Jahrgang 
1864
Seite
180
Einzelbild herunterladen

180

Pariſer Tagesberühmtheiten.

darunter verſtände, wünſchte ſie ſich nur fünfundzwan⸗ zig Franken alsGeſchäftsfond. Die Sache war ſo: Für die genannte Summe konnte die Frau eine kleine Fruchthöckerei unter einem Thorweg kaufen, und zwar von einer andern alten Frau, die ſichvon den Ge⸗ ſchäften zurückziehen wollte, und damit den Grund legen zu einem täglichen Verdienſt von zwei bis drei Franken, ihrGeſchäft vielleicht außerdem mit der Zeit erweitern, jedenfalls ſich aber dadurch vor dem Verhungern ſchützen. Die fünfundzwanzig Fres. wur⸗ den denn auch zuſammengebracht und die Fraueta⸗ blirte ſich. Solch' einen Fond nun hat mehr oder we⸗ niger Jeder, der zur Straßeninduſtrie gehört; nur die allerletzte Sorte beſitzt auch ihn nicht und hat gar nichts, als ſich ſelbſt und die Hoffnung auf irgend eine günſtige Gelegenheit, ein paar Sous zu verdienen. Das ſind die Pariſer Gamins! Wahre Kinder des Zufalls, kann auch nur der Zufall ihnen die gebratene Taube in der Geſtalt eines Zwei⸗ oder Vierſousſtücks zufüh⸗ ren; aber er thut es auch in hundertfacher Weiſe, denn Gott verläßt die Seinen nicht. So wie einer von den tauſend Wagen, die von früh bis ſpät auf den Boulevards hin und herrollen, anhält.. gleich eilt ein Gamin hinzu, öffnet den Schlag, hilft der Dame ganz manierlich beim Ausſteigen und hat ſein Trinkgeld verdient. Oder man wünſcht einen Wagen der Ga⸗ min ſcheint das zu wittern, flugs ſpringt er fort und in den erſten beſten leeren Wagen hinein, läßt vorfahren, händigt uns auch die Nummer des Kutſchers ein und hat ſich vermuthlich von dieſem ebenfalls ein kleines Trinkgeld geben laſſen. Die Stühle auf den vorneh⸗ men Boulevards ſind an ſchönen Nachmittagen, obwohl deren viele Tauſende überall ſtehen, faſt ſämmtlich be⸗ ſetzt; man ſucht vergebens einen freien Platz, und zwar mehr für ſeine Dame, als für ſich ſelbſt. Umſonſt: ein Königreich für einen Stuhl! Ein ſauberer Burſch bietet uns ſofort zwei an, pour Madame et pour Mon- sieur, er hat ſie auf ſein Riſiko genommen und jeden mit zwei Sous bezahlt, wir geben ihm dafür zehn Sous. 3u dem folgenden Spitzbubenſtreiche gehören zwei Gamins: Kommt ein feiner Herr gegangen, der froh iſt, aus dem ſchmutzigen Macadam auf's ſaubere Trottoir zu gelangen, da wenn man ein Unglück haben ſolll tritt ihm ein ungeſchickter Knirps auf den Stock und der Stock fällt gerade in den Schmutz. Sofort ſpringt aber ein anderer Gamin(ein Helfershelfer) her⸗ bei, holt den Stock aus dem Schmutz, wiſcht ihn ſorg⸗ fältig ab und überreicht ihn dem Gentleman, der froh iſt, bei dem Unglück wenigſtens ſeine neuen Handſchuhe geſpart zu haben. Der Liebesdienſt iſt ſchon ein paar Sous werth! Der Leſer glaube nur nicht, daß derglei⸗ chen Geſchichten erfunden ſind. Solch' ein Fall, wie der ſoeben erzählte, iſt ſchon vor dem Polizeigericht ver⸗ handelt worden. Ein Stadtſergeant hatte nämlich zwei Gamins bei dieſem Streich beobachtet, den ſie in etwa einer Stunde nicht weniger als fünf Mal geſpielt, und ſie darauf arretirt. Que voulez-vous, ſagte der Eine von ihnen zum Präſidenten, les temps sont si mauyais et on invente toutes sortes de choses quand

V

on a faim et quand on veut rester honnéte. Der Schluß iſt namentlich charakteriſtiſch; auch wurden die Burſchen nach einer derben Vermahnung frei gelaſſen. Als wenn dieſe Schlingel nicht arbeiten könnten! hat wohl Jemand Luſt auszurufen. Derſelbe hat Recht und auch nicht; aber der Pariſer Gamin iſt einmal ein Taugenichts, und wenn er arbeitete wie andere Leute, ſo wäre die Hauptſtadt der Welt um einen ihrer inter⸗ eſſanteſten Typen ärmer. Zudem iſt es gar nicht ſo ſchlimm mit den Gamins, die faſt ſämmtlich, eben weil ſie nichts Beſſeres zu thun wiſſen, mit dem ſiebzehnten Jahre bereits in den Militärdienſt treten und ſehr gute, wackere Soldaten werden.

Noch ein Wort über die ſogenanntensuiveurs, eine Induſtrie, welche die demi-monde aufgebracht hat. Wir ſitzen in den Champs Elyſées und laſſen die bunten Equipagen mit ihrem noch bunteren Inhalt an uns vorüberfahren. In einem offenen Coupè à la Daumont erſcheint eine wirklich ſchöne Dame und un⸗ wirklich ſagt man zu ſeinem Nachbar:Mais regar- dez donc cette belle femme! Im ſelben Moment, wie ein deus ex machina, biegt ſich Einem ein Burſche über die Schulter und flüſtert geheimnißvoll:Mon- sieur desire que je la suive? Solch' einsuiveur' läuft dem Wagen nach bis an die Baſtille, bis an's Pantheon, bis an's Ende der Welt, wenns ſein muß, d. h. wenn er Ordre hat und merkt, daß er mit einem Gentleman oder gar mit einemGandin oderVi⸗ veur(d. h. den eigentlichen Löwen und Modehelden) zu thun hat. Man kann ſicher ſein, daß er ſich am folgenden Tage vor demſelben Stuhl in den elyſäiſchen Feldern einfindet und dort genauen Bericht erſtattet; das iſt doch gewiß ein Pariſer Sittenbild erſter Sorte und originell obenein!

Die ſogenannte demi-monde hat nach und nach im öffentlichen Leben der Hauptſtadt einen der erſten Plätze eingenommen und faſt überall den Vortritt er⸗ langt. Nur im Koncert Muſard, in jenem reizenden Garten auf den elyſäiſchen Feldern hinter dem Indu⸗ ſtriepalaſt, ſpielt ſie keine Rolle. Muſard hat in der That das Verdienſt,la femme honnéte im Ver⸗ gnügungsleben der Pariſer Welt wieder zu Recht und Ehren gebracht, d. h. ihr einen Ort erobert zu haben, wo ſie unumſchränkt und unbeläſtigt herrſcht; denn alle anderen Etabliſſements, Bälle, Koncerte, Cafés chantants, Kaſinos und ſonſtige Luſtbarkeiten waren und ſind ſeit langem dergeſtalt von der erwähnten zwei⸗ deutigen Damenſpecies in Beſchlag genommen worden, daß die anſtändige, ehrbare Frau wirklich nicht wußte, wohin, und lieber zu Hauſe blieb, um dem Skandal auszuweichen. Anfangs hatte Muſard manchen harten Kampf zu beſtehen; ſeine ganze Exiſtenz und die von etwa zwanzig Familienvätern und fünfzig, ſechszig ſon⸗ ſtigen Mitgliedern und Angeſtellten ſtand auf dem Spiel, und doch wurden an den verſchiedenen Ein⸗ gangspforten des Gartens allabendlich Hunderte von Damen zurückgewieſen, was natürlich Hunderte von Herren veranlaßte, ebenfalls nicht hineinzugehen. Der Beſucher waren nur wenige und die Koſten des