiges Geſpann allgemeines Aufſehen. Im nächſten Jahre erſchien derſelbe Wagen mit denſelben Pferden wieder, aber der Beſitzer hatte gewechſelt. Nicht der ungariſche Magnat hielt die weißen Zügel in den Händen, ſondern ein Auvergnat, ein ehemaliger Schornſteinfeger, der als Direktor einer Geſellſchaft mit einem Kapital von drei Millionen Frauken ſich ein großes Vermögen erworben hatte.

Für die Geſellſchaft, die an der Fahrt nach Long⸗ champ Theil nimmt, gibt es im Boulogner Gehölz nur wenige Wege. Unter zehn Leuten, die zu Wagen den Wald beſuchen, ſind ſicherlich neun, die immer dieſelbe Runde machen. Sie wollen ſich nicht der Natur erfreuen, ſie wollen ſehen und geſehen werden. Dieſe Leute er⸗ ſcheinen auch immer zu einer gewiſſen Stunde, vor dem Mittageſſen, von drei Uhr an. Wer einſam ſein will, wem es auf Waldſchatten und friſche Luft ankommt, der braucht blos andere Stunden und andere Wege zu wählen. Es gibt Gänge genug, auf denen man nicht mehr Men⸗ ſchen begegnet, als in der fernen Provinz. Zwei Schritte, und man iſt mitten im Gewühl, wieder zwei Schritte, und man iſt unter dem grünen Blätterdach allein.

Der ſchönen Punkte im Walde ſind zu viele, als daß wir ſie einzeln ſchildern könnten. Die ſchönſten von allen ſind Neuſchöpfungen, die der arteſtiſche Brunnen ermöglicht hat: Seen, Bäche, ſprudelnde Quellen und Waſſerfälle. Die beiden Hauptſeen, der obere und untere genannt, liegen im Mittelpunkte des Gehölzes. Hier hat die Kunſt alle ihre Kräfte aufgeboten und ſich verſteckt, nachdem ſie ihr Werk vollendet hatte. Der obere See iſt von ſanft geneigten Höhen eingefaßt, aus deren Raſen Felſen und Gruppen von Geſträuch ſich erheben. In den kleinen Buchten, die man dem Waſſer gegraben hat, gruppiren ſich hohe Waſſerpflanzen, zwiſchen denen die Seeroſe ihre Blumenkelche von Elfenbein und Gold auf ihren flachen Blättern zur Schau ſtellt. Aus dem See ergießt ſich ein Fluß, der zwei lange Inſeln umgibt. Den nächſten Punkt der erſten Inſel bezeichnet ein eleganter Kiosk umgeben von einem Chaos ſteiler, mit Moos be⸗ kleideter Felſen, um deren Fuß dichte Epheubeete ſich ziehen. Kähne ſind immer bereit, die Beſucher mit we⸗ nigen Ruderſchlägen überzuſetzen. Drüben findet man einen Kiesweg, der zwiſchen Beeten von Hortenſien, Geranien und Malven zu einem reizenden Schweizerhäuschen führt.

Beide Inſeln ſind ſtark bewaldet, am meiſten die nördliche. Man hat ſie geſchaffen, indem man den Boden rings um ſie ausgrub und Waſſer hineinleitete. Vor kur⸗ zem erſt iſt dieſe Arbeit vollendet worden und ſchon ſind alle Spuren verwiſcht. Ueberall bedeckt Raſen die Erde, die Felſen ſind mit Mooſen, Flechten und Schlingpflanzen bekleidet. Waſſerpflanzen durchbrechen die Oberfläche der Seen, und die kleinen unter Laub verſteckten Bäche ſind mit Schilf gefüllt. Auf der nördlichen Inſel hat man Fichten, Stechpalmen, Buchsbaum, Ginſter baumartige Farn und Wachholder gepflanzt, die durch ihre düſtern Farben und ihren eigenthümlichen Bau den etwas wilden Charakter dieſes Parktheils noch ſchärfer hervortreten laſſen. Eine aus Baumſtämmen gebildete Brücke führt zu der zweiten Inſel. Dieſe hat einen wellenförmigen, mit dich⸗ tem Raſen überzogenen Boden und gewährt einen man⸗ nigfaltigen Anblick. Die Geſträuchgruppen und die Ein⸗ faſſungen der Wege beſtehen aus den ſeltenſten Pflanzen. Neben Kamelien, Rhododendrons, Azaleen und Magnolien ſtehen ſilberfarbene Sopo⸗Fichten, Nadelhölzer aus Schott⸗ land und dem Norden, Tulpenbäume, Cedern vom Liba⸗ non und aus Virginien, Araucarien, mexikaniſche Ceralo⸗ ganien und Bäume aus Oſtindien, Auſtralien und Japan. Rieſige Pflanzen von bizarren Formen wiegen über einer Fluth von Fuchſien ihre einzige purpurrothe Blüthe auf einem ſchlanken Stengel von zehn Fuß Höhe.

Mehrere Wege führen zu den Waſſerfällen. Es ſchadet nichts, wenn man den unrechten wählt, denn man macht in dieſem Falle blos einen Umweg und lernt einen neuen ſchönen Theil des Waldes kennen. Hier ſieht Alles wie