166 Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“
„Warum?“ fragte Comteſſe Bertha und ihre Stimme zitterte.„Sie fragen warum? Weil ich Sie, weil ich alle Dänen haſſe! Weil Sie mich, ſo lange Ihr noch Herren dieſes Landes waret, mit einer Liebe ver⸗ folgten, welche mir zum mindeſten unheimlich war, weil Sie, als deutſche Tapferkeit Euch zum Lande hinaus⸗ getrieben hat, meinen Vater, meinen armen kranken Vater als Geißel mit ſich nahmen und nun auch mich in Gefangenſchaft, in ein Schickſal hineinſchleppen wollen, das ich verabſcheue, da es mich mit Ihnen vereinigt. Ich bleibe hier.“—
„Ereifern Sie ſich nicht, Bertha,“ entgegnete ruhig der Däne,„und reizen Sie mich nicht. Es wird gar nicht lange dauern, ſo haben wir dieſe Eindring⸗ linge wieder zum Lande hinausgejagt, machen Sie durch unnützen Trotz Ihr Schickſal nicht ſchlimmer, als es ohnehin iſt. Sie ſind krank, Bertha, die Aufregung ſchadet Ihnen und dennoch regen Sie ſich unnöthig auf. Kommen Sie, eine Sänfte harret Ihrer. Eilen⸗ Sie in die Arme Ihres Vaters.“
„Wie klug Sie ſind, Herr Major,“ entgegnete höhniſch lächelnd das Mädchen.„Mein Vater ſoll Ihnen helfen, mich widerſtandslos in Ihre Gewalt zu bringen? Halten Sie mich für ſo unerfahren, daß ich glauben ſollte, es hinge von Ihnen ab, meinen Vater bei ſich zu behalten oder nach Willkür zu entlaſſen? Mein Vater iſt Geißel Dänemarks, nicht Ihr Gefangener, ich aber bin eine Entführte, eine Geraubte, und Sie mein Räu⸗ ber. Ich gehe nicht.“
„Wenn Worte nicht helfen,“ antwortete entſchloſſen der Däne,„nun denn, dann helfe Gewalt. Sie ſelbſt wollten es.“ Er warf ſeinen Mantel ab und beugte ſich über Berthas ſchlanke Geſtalt, um ſie aufzuheben und fortzutragen. Seine Hände berührten jedoch das Mädchen nicht, denn mit einmal rauſchten die Gardinen und der Däne lag am Boden, feſtgehalten von Walls kräftigen Armen.
„Sie entſchuldigen, mein Herr,“ ſprach Wall, als er den Dänen unter ſich auf der Erde hatte,„Sie entſchuldigen und nehmen es nicht ungütig, wenn ich Ihren Handſtreich ſtöre. Kriegsgefangene, wie Comteſſe Bertha, gönnen wir den Dänen nicht.“
Aber trotz der Schnelligkeit, mit welcher Wall den Dänen überrumpelt hatte, konnte er doch nicht ver⸗ meiden, daß dieſer einen Schrei ausſtieß, welcher draußen gehört worden ſein mußte, denn die Dänen hoben die Sänfte in die Höhe und kamen auf das Haus zu.
Alle Hähne knackten und die Jäger legten ihre ſicheren Waffen an. Die Dänen mußten den Schrei ihres Anführers für das verabredete Zeichen gehalten haben, denn ſie ſchritten ganz ruhig einher und machten keine Anſtalten zu einer Vertheidigung. Um ſo größer war ihr Schrecken, als plötzlich ein halbes Dutzend Kugeln, wie vom Himmel herab unter ſie einſchlug und mehrere Männer ſchwer getroffen zur Erde ſtürzten. Paniſcher Schrecken ergriff die Uebrigen. Sie ließen die Sänfte ſtehen und fort ging es über die Ebene mit immer größerer Schnelligkeit, je beſſer gezielte Schüſſe den Fliehenden nachknallten.
Auf den Schrei des Dänen war aber auch Berger herbeigeſprüngen und half nun, ihn zu entwaffnen und zu feſſeln. Als das beſorgt war, kommandirte Wall zum Aufbruch. Die Jäger ſtiegen von ihren luftigen Sitzen herunter, und Mariens vortrefflicher Rum, für deſſen Würdigung Berger ein ernſtes Wort einlegte, brachte friſche Wärme in ihre erſtarrten Glieder. Hierauf wurde Comteſſe Bertha in Tücher wohl eingehüllt, in die Sänfte geſetzt und vier Jäger hoben dieſe auf ihre Schultern und ſchritten ihrem Anführer nach. Berger und Mariefolgten der Sänfte. Die übrige Mannſchaft hatte den Gefangenen in ihrer Mitte und bildete die Nachhut. Bei dem Lagerfeuer angekommen, ließ Lieu⸗ tenant Wall die übrige Bedeckung zurück, er ſelbſt aber führte die Sänftenträger weiter zurück, bis in’s Haupt⸗ quartier.
„Ich ſehe ſchon,“ brummte Berger und blickte heimlich das Mädchen an,„wir werden ſcheiden müſſen.“
„Warum das?“ fragte Marie und aus dem Tone ihrer Stimme merkte man, daß ihr das gar nicht lieb war.
„Mein Lieutenant,“ antwortete Berger,„ſchlägt den Weg in's Hauptquartier ein. Dort liefert er Eure Dame ab, und Ihr bleibt bei ihr, ich muß zu den Vor⸗ poſten, mir bleibt nichts, als das bischen Rum. Iſt das nicht recht traurig?“
„Ihr könnt uns ja beſuchen,“ entgegnete Marie, wer hindert Euch daran?“
„Hat ſich was zu beſuchen,“ brummte Berger. „Glaubt Ihr denn, wir bleiben hier auf der faulen Haut liegen und ſchauen zu, wie uns die Preußen den Waffenruhm vor der Naſe wegnehmen? Proſ't die Mahlzeit! Wir ſind keine Bärenhäuter! Wir folgen den ‚tappern Landſoldaten’ bis nach Kopenhagen, wenn es ſein muß, und ich will nicht Berger heißen, wenn unſer General nicht eben ſo denkt, wie ich. Oder kommt Ihr etwa mit dem Hauptquartier?“
„Weiß ich das?“ entgegnete Marie.„Darüber hat mein Fräulein zu beſtimmen, doch glaube ich, daß wir wohl zurückbleiben müſſen, denn die Comteſſe iſt krank und wir haben unſer Schloß in der Nähe.
Unter ſolchen Geſprächen kam die Expedition in’'s Hauptquartier. Der Lieutenant machte ſeine Meldung, wurde vor den General beordert, welcher noch in der Nacht das Fräulein empfing und ein faſt einſtündiges Geſpräch mit ihr hatte.
„Ich bin ſehr zufrieden init Ihnen,“ ſprach er zu Wall, welcher im vordern Theile des Zeltes wartete, „und hoffe, Sie bald gehörig belohnen zu können. Sie kehren nicht mehr auf die Vorpoſten zurück, Herr Lieu⸗ tenant, ſondern begleiten das Fräulein auf ihr nahelie⸗ gendes Schloß, wo Sie morgen früh weitere Ordre er⸗ halten werden.“ Hierauf führte er das Fräulein bis zu der Sänfte und abermals ſetzte ſich der Zug in Bewe⸗ gung, nur daß diesmal Marie den Wegweiſer machte und in Geſellſchaft Bergers der Sänfte voranging.
Lieutenant Wall folgte derſelben, den Kopf voll Gedanken, das Herz voll Ahnungen. Berthass Schön⸗ heit hatte ihren Eindruck auf den jungen Officier nicht


