Jahrgang 
1864
Seite
164
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Julius Roſen:Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

Gut denn, ich komme, ſprach der Officier ent⸗ ſchloſſen, trat auf ſeine Mannſchaft zu, ſprach mit dem Feldwebel insgeheim einige Worte, ſchnallte ſeinen Säbel um, ſteckte einen Revolver zu ſich und winkte dem Mädchen, ihm den Weg zu zeigen.Sie, Berger, gehen mit mir, wendete er ſich zu dieſem.

Berger war ſogleich reiſefertig.In den Tod, wenn es ſein muß, antwortete er und trabte hinterdrein.

Sie gingen den Bergabhang hinab, einem kleinen Gehