Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“ 165
folgende Inſtruktionen,“ ſprach der Officier.„Seht Ihr einen einzelnen Mann nahe kommen, laßt ihn unge⸗ hindert eintreten, kommen mehrere, dann gebt Feuer und ſchont Niemand. Damit Hollah!“—
Wall und Berger gingen in das Haus zurück. Wall zu ſeiner Dame hinein und Berger in Ma⸗ riens Stübchen, das an das ihrer Herrin ſtieß. Marie, ſo hieß das hübſche Mädchen mit dem guten Rum, hatte dies nur über ausdrücklichen Befehl ihrer Herrin zu⸗ gegeben.
„Wie ſchmeckt Euch der Rum?“ fragte ſie Berger.
„Füllt mir doch meine Rumflaſche damit,“ ſprach er und überreichte dem Mädchen die Flaſche.„Es iſt für alle Fälle.“
Während ſie ſeinen Willen erfüllte, hatte er ent⸗ ſetzliche Gewiſſensbiſſe und die Hamburger Lott ſchien ſich drohend vor ihm zu erheben.
2. Um dieſelbe Zeit ungefähr wurde es in der Nähe
des kleinen Häuschens lebendig. Ein kleiner Trupp Sol⸗
daten war aus der Richtung des Dannewerkes daher gekommen und hielt nun ſtill, wie es ſchien zu einer Berathung.
Aber Walls Leute waren achtſam. Sie hatten die Truppe bemerkt und verfolgten jede ihrer Bewe⸗ gungen mit der größten Sorgfalt.
„Kannſt Du unterſcheiden, was das für Leute ſind? 2 fragte einer der auf den Bäumen poſtirten Jäger den andern.
„Es iſt verdammt finſter,“ entgegnete flüſternd der Angeredete,„man kann nicht viel unterſcheiden.“
„Mir ſcheinen es Soldaten zu ſein.“
„Mir auch. Was haben ſie denn für ein Ding in ihrer Mitte? Es ſcheint mir eine Droſchke zu ſein.“
„Was Dir nicht einfällt! Es iſt ja kein Pferd dabei. Eine Sänfte iſt es.“
Und ſo war es auch. Die Dänen, denn ſolche waren die nächtlichen Wanderer, hatten eine gedeckte Sänfte in ihrer Mitte. Die Berathung ſchien zu Ende gediehen zu ſein, denn der Kreis, welchen die Männer gebildet hatten, löſte ſich auf und die Expedition nahm ihren Fortgang. Die Jäger hatten ihre Gewehre bereit gemacht, doch ſchien es nicht, als ob ſie davon Gebrauch machen ſollten, denn die Truppe war in der urſprüng⸗ lichen Entfernung ſtehen geblieben und nur ein in einen Mantel gehüllter Mann ſchlich vorſichtig dem Häuschen näher. Ohne die unbefiederten Inwohner der mit Schnee bedeckten Bäume zu entdecken, bewegte er ſich von Stamm zu Stamm, die Vorſicht gebrauchend, daß ſein Schatten mit dem der Bäume zuſammenfalle, und ſo kam er denn nur langſam vorwärts. Von Zeit zu Zeit ſah er ſorglich dem Königsberge zu, als fürchte er von dort Gefahr, und die Jäger hatten Mühe, das Lachen zurückzuhalten, als ſie die Beſorgniß des nächtlichen Wanderers ſahen, welcher ſich vor ihnen zu bergen ſuchte, obſchon er unter ihren Augen gleichſam ſeinem Verderben zuſchritt.
Endlich war er beim Hauſe angekommen. Er probirte an der Thürklinke, ſie gab ſeinem Drucke nach und die Thür öffnete ſich.
Wir wollen den Unbekannten auf ſeinem Gange begleiten, um uns ſo in die Geheimniſſe unſerer Helden einzuſchleichen.
Als er in die uns bekannte Vorhalle trat, machte er Licht und ſchritt ſodann mit der Sicherheit eines Be⸗ kannten auf die Stubenthür der räthſelhaften Dame zu. Auch dieſe gab ſeinem leiſen Drucke nach und er trat ein.
Es iſt ein kleines, aber reich und ſorgſam ausge⸗ ſtattetes Zimmer, wohin wir den Leſer führen. Der Thür gegenüber ſteht ein großes Himmelbett mit lan⸗ gen ſeidenen Gardinen, an der Seitenwand ein Divan und auf dem Tiſche vor dieſem ſehen wir die Ueberreſte
eines fürſtlichen Mahles, wenn man von dem präch⸗
tigen Geſchirr auf die Art der Speiſen, ſo darauf ge⸗ weſen, ſchließen darf. Von Speiſen ſelbſt war nichts mehr vorräthig. Lieutenant Wall ſchien ſich für die weiteren Strapazen des Feldzuges verproviantirt zu haben. Schöne Bilder zierten die Wände, prächtige Teppiche deckten die Erde und jedes noch ſo kleine Ge⸗ räth verrieth Luxus und Pracht. Der Eingetretene ſchritt auf das Himmelbett zu und athmete hoch auf, als er die Dame angekleidet und unverſehrt darauf liegen ſah.
„Gott ſei Dank, ich finde Sie noch, Comteſſe,“ ſprach er deutſch zu ihr.
Sie gab ihm keine Antwort und wir wollen dieſe Pauſe des Geſpräches benützen, um dem Leſer dieſe räthſelhafte Erſcheinung zu erklären.
Comteſſe Bertha ſcheint zwanzig Jahre alt zu ſein. Wir ſagen ſcheint, denn wer darf ſich erlauben, das Alter einer Dame mit Genauigkeit anzugeben. Sie beſitzt einen durchſichtigen Teint, welcher um ſo greller vorſticht, als die rabenſchwarzen Haare, die ihre Stirn umrahmen, ſeine blendende Weiße nur noch heben. Die blauen Augen hat ſie halb geſchloſſen und ſcheint zu ſchlummern. Den zarten, ſchlanken Körper umſchließt ein faltenreiches ſchwarzes Gewand, das bis zum Halſe reichend betreffs ihrer Formen die äußerſte Diskretion bewahrte. Dennoch haben wir Grund zu vermuthen, daß auch die Geſtalt des Fräuleins eine tadelloſe iſt.
Da der Däne keine Antwort erhielt, glaubte auch er, das Mädchen ſchlummere. Er legte demnach ſeine Hand auf Berthas Arm und ſprach:„Erwachen Sie, Comteſſe, Sie müſſen mir folgen.“
Bertha ſchlug die Augen auf.„Sind Sie es, verhaßter Mann,“ hauchte ſie und verdeckte ihr Geſicht mit beiden Händen.„Was wollen Sie noch von mir?“
„Sie hörten, daß Sie mir folgen müſſen.“
„Niemals!“
„Verſuchen Sie keinen Widerſtand, Fräulein,“ ſprach eindringlich der Däne. Jeder Widerſtand iſt ver⸗ geblich. Dieſes Häuschen ſteht allein, Hilfe iſt unmöglich. Die öſterreichiſchen Vorpoſten ſind wenigſtens tauſend Schritte von hier entfernt, während meine Leute kaum dreißig Schritte von hier entfernt ſtehen und auf ein Zeichen von mir hier ſind. Warum ſollten Sie unter ſolchen Umſtänden die Gewalt herausfordern?“


