Feuilleton. 187
der Zimmer, das Bettmachen und das Stiefelwichſen mit inbegriffen war.
Um dieſe Zeit geſchah es, daß die eben am Ruder befindliche Regierung ihm die Zumuthung ſtellte, ſeinen Rang als General der Artillerie mit dem eines Generals der Infanterie zu vertauſchen und als ſolcher gegen die Rohaliſten in der Vendée zu ziehen, welche damals in hellem Aufſtande ſich befanden; als Bonaparte die Gewäh⸗ rung dieſes Wunſches rundweg abſchlug, ſtrich man ihn von der Liſte der Generale und entzog ihm allen Sold. Seine Erſparniſſe waren bald aufgezehrt und er dachte wiederholt daran, Paris zu verlaſſen und ſich der Land⸗ wirthſchaft oder Induſtrie zuzuwenden; allein Paris hatte doch ſeine Reize für ihn, und er bezog daher im Jahre 1795 ein kleines einfach ausgeſtattetes Logis(für 20 Fres. monatlich) in Nr. 19 der Rue de la Michodiere, einige Häuſer vom Boulevard des Italiens entfernt. Von hier zog er ſpäter nach dem Hôtel Mirabeau in einem Sack⸗ gäßchen dicht neben den Tuilerien, einem alten verräucher⸗ ten dreiſtöckigen Hauſe, in welchem er das Appartement Nr. 5 bezog und wahrſcheinlich 18 Fres. monatlich als Miethe bezahlte. Indeſſen— er war nicht weit von den Tuilerien, und wer weiß, was ſein„Stern“ ihm beſtimmt hatte! Der junge General machte bald einen tiefen Ein⸗ druck auf das Herz der„Bürgerin“ Frl. Fanchette, der ein⸗ zigen Tochter des alten Rouget, dem das Haus gehörte. Bürger Rouget merkte allmälig, wie die Sache ſtand und er entſchloß ſich auch, den General zum Schwieger⸗ ſohn zu nehmen, doch unter der Bedingung, daß derſelbe das Heer und das Soldatenhandwerk aufgebe und die Ver⸗ waltung des Hauſes und der Gaſtwirthſchaft, welche die Tochter einmal erben werde, übernehme.
Bonaparte war unter den obwaltenden Umſtänden vielleicht nicht gleich von vorn herein abgeneigt, dieſen Vorſchlag anzunehmen; allein— der Gang der menſchlichen Dinge iſt wunderlich! Paris ſtand in Waffen, in allen Be⸗ zirken der Stadt wurde mit Erbitterung gefochten, und Frl. Fanchette traf das Geſchick, daß in der Straße St. Roch unweit ihrer bäterlichen Wohnung eine Kugel ihr das Bein zerſchmetterte; ſie wurde in das Hôtel Mirabeau gebracht, das man zu einem improviſirten Spital oder einer Ambulance eingerichtet hatte, und hier wurde ihr das beſchädigte Bein abgenommen. Damit war Papa Rouget's goldener Traum von Heirat und Schwiegerſohn grauſam zerſtört; der lebhafte junge General, das mußte er ſich ſagen, konnte und mochte nicht wohl eines Gaſt⸗ wirths Tochter mit hölzernem Bein heiraten. Zum Troſt fand der alte Mann bald einen Abnehmer, der ihm ſein Geſchäft abkaufte und es fortſetzte, und ſo konnte er ſei⸗ nen längſt gehegten Wunſch erfüllen und ſich nach ſeiner Vaterſtadt in der Gascogne zurückziehen, wo er noch die Freude erlebte zu vernehmen, wie ſein ehemaliger Schwie⸗ gerſohn in spe, ſein„junger General“ ſich zum Kaiſer der Franzoſen aufſchwang. Fräulein Fanchette fand auch noch einen Gemal, einen jungen Kaufmann in der er⸗ wähnten Stadt, der ſich um ihr hölzernes Bein wenig kümmerte und ſie zu einer glücklichen Gattin und Mutter machte. Junot bekam zufäͤllig Kunde von Fanchette's Heirat und ſetzte den Kaiſer davon in Kenntniß; dieſer ſchickte ſofort einen Adjutanten nach der Gascogne, wel⸗ cher in ſeines Gebieters Namen das neuvermälte Paar be⸗ grüßte und demſelben eine koſtbare Wiege überreichte, in welcher ein prächtiges Schmuckkäſtchen verborgen war, das zwanzig Bauknoten jede zu 1000 Frcs., beherbergte. Papa Rouget, dem die glückliche Verſorgung ſeiner Toch⸗ ter ſchon große Freude machte, rief beim Anblick der kai⸗ ſerlichen Geſchenke und nachdem er die kaiſerlichen Glück⸗ wünſche vernommen:„Gottlob, Unglück iſt doch auch zu Etwas gut!“
Aus dem einfachen Hôtel Mirabeau in dem Sack⸗ gäßchen war Bonaparte in das glänzende Hétel de la Colonnade in der Rue Neuve des Capucines, und alſo wieder in die Nähe der Tullerien, gezogen. Hier ſchlug der General als oberſter Befehlshaber der Armee des In⸗
