Jahrgang 
1864
Seite
178
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Pariſer Tagesberühmtheiten.

berühmteſten Romanſchreiber Sue und Dumas in ihm die Veröffentlichung ihrer abenteuerlichen und unge⸗ heuerlichen Produktionen begannen. Von jener Zeit an gingen alle neueren franzöſiſchen Romane, freilich nicht alle mit gleichem Glück, durch das Feuilleton, und die Träger der beliebteſten Namen außer jenen zwei beſonders noch G. Sand erwarben ſich auf die Weiſe binnen kurzem ein großes Vermögen. Derartige Ausſichten waren zu verführeriſch, als daß ſie nicht Hunderte von Nachahmern zu ähnlichem Streben ange⸗ regt hätten; aber wie immer in Paris nur das Neue zieht, und zwar eben weil es neu und ſo lange es neu iſt, ſo ging es auch mit dem Feuilletonſchreiben: die Waare fiel nach und nach im Preiſe, die Goldminen verſiegten und das geträumte Kalifornien lag, wie jenes Land ſelbſt, für die Meiſten in unerreichbarer Ferne. Nach der Februar⸗Revolution nahm die Politik alle Köpfe und Federn ausſchließlich in Anſpruch, bis der Staatsſtreich der Preßfreiheit und der politiſchen Dis⸗ kuſſion ein Ende machte und die Franzoſen wieder auf unſchuldigere und ungefährlichere literariſche Genüſſe hinwies. Aber wo den Schriftſteller finden, der das Pariſer Publikum, das verwöhnte, verzogene, befriedigt und die große Aufgabe übernommen hätte, täglich hunderttauſend Leſer und mehr zuamuſiren? Dumas lebte allerdings noch und wirkte nach wie vor; er war etwa an ſeinem 300. Bande angekommen, und heiter und jugendfriſch geblieben, wie vor zwanzig Jahren ſo ſagte er wenigſtens ſelbſt; jedoch der Zauber war von ihm gewichen, denn ſeitdem Maquet vom Pariſer Po⸗ lizeigericht nicht allein als Mitarbeiter des großen Mannes, ſondern als Hauptverfaſſer des Monte Chriſto ꝛc. anerkannt worden, war Dumas ſelbſt in entſchiedenen Mißkredit gekommen.

Da ging auf einmal die neue Sonne auf, d. h. ſie ſtand bereits einige Zeit lang am Himmel, nur in beſcheidenerem Glanz, als man einander gegenſeitig auf das neue Geſtirn aufmerkſam machte und es zu be⸗ trachten anfing. Schon der Name hatte etwas Anzie⸗ dendes, Pikantes: Vicomte Ponſon du Terrail, ein di⸗ rekter Nachkomme des großen Bayard, der ja ein Sir du Terrail geweſen und der erſte Ritter ſeiner Zeit. Auch erinnerte man ſich, den Namen ſchon hier und da gehört und geleſen zu haben, und in der Librairie Nouvelle lagen die Erſtlingsprodukte des jungen Verfaſſers zu Kauf,die zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigten.

Aber ein beſcheidenes, untergeordnetes Wirken ſtand dem Vicomte nicht an; er trug nicht umſonſt den tönenden Namen ſeines großen Vorfahren, und was jener mit dem Schwerte und auf dem Schlachtfelde er⸗ rungen, wollte er mit der Feder und auf dem Papier erreichen. Der muthige Entſchluß wurde gar bald mit Erfolg gekrönt. Er ſchickte ein großes romantiſches dramatiſches Opus, ein Sittengemälde, ein Stück Tages⸗ geſchichte in die Welt, unter dem Titel:les drames de Paris und ſein Ruhm war begründet, ſein

