174 Kleroth: Das goldene Angeſicht.
zu gründen und ein Komité mit dem Entwurfe der Sta⸗ tuten für den Städtetag beauftragt. Dieſer Entwurf ſoll jetzt auf einer am 11. d. brabſichtigten Konferenz von Vertrauensmännern geprüft werden.
Betreffs der blutigen Konflikte in Geuf veröffentli⸗ chen die Blätter das Schreiben, das James Fazy, nach⸗ dem er Genf verlaſſen hatte, an den eidgenöſſiſchen Unter⸗ ſuchungsrichter gerichtet hat. Er ſagt darin:„Ich weiß nicht, ob Sie mich als Zeugen oder über perſön⸗ liche Data einvernehmen wollten. Wenn es perſönliche Data betrifft, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ich zwar die Bewaffnung von St. Gervais(der Radikalen) durch das, was im Stadthaus vorging, vollkommen gerechtfertigt erachte, dagegen nicht dafür verantwortlich bin.“ Ja Fazy behauptet, während des ganzen Nachmittags auf dem Redaktionsbureau der„Nation Suiſſe“ geweſen zu ſein und von Allem, was auf der Straße vorging, nichts ge⸗ wußt zu haben. Er ſei ſo wenig mit dem Verlauf der Ereigniſſe bekannt geweſen, daß, als er Abends nach Hauſe ging, er geglaubt habe, die„Ficelle“(Name eines Clubs der Independenten) beherrſche die benachbarten Straßen. Einige bewaffnete Bürger hätten von ihm den Eintritt in ſein Haus verlangt, was er aber verweigerte. Seit dieſem Augenblick ſei er nie ausgegangen als am nachfolgenden Tage, wo er zu vielfach wiederholten Malen von Leuten ſeiner Gegenpartei bedroht und beſchimpft worden ſei. Als falſches Zeug betrachte er jede Angabe, durch welche das, was er hier erörtert, widerſprochen werden ſollte.
Der den Fazyanern ſonſt befreundete„Basler Volks⸗ freund“ bemerkt zu der Ankündigung der„Nation“, Ja⸗ mes Fazy habe ſich wegen Inſulten in eine benachbarte fremde Stadt zurückgezogen:„Das iſt nichts mehr und nichts weniger als eine feige Flucht. Selbſt vor einem Angriff auf ſeine eigene werthe Perſönlichkeit hätte Herr Fazy nicht das Ferſengeld geben ſollen. Allein wir be⸗ fürchten, die Sache verhalte ſich nicht ſo, wie die„Na⸗ tion“ ſie angibt; wir befürchten, Fazy habe vor der eid⸗
enöſſiſchen Unterſuchung Reißaus genommen. Das wäre ſchmählich: alle Anderen— Fontanel und Krauß, Petti⸗ ner und Perrier— ſind geblieben, obſchon die Meiſten von ihnen wußten, daß Verhaftung und Unterſuchung auf ſie warte, und obgleich ſie Zeit und Gelegenheiten genug hatten, über die Grenze zu gehen. Aber ſie woll⸗ ten entweder ſich von den auf ihnen laſtenden Beſchul⸗ digungen rein waſchen, oder die Verantwortung für ihre Handlungen tragen. Fazy allein, der durch ſeine un⸗ ſinnige Kandidatur die ganze Beſcherung angerichtet hat, läuft jetzt davon. Iſt Fazy wirklich der eidgenöſſiſchen Unterſuchung entflohen ſo wird er ſein Leben wohl im Exil beſchließen müſſen.“
Wie wenig der Süden Amerika's an eine Unterwer⸗ fung denkt, geht aus der Antwort hervor, welche Präſi⸗ dent Jefferſon Davis kürzlich dem Oberſt Jaques und dem Schriftſteller J. R. Gilmore ertheilte, die in Rich⸗ mond auf eigene Hand, wenn auch wahrſcheinlich mit Vorwiſſen Lincoln's, Friedensunterhandlungen anzuknüpfen ſuchten. Oberſt Jaques ſchlug folgende Friedensbaſis vor: Die Regierungen der Vereinigten und der Konföderir⸗ ten Staaten ſollten das Volk beider Länder innerhalb. 60 Tagen mit Ja oder Nein über nachſtehende zwei Vorſchläge abſtimmen laſſen: entweder ein Friedensſchluß mit Aufhebung der Union und Anerkennung der Unab⸗ hängigkeit des Südens,— oder ein Friedensſchluß mit Herſtellung der Union, Emancipation der Negerſklaven, allgemeiner Amneſtie und ohne jegliche Güterkonfiskation. Stimme die Majorität für Erſteres, ſo ſolle der Norden, — ſtimme ſie für das Zweite, ſo ſolle der Süden ſich darein fügen und inzwiſchen ſolle ein Wafeenſtillſtand eintreten. Jefferſon Davis verwarf dieſen Plan, da der Süden ſich gerade deshalb vom Norden getrennt habe, um der Majoritätsherrſchaft zu entgehen, und ſich der⸗ ſelben nicht unterwerfen wolle. Oberſt Jaques bemerkte, daß die Majorität ſchließlich doch den Ausſchlag geben
werde— wenn nicht durch Stimmkugeln, ſo durch Flinten⸗ kugeln. Auch ſei nicht abzuſehen, weshalb die Majorität, welche doch in jedem einzelnen Staate entſcheide, nicht ebenſowohl im ganzen Lande entſcheiden ſolle. Davis antwortete:„Weil die einzelnen Staaten unabhängig und ſouverain ſind. Das Land iſt das aber nicht, es iſt nur eine Konföderation von Staaten, oder es war vielmehr eine ſolche; jetzt ſind es zwei Konföderationen.“ Ueber die erwähnten Friedensbedingungen des Nordens bemerkte Präſident Davis:„Sie ſind ſehr generös. Aber eine Amneſtie bezieht ſich auf Verbrecher, und wir haben kein Verbrechen begangen. Güterkonfiskation kommt nicht in Betracht, wenn Ihr ſie nicht ausführen könnt. Und was die Negeremancipation betrifft, ſo habt Ihr faſt ſchon zwei Millionen unſerer Sklaven emancipirt, und wenn Ihr für ſie ſorgen wollt, mögt Ihr auch den Reſt emancipiren. Ich hatte ein paar Negerſklaven, als der Krieg begann. Ich war ihnen von einigem Nutzen, ſie aber mir von gar keinem. Gegen ihren Willen habt Ihr ſie emancipirt, und Ihr mögt jeden Neger in der Kon⸗ föderation emancipiren; aber wir wollen frei ſein, wir wollen uns ſelbſt regieren. Wir wollen das, und müßten wir jede ſüdliche Plantage verheert, jede ſüdliche Stadt in Flammen auflodern ſehen!“ Die merkwürdige Zuſam⸗ menkunft ſchloß mit den Worten des Präſidenten Davis: „Sagen Sie Herrn Lincoln von mir daß ich mich jeder⸗ zeit freuen werde, Friedensvorſchläge auf der Baſis unſerer Unabhängigkeit zu empfangen. Es wird nutzlos ſein, mir andere zu machen.“
Das goldene Angeſicht.
Prager Sage von Kleroth.
n der Mitte des vorigen Jahrhunderts bewohnte
ein reicher Goldarbeiter ein Haus in der Karpfen⸗
D gaſſe, der eine einzige Tochter hatte. Das Mäd⸗ chen, welches Ludmila hieß, war ſchön wie ein Engel. Ihr reiches, goldſchimmerndes Haar fiel
in langen Locken auf die wohlgeformten Schul⸗ tern, ihre großen Augen ſchienen ihre Bläue dem Aether entlehnt zu haben und ihr wohlgeformtes Antlitz war von einer ſanften Röthe überflogen, welche den herrli⸗ chen Liniamenten desſelben etwas unendlich Wohlthu⸗ endes und Herzgewinnendes verlieh. Da der Geſichts⸗ ausdruck Heiterkeit, Wohlwollen und Treuherzigkeit ver⸗ rieth, ſo nannte man ſie in der Nachbarſchaft nur das Mädchen mit dem goldenen Angeſicht. Ihre ſchöne wohlgeformte Geſtalt und die Raſchheit ihrer Bewe⸗ gungen verkündeten Gewandtheit und Lebensfriſche, und harmonirten vollkommen mit ihrem ganzen Weſen und machten auf Jeden, der ſie ſah, einen höchſt vor⸗ theilhaften Eindruck. Was war natürlicher, als daß die Söhne wohlhabender Eltern ſie mit Heirats⸗Anträ⸗ gen überhäuften; allein ſie nahm ſie nicht an, denn ſie fühlte ſich glücklich in ihren häuslichen Verhältniſſen, und fürchtete die Abhängigkeit von ihrem künftigen Gatten, und die Aufmerkſamkeit, welche ſie ihm un⸗ willkürlich zollen müßte. Und da noch keiner der Be⸗ werber ihr Herz gerührt, oder ihr ein beſonderes Wohl⸗ gefallen eingeflößt hatte, ſo wurde es ihr auch leicht, alle Anträge zurückzuweiſen. Die Bewerber waren freilich theils ſehr entrüſtet, theils in Verzweiflung, allein da Ludmila gegen Jeden derſelben unumwunden


