188 Feuilleton.
und 1815 hatten die Engländer und Deutſchen in der Umgegend von Boulogne gelagert und nach Art der Sol⸗ daten gewirthſchaftet. Als Ludwig XVIII. den Schaden durch neue Anpflanzungen ausglich hielt er ſich an den alten Plan und blieb bei den ſchnurgeraden Alleen, die ſich in rechten Winkeln durchſchneiden. Der jetzige Kaiſer hat aus dem Walde einen engliſchen Park gemacht, und von dieſer Schöpfung wünſchen wir, daß ſie ihn überle⸗ ben möge. Durch den Landſchaftsgärtner Varé iſt unter perſönlicher Mitwirkung des Kaiſers und insbeſondere der Kaiſerin ein poetiſcher Plan entworfen und in ſechs Jah⸗ ren ausgeführt worden. Zwölfhundert Arbeiter haben Erde, Felſen und Waſſer herbeigeſchafft, Seen und Flüſſe ausgegraben, Höhen und kleine Berge aufgeſchüttet. Die alten geraden Alleen ſind bepflanzt und verſchwunden, die neuen Wege ziehen ſich in anmuthigen Windungen durch den Wald und gewähren hundert liebliche Aus⸗ ſichten. Schöne Bäume, Sträucher und Pflanzen aus fremden Welttheilen vereinigen ſich zu Gruppen, und in wenigen Jahren wird der Pflanzenwuchs die letzten Spu⸗ ren verdecken, welche die Hand des Menſchen noch zu⸗ rückgelaſſen hat. Dann wird das Gehölz von Boulogne unvergleichlich ſchön ſein und alle anderen Parks in der Nähe von Hauptſtädten, den Londoner Hydepark, den Wiener Prater, den Berliner Thiergarten, den Dresdener großen Garten, das Leipziger Roſenthal weit hinter ſich zurücklaſſen.
Die bedeutenden Koſten dieſer Umwondlung, die auf zwei Millionen Franken veranſchlagt war, aber ohne Zweifel weit mehr koſtete, hat der Kaiſer ſeiner guten Stadt Paris aufgebürdet. Bei der Rolle die das Bou⸗ logner Gehölz im Pariſer Leben ſpielt, können wir darin keine Unbilligkeit ſehen. Auch die Koſten der Unterhal⸗ tung muß Paris tragen und alle neuen Arbeiten aus⸗ führen, welche die Regierung für nothwendig hält. Dieſe Laſten werden indeſſen durch Einnahmen ausgeglichen und es könnte ſogar ſein, daß im Budget des Gehölzes ein kleiner Ueberſchuß figurirte. Als man den arteſiſchen Brunnen bohrte, der die Seen und Flüſſe des Waldes ſpeiſt, ſtieß man auf Felſen, unter denen ein ſehr durch⸗ läſſiger Sand lag. Dieſer Boden war für die Anlage eines Eiskellers wie geſchaffen und man ging ſofort an’s Werk. Man hat zwei Gewölbe übereinander gebaut und ſie durch eine aufgeſchüttete Erdſchicht von fünf Fuß Dicke, auf der mit Stroh gedeckte Schuppen ſtehen gegen die Sonne geſchützt. In dieſem ungeheuren Eiskeller iſt für zwanzig Millionen deutſche Zollpfund Eis Platz, und gehen davon durch Schmelzen zehn Millionen Pfund ver⸗ loren, ſo bleiben immer noch ebenſo viel für den Ver⸗ kauf übrig. Das Eis gewinnt man im Boulogner Ge⸗ hölz ſelbſt von den Seen und Flüſſen und ſchafft es auf der bei dem Eiskeller vorbeiführenden Eiſenbahn nach Paris, wo Alles bis auf das letzte Pfund verbraucht wird. Den reinen Nutzen dieſes Geſchäfts veranſchlagt man auf achtzigtauſend Thaler jährlich.
Der arteſiſche Brunnen, bei dem man auf den glück⸗ lichen Gedanken des Eiskellers kam, iſt nicht ganz ſo tief, wie ſein älterer und berühmterer Bruder, der Brun⸗ nen von Grenelle. Der letztere geht 1738 Fuß in die Erde hinab, der im Boulogner Gehölz blos 1632. Bei dieſem wendete man einen Bohrer an, der 3600 Zoll⸗ pfund wog und mit ſieben Sägezähnen von Gußſtahl jeder ſechszehn Pfund ſchwer bewaffnet war. Mehrmals brachen Zähne, doch konnte man ſie leicht aus dem Schacht ſchaffen, indem man einen Magnet hinabließ, der ein Gewicht von vierhundert Zollpfund hob. Der ſchwerſte Unfall war der Einbruch der proviſoriſchen Röhre, die aus Eiſenblech beſtand. Sie wurde von den gegen ſie preſſenden Erdmaſſen eingedrückt, und es verfloß eine lange Zeit, ehe man die Stücke herausgezogen und eine Röhre von Gußeiſen eingeführt hatte.
