Jahrgang 
1864
Seite
181
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Pariſer Tagesberühmtheiten. 181

Etabliſſements beliefen ſich täglich auf faſt 2000 Fran⸗ ken. Das erfährt man endlich in den Tuilerien. Man ſpricht davon beim Hofe, man lobt das Unternehmen Muſard's. Nur ein Impuls, ein großes Beiſpiel iſt nöthig, um dasſelbe in die Höhe zu bringen, pour faire marcher la chose, wie der Franzoſe ſagt. Dies ge⸗ ſchah, und zwar auf die eklatanteſte Weiſe. An einem ſchönen Juniabend verlaſſen mehrere Hofequipagen die Tuilerien und fahren, nicht wie gewöhnlich in die große Oper oder ſonſt in ein Theater, ſondern direkt in die elyſäiſchen Felder und in's Koncert Muſard. Die Wa⸗ gen halten. Die Kaiſerin ſteigt aus, von mehreren Hofdamen und Kammerherren begleitet, Muſard will ſeinen Augen nicht trauen, man ſagt, er habe geweint; das Orcheſter iſt wie elektriſirt, und unter den rauſchen⸗ den Klängen despartant pour la Syrie wird die Kai⸗ ſerin auf einen ſchnell improviſirten Chrenplatz geführt. Das Koncert beginnt. Zugleich füllt ſich aber auch der Garten ſchnell und in erſtaunlicher Weiſe. Immer mehr Equipagen und Karroſſen halten am Eingang, Herren und Damen ſteigen aus, in höchſter Toilette wie zu einem Hofball, Senatoren und Staatsräthe, manche ſogar in Uniform, der Fürſt Metternich mit ſeiner Gemalin, der engliſche und der perſiſche Geſandte, die Marſchälle Canrobert und Mac Mahon und Generäle und Stabsofficiere in Menge. Alle Damen tragen ein Veilchenbouquet, der Kaiſerin zu Ehren, und nun wird es Jedem klar, daß das Ganze ein abgemachter verabredeter Scherz iſt, aber ein edler und ſchöner, ein wahrhaft kaiſerlicher. Von jenem Abend an datiren Muſard's goldene Tage.

Wer iſt der Profeſſor Maurh? Dem Leſer, wenn er nicht zufällig Archäologe iſt und als ſolcher die Werke des genannten Akademikers geleſen hat, iſt wohl kaum der Name Maury bekannt, aber der Träger des⸗ ſelben erfreut ſich der beſonderen Gunſt des Kaiſers keine Kleinigkeit und wohl der Mühe werth, daß man erfahre, wie das gekommen. Napoleon arbeitet be⸗ kanntlich ſeit langen Jahren an einer Lebensbeſchreibung Julius Cäſars, von welcher bereits der erſte Band ge⸗ druckt worden ſein ſoll. Begreiflich hat jedoch der Kaiſer noch ſonſtallerlei Geſchäfte, ſo daß ihm oft wenig Zeit zum Schriftſtellern übrig bleibt, namentlich zum Nachleſen und zum Quellenſtudium. Dabei wünſcht aber der hohe Autor die Fortführung ſeines Werkes nicht auf eine gar zu lange Bank hinauszuſchieben und er beauftragte alſo Mérimée, ihm einen tüchtigen Mit⸗ arbeiter zu ſuchen. Ein kitzliger Auftrag, deſſen ſich der Genannte inſofern geſchickt entledigte, als er fünf Ge⸗ lehrte von anerkanntem Ruf in der römiſchen Geſchichts⸗ forſchung dem Kaiſer vorſtellte. Die Herren, unter denen ſich auch der Akademiker Maury befand, wußten nichts von dem eigentlichen Zweck, Napoleon unterhielt ſich ein paar Stunden lang mit ihnen und lernte ſo ſeine Leute kennen. Bald darauf erhielt Maury ſeine Ernennung zumBibliothekar der Tuilerien, was ihn um ſo mehr überraſchte, als ſeines Wiſſens gar keine Bibliothek im Schloſſe war. Dem Kaiſer war natür⸗ lich dieſer letztere Umſtand eine Nebenſache; er hatte

einfach an Maury Gefallen gefunden und wollte ihn in ſeiner Nähe haben. Der Bibliothekar⸗Titel war nur ein Vorwand, dem Akademiker auf anſtändige Weiſe ein Gehalt von 10.000 Frcs. zuzuwenden. Bei Hofe war das Erſtaunen nicht gering, den bis dahin nur in gelehrten Kreiſen bekannten Maury plötzlich im Schloß erſcheinen zu ſehen, noch dazu in ſo beſonderen Verhältniſſen, in nächſter unmittelbarer Nähe des Kaiſers! So arbeitet denn nun Maury drei Mal wöchentlich mit Napoleon zu feſtgeſetzten Stunden, und es iſt ſchon mehrfach vor⸗ gekommen, daß der Miniſterrath in dem großen Saale, der an das Kabinet des Kaiſers ſtößt, warten mußte, bis Se. Majeſtät den Akademiker entlaſſen hatte. Einmal hat ihm der Kaiſer ſogar ungenirt geſagt:Bleiben Sie nur hier in meinem Zimmer, ſetzen Sie ſich auf meinen Platz und ſchreiben Sie weiter, bis ich zurückkomme.

Als im vorigen Jahre Napoleon ſeinen berühm⸗ ten Beſuch auf Schloß Ferriéres machte, war natürlich auch viel die Rede von den Herrlichkeiten, welche die Rothſchild'ſche Tafel geboten hatte. Wie heißt denn der Tauſendkünſtler, der jetzt der Küche deskönigli⸗ chen Bankiers vorſteht? Es iſt Monſieur Guignard, den derFigaro damalsle grand prêétre dans le sanctuaire culinaire nannte und deſſen Namen diePatrie ſtolz zu den beiden anderenunſterblichen Kochkünſtlern Vatel und Brillat⸗Savarin ſchrieb. Aber Spaß verſteht er nicht, der Herr Obermundkoch, und eines Tages wollte er faſt ſeine Demiſſion geben, ganz wie ein Miniſter, der ſein Portefeuille zurückſchickt, wenn er ſieht, daß ermit Ehren nicht mehr beſtehen kann. Die Sache ſoll die geweſen ſein. Monſieur Guignard reicht an einem Monatsſchluß wie gewöhnlich dem In⸗ tendanten des Hauſes ſeine Rechnung ein, 18.500 Fres. Eine hübſche Summe für einen Monat Küchen⸗ koſten, ſelbſt wenn man Rothſchild heißt. Der Inten⸗ dant erlaubt ſich wenigſtens dieſe Bemerkung, die aber Monſieur Guignard ſehr übel nimmt, indem er ant⸗ wortet, Jener ſolle ſich um das bekümmern, was ihn angehe. Der glaubt aber, daß ihn als den oberſten Hausverwalter auch dieſe Ausgabe angehe, weigert ſich zu zahlen und die Sache kommt vor denHerrn. Herr von Rothſchild erlaubt ſich dieſelbe Bemerkung, wie der Intendant. Da reißt unſerm Guignard die Geduld und er erklärt, ſo ſei er nicht gewöhnt behandelt zu werden. Er habe im Laufe des Monats zwei große Gala⸗Diners gehabt, ſtatt des gewöhnlichen einen, was denkleinen Ueberſchuß hinreichend erkläre(ſonſt hat er nur 15.000 Fres. monatlich), und wenn der Herr Ba⸗ ron nicht mit ihm zufrieden ſei, ſo brauche er es nur zu ſagen; überhaupt habe er keine Luſt, in einem Hauſe Koch zu ſein, wo man ihm auf die Finger ſehe, und wenn der Herr Baron Kutſcher⸗Diners geben wolle (diners de cochers de fiacre), ſo möge er ſich nach einem andern Chef ſeiner Küche umſehen. Und was that darauf Herr von Rothſchild? Er beſchwichtigte den ſchlimmen, aber unentbehrlichen Geſellen.

Beim Vater des jetzigen Rothſchild ſtand Mon⸗ ſieur Dugléré in Dienſt,der große Adolphe, der ge⸗ genwärtig im Palais⸗Royal ein unter den Gaſtrono