Glück gemacht. So etwas war noch nicht dageweſen,

trotz Dumas und Sue. Der Vicomte hatte wirklich in dem großen, nach allen Richtungen hin ausgegrabenen

und ausgearbeiteten Schacht der modernen franzöſiſchen Belletriſtik eine neue Goldader entdeckt oder doch etwas dem Aehnliches. Er ſchlug luſtig und wacker darauf los und benutzte Alles, was er vorfand, denn er konnte Alles brauchen: buntes Geſtein und Glimmer und Kies, manchmal auch wohl ein echtes Goldkörnchen darunter, und außerdem viel, viel Katzengold. Noch ein Jahr ſpäter und Ponſon du Terrail wurde, was er noch heute iſt, der Liebling, ja der Abgott der Menge. Einer gewiſſen Menge allerdings nur, aber mehr iſt auch nicht nöthig, und Lamartine, der Aar unter den Sperbern und Spatzen, hat ja auch nur in einer gewiſſen Welt ſeine Verehrer. Am ſpaßhafteſten und zugleich ſehr charakteriſtiſch iſt es, daß der Vicomte ſelbſt gar nicht weiß, wie er denn eigentlich zu ſeiner Berühmtheit und Popularität gekommen; nicht als ob er nicht eifrig danach gerungen und geſtrebt, aber die Mittel und Wege ſind ihm ganz von ungefähr und halb unbewußt zugefallen, und bevor er ſich genau von ſeinem Wirken und Wollen Rechenſchaft gegeben, hob ihn bereits die Menge auf ihrem Schild wie im Triumph empor. Man kennt den Goethe'ſchen Spruch:Greift nur hinein in's volle Menſchenleben ꝛc., ihn befolgte Ponſon inſtinktiv. Seine Romane und Geſchichten ſind nämlich eben Schil⸗ derungen des Pariſer Lebens und Treibens, mit den nöthigen Intriguen, Verwickelungen, Rühr⸗ und Schauer⸗ ſcenen, all' dies im höchſten Superlativ. Wir ſehen vor⸗ überziehende Bilder und Geſtalten, die kommen und gehen, wie eine Theaterdekoration, wo die Couliſſen jeden Augenblick wechſeln, wo aber der Hintergrund ſtets ein und derſelbe bleibt und dieſer Hintergrund iſt Paris, d. h. die Pariſer Welt und um noch deutlicher zu ſein: le demi-monde parisien.

Was iſt alſo die charakteriſtiſche Seite der Romane des vielgenannten Vicomte, die demſelben die Sym⸗ pathien des Publikums in ſo hohem Maße erwarben? Um die Antwort nicht lang zu machen: Ponſon befolgt allerdings die Goethe'ſchen Worte; er greift hinein in's Pariſer Leben, und wo er' packt, da iſt es intereſſant. Dasfriſche, volle Leben, das Goethe meint, iſt es freilich nicht, weder in äſthetiſcher, noch in ethiſcher Hinſicht; der Vicomte ſchildert einfach die Welt, in der er ſich ſelbſt bewegt, und klaſſiſche Geſtalten und Charaktere findet man nicht auf dem Boulevard des Italiens und im Café Anglais. Außerdem komponirt er die aben⸗ teuerlichſten Perſönlichkeiten, die in der Regel weit her⸗ kommen, aus Hinterindien oder aus den Urwäldern Braſiliens; gar oft machen ſeine Helden die Reiſe um die Welt, wie andere Sterbliche Nachmittags in's Bois de Boulogne fahren, und ſie kommen plötzlich eines Morgens aus Calcutta oder Valparaiſo an, wie man einen Freund in einem andern Stadtviertel beſucht. Seine Heldinnen nimmt Ponſon du Terrail faſt nur aus der demi-monde, Loretten und Griſetten aller Art, die freilich hinterher zumeiſt wahre Tugendſpiegel geworden ſind, büßende Magdalenen, weichherzige, groß⸗

müthige Seelen, die als rettende Engel in der Noth er⸗ ſcheinen u. ſ. w.; aber unter der Schminke erkennt man nur allzuleicht die welken, abgelebten Züge einer ver⸗