Das Säulenmonument, das ſich über dem Brunnen erhebt, iſt ein elegantes und originelles Werk. Es iſt faſt hundert Fuß hoch, beſteht ganz aus Gußeiſen und wiegt
über vierhunderttauſend Pfund. Den Mittelpunkt bildet eine mächtige Säule, um die eine Wendeltreppe läuft, die nach außen hin von eleganten kleinen Pfeilern be⸗ grenzt wird. Aus der Baſis jedes dieſer hohen Pfeiler tritt der Körper eines Delphins hervor, der auf den Or⸗ namenten der Stützen ruht und aus ſeinem abwärts ge⸗ neigten Kopfe einen doppelten Waſſerſtrahl ausſpeit. Das Ganze wird von einer hohen Laterne, um die eine ſchöne Galerie läuft gekrönt und hat ein ungemein luſtiges Auſehen.
Wie das Gehölz von Boulogne, ſo ſind auch die elyſeiſchen Felder die ſeinen Vorhof bilden, umgewan⸗ delt worden. Einen prächtigeren Vorhof kann man ſich nicht denken. Die erſten Künſtler haben ihre Phantaſie erſchöpft, den ganzen Raum mit harmoniſchen Linien zu durchziehen. Jetzt ſind dieſe Arbeiten vollendet und die ſchönſten Gärten, die prächtigſten Gebäude bieten ſich dem Auge dar. Nicht blos die vornehmen Hotels der Vorſtadt St. Honoré grenzen an die elyſeiſchen Felder an, auch auf dem linken Ufer der Seine ſtehen jetzt neue und reiche Stadttheile, die bis zum Fluß gehen und dem Platze einen unvergleichlichen Charakter von Eleganz und Majeſtät verleihen.
Die glänzende Zeit der elyſeiſchen Felder und des Boulogner Gehölzes beginnt im April, wenn die Früh⸗ lingsſonne die erſten warmen Strahlen wirft. Die Pa⸗ riſer halten ſich für Kinder des Südens und fühlen ſich im Winter höchſt unbehaglich. So wie die Natur wieder erwacht verläßt Alles die Stadt, die eine Art Winter⸗ ſchlaf gehalten zu haben ſcheint. Nun wimmeln die ely⸗ ſeiſchen Felder von Menſchen, und es gewinnt faſt den Anſchein, als ob die Pariſer, deren Stadt auf einem gegen Weſten ſich ſenkenden Boden ſteht dem Geſetz der Schwere folgend nach dieſer Seite hinabgerutſcht ſeien. Folgt man dieſen Menſchenmaſſen mit den Blicken, ſo gewahrt man, daß ſie auf dem Wege, der zum Triumphbogen des Sterns und von da zum Boulogner Gehölz führt, am dichteſten ſind. In den Hauptgängen ſind Reiter und Wagen eng auf einander gedrängt, in den Neben⸗ wegen iſt Alles mit Fußgängern in eleganter Kleidung oder in Kitteln bedeckt.
Finden Volksfeſte ſtatt, ſo iſt das Gedränge in den elyſeiſchen Feldern ſo arg, daß es Furcht erweckt. Die Terraſſe der Tuilerien bietet den beſten Standpunkt dar, das Menſchengewoge zu überblicken. Vor ſich hat man eine halbe Million Köpfe Menſchen von jedem Alter und Geſchlecht, durch die Wucht der Maſſe dicht gegen einander gedrängt. Die Schale iſt voll, und doch em⸗ pfängt ſie immer neue Fluthen, die ihr von den Quais, durch die Königsſtraße, die Rivoli⸗Straße und die Vor⸗ ſtadt St. Honoré zuſtrömen. Man ſtaunt bei dieſem Anblick, daß der Obelisk von den um ſeinen Fuß ſtru⸗ delnden Maſſen nicht umgeworfen wird. Der dramatiſche und zugleich gefährliche Augenblick iſt in der Rückkehr. Die letzten Raketen des Feuerwerks ſind verpufft und die verſammelten Hundertauſende haben alle nur den einen Gedanken, ſo ſchnell als möglich nach Hauſe zu kommen. Dadurch entſtehen in den dichtgedrängten Haufen tauſend verſchiedene Bewegungen und es vergehen Minuten, eine Viertel⸗, eine halbe Stunde, ehe ſich ein regelmäßiger Abfluß hergeſtellt hat. Längere Zeit kann man Maſſen beobachten an denen der Menſchenſtrom vorbeizieht, ohne daß ſie ſich von der Stelle bewegen können. Erſt wenn eine Menge abgezogen iſt, die zur Bevölkerung von zehn Provinzialſtädten hinreichen würde, bekommen dieſe un⸗ beweglichen Maſſen Luft und gerathen in Fluß. Nun pflegt Ungeduld zu entſtehen und eine Kataſtrophe iſt zu befürchten. Es braucht weiter nichts, als daß ein Ge⸗ drängter einen Schrei ausſtößt oder eine Frau ohn⸗ mächtig wird, um einen paniſchen Schrecken hervorzuru⸗ fen. Die Maſſen ſchwanken hin und her, wie Baum⸗ wipfel in einem Sturme, und ſtoßen aufeinander. So groß iſt die Furcht, die bei einem ſolchen Gedräng ent⸗ ſteht, und ſo nahe fühlt ſich Jeder dem Tode, daß man


