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Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“ 167
verfehlt. Dieſe Wirkung war um ſo nachhaltiger, als die Gefahren des Augenblicks ſeine Gefühlsfähigkeit er⸗ höhten, und es eine leidende Schönheit war, welcher er ſeinen Schutz angedeihen ließ. Was kümmerte es ihn, daß Bevtha eine Gräfin, die Tochter eines Millionärs und daß er Lieutenant war, deſſen Vater Zimmet und Pfeffer verkaufte, er ſah nur Bertha allein und wir haben Grund zu vermuthen, daß er ſich verliebt hatte.
3.
Um unſere Leſer nicht lange auf die Folter zu ſpannen und ſie mit der Natur der mehrerwähnten ge⸗ heimen Unterredung bekannt zu machen, verſetzen wir uns einige Tage zurück, alſo in jene Zeit, wo die Ver⸗ bündeten den ſchleswig'ſchen Boden noch nicht betreten hatten. Auf dem Schloſſe Kronwerda, nahe bei Selk, wo der erſte Zuſammenſtoß mit Dänemark geſchehen war, wohnte der deutſche Graf Brander, ein Edelmann von altem Schrot und Korn, einfach und bieder, aber brav und eingenommen für die deutſche Sache ſeines Vaterlandes. Er hatte ſich ſchon einmal im Jahre 1848 um die Befreiung Schleswigs verdient gemacht und demnach ſtand er bei den Dänen und ihrer Regierung in keiner beſondern Gunſt. Sein Schloß, ein weit⸗ läufiges, großes Gebäude diente zum Sammelplatze der deutſchen Edlen und durfte bei Ausbruch der Feind⸗ ſeligkeiten eine Vorrathskammer werden für jene Partei, welcher Graf Brander angehörte, da in den Kellern bedeutende Vorräthe an Lebensmitteln und Waffen auf⸗ gehäuft lagen.
Graf Brander liebte, wie wir ſchon erwähnt, die Dänen nur ſehr wenig, doch konnte er es nicht hindern, daß Major Gramonz, der Kommandant eines in der Umgebung Kronwerdas dislocirten däni⸗ ſchen Regimentes, ihn häufig beſuchte, welche Beſuche freilich nicht dem grämlichen Alten, ſondern ſeiner ſchönen Tochter galten. Dieſe, welche wir bereits kennen, theilte die Geſinnungen ihres Vaters und litt die Be⸗ ſuche des Ueberläſtigen nur darum, um ihren Vater nicht zu kompromittiren, den Major ſicher und demnach nicht aufmerkſam zu machen auf die Umtriebe der ihren. Aber Major Gramonz war nicht blind. Während er der Comteſſe Bertha den Hof machte, verlor er ihren Vater und deſſen Schloß nicht aus den Augen. Er hatte recht gut bemerkt, daß ſich das Schloß beſſer, als jedes andere in der Um gebung zu einer kleinen Feſtung um⸗ geſtalten laſſe und brachte auch, als die Eröffnung der Feindſeligkeiten vorausſichtlich war, die Befeſtigung Kronwerda's beim Generalkommando in Antrag, welches den Major mit der Ausführung betraute.
Graf Brander mußte nun ruhig zuſehen, wie Gramonz un ſeinem Schloſſe wirthſchaftete, Baſtionen aufwerfen ließ, Geſchütze dahin brachte, Lebensmittel und Schießbedarf aufhäufte und Minen grub, um im Falle verzweiflungsvoller Gegenwehr die Angreifer und ſich ſelbſt in die Luft zu ſprengen. Der Graf bat den Major, mit ſeiner Tochter das Schloß verlaſſen zu dürfen,
aber Gramonz hielt es nun nicht mehr für noth⸗ wendig, den Galanten zu ſpielen, ſondern eröffnete dem Grafen, er kenne ſeine regierungsfeindliche Geſinnung ſehr genau und werde nicht zugeben, daß ein Mann, der die koſtſpielige Armirung und Verſorgung Kron⸗ werda's kenne, ſich von da entferne, um vielleicht den Oeſterreichern die Wichtigkeit des Platzes zu verrathen. Er habe betreffs des Grafen Inſtruktionen eingeholt und erkläre ihn für ſeinen Gefangenen.
Und wirklich behandelte er ihn auch ſo. Um von dem Vater nicht getrennt zu werden, mußte Bertha dem Verhaßten ſchöne Worte geben und ihm Hoffnung auf einſtige Gewährung ſeiner Liebe laſſen. Sie that es nur mit blutendem Herzen und aus Kindesliebe. Alſo gefangen und in der größten Aufregung über das Ge⸗ ſchehene und das, was bevorſtand, vergingen einige Tage. Der Graf erwartete einen blutigen Kampf, hoffte ihn, denn nur ſo konnte er aus den Händen des ver⸗ haßten Dänen befreit werden. Aber es kam zu keinem Kampf. Die ganze däniſche Armee erhielt Befehl zu⸗ rückzugehen und Gramonz hatte nur die beſondere Aufgabe, die ungeheuren Vorräthe Kronwerda's ſo zu verbergen, daß ſie den nachgehenden Oeſterreichern nicht in die Hände fielen. Dieſer Aufgabe entledigte ſich Gramonz in der beſtmöglichſten Weiſe. Die Keller des Schloſſes wurden maskirt, und alle Einwohner des⸗ ſelben gefangen fortgeführt.
Aber die Oeſterreicher hatten die abziehenden Dänen bald erreicht. Es kam zum blutigen Ausgang bei Selk und am Königsberge, und da der Zuſtand der kranken Bertha ſelbſt ihren Peiniger erbarmte, brachte er ſie in dem hübſchen, ihm wohlbekannten Häuschen unter, das ihm von dem Eigenthümer, einem Dänen, zu dieſem Behufe abgetreten worden war. Der Vater wurde weiter fortgeſchafft und der Tochter eingeſchärft, daß ſie ja keinen Verſuch mache, zu den Kaiſerlichen zu ge⸗ langen, indem jeder ſolche Schritt den Tod ihres Vaters zur Folge haben würde. In der Nacht würde ſie ab⸗ geholt werden. Bertha war ein ſchwächliches Mäd⸗ chen, hatte aber einen ſtarken, kühnen Geiſt. Sie be⸗ ſchloß, ſich und ihren Vater zu retten und entſendete demnach ihr Mädchen, um die uns bekannten Scenen einzuleiten. Den jungen Officier bat ſie, ſich des Majors auf alle Fälle zu bemächtigen, da nur auf dieſe Weiſe ihres Vaters Leben außer Gefahr wäre. Daß dies gelungen war, haben wir bereits gehört.
Und nun können wir zu unſerer Erzählung zurück⸗ kehren.
Am andern Morgen kam ein Stabsofficier mit einer großen Anzahl Wagen, um Kronwerda's Vorräthe zu Gunſten der Oeſterreicher in Empfang zu nehmen. Bertha ſelbſt führte die Männer zu den verrammelten Zugängen der Keller, aus welchen nun den ganzen Tag über Lebensmittel, Waffen und Schießbedarf in die Magazine des Hauptquartiers überführt wurden. Der Stabsofficier hatte Wall die Ordre gebracht, zu ſeinem Bataillon zurückzugehen, da man noch heute vorzugehen beabſichtige.
Dieſer Befehl wollte weder unſerem guten Lieute⸗