landes nebſt ſeinem ganzen Stabe ſein Hauptquartier auf; hier empfing er den Beſuch von Eugen Beauhar⸗ nais und deſſen Mutter; hier ſah er zuerſt ſeine Joſe⸗ phine. Nach der Vermälung mit derſelben bezog er das einfache, aber elegante Haus Nr. 52 in der Rue Chan⸗ tereine, welche Straße in Folge der von ihm erfochtenen Siege in Italien ihm zu Ehren den Namen Rue des Vic⸗ toires erhielt, den ſie bis zum heutigen Tage fuhrt. Die⸗ ſes Haus war die letzte Privatwohnung des immer höher ſteigenden Bonaparte; ſpäter wohnte er nur noch in Pa⸗ läſten: im Luxembourg das der erſte Konſul wahrſchein⸗ lich nur als Durchgangspunkt zu den erſehnten kaiſerli⸗ chen Tuilerien betrachtete; ſpäter, als ſein Stern zu ſinken begann, wohnte er im Elhſée; endlich vertrauerte er, fern von sa France chérie, die letzten Jahre ſeines Lebens im Schloſſe Longwood auf dem Felſeneiland Helena; und erſt 1840 führte der Prinz von Joinville die Aſche des großen Todten in den Juvalidendom von Paris zu⸗ rück damit der Wunſch erfüllt werde, den Napoleon in ſeinem letzten Willen ausgedrückt hatte:— daß ſeine Gebeine beſtattet werden ſollten sur les rives de la Seine.
Der Wald der Pariſer.
Unſere modernen Hauptſtädte ſchwellen zu Ungeheuern an. Gleich den Polypen des Meeres ſetzen ſie ein ſteiner⸗ nes Gehäuſe nach dem andern an und drängen Wald, Feld und Wieſe weiter und weiter zurück. Wie viele engliſche Acker London bedeckt und wie viele es von Jahr zu Jahr weiter verſchluckt, iſt oft berechnet. Im ähn⸗ lichen Maßſtabe dehnt und reckt Paris ſeinen Rieſenleib, indem es ſich zugleich in ſeinem Innern umwandelt alte Häuſer Plätze und Straßen gleich fremdartig geworde⸗ nen Elementen ausſtößt und ſeine ſchönſten geſchichtlichen Erinnerungen opfert um als modernſte der modernen Städte der ungläubigen Welt beweiſen zu können, daß Frankreich wirklich an der Spitze der Civiliſation mar⸗ ſchire. Dieſes Paris iſt ein Meer von Steinen, das die Ebenen überſchwemmt, die Thäler ausfüllt und ſeine Wogen an den Bergen hinaufſteigen läßt. Wo die Väter der heutigen Generation noch Weingärten, Sümpfe, Wei⸗ zenfelder und Wieſen kannten, da gibt es jetzt Häuſer, nichts als Häuſer. Alte Dörfer, die durch weite Zwi⸗ ſchenſtrecken von Paris getrennt wurden, haben ſich nach und nach genähert und ſind endlich mit dem Städte⸗ Ungeheuer verſchmolzen. Anderen, die ſich nicht von der Stelle bewegen wollten, iſt Paris entgegengegangen und hat ſie an ſich herangezogen. Wo man die Umgegend der Stadt auch betrachte, überall wird man Gebäude⸗ gruppen und Häuſerreihen ſehen, die ſich wie Arme aus⸗ ſtrecken und nach irgend einem Orte greifen der bald in Paris aufgehen wird. Gegen Weſten laufen zwei ſol⸗ cher Arme; der eine reicht bis Asnieres, der andere, der zwei Stunden lang iſt, bis St. Cloud. Zwiſchen dieſen beiden Armen liegt ein Gebiet, das von der Regierung gegen die Bauwuth der Pariſer geſchützt wird, eine grüne Oaſe in einer ſtaubwirbelnden Sahara von Stein, der Wald der Pariſer, das Gehölz von Boulogne. So viel Schönes und Merkwürdiges vereinigt ſich auf dieſem Ge⸗ biet, daß ſich ein Buch darüber ſchreiben läßt. Dieſes Buch iſt denn auch geſchrieben und iſt ein vorzügliches, mit dem ſich alle unſere Leſer, die Paris beſuchen, be⸗ kannt machen ſollten: Paris au Bois, par Edouard Gourdon, IIlustrations d'Edmond Morin.(Paris, Mi- chel Levy Frères.) Es gibt die Geſchichte des Bon⸗ logner Gehölzes, die eine ſehr intereſſante iſt, beſchreibt den jetzigen Zuſtand des Waldes und der elyſeiſchen Fel⸗ der, die ſeinen Vorhof bilden, und gewährt auch einen Einblick in die wiſſenſchaftlichen Arbeiten, deren Schau⸗ platz das Boulogner Gehölz iſt.
Der Wald in ſeinem gegenwärtigen Zuſtande iſt eine Schöpfung Napoleons III. Bei den Einfällen von 1814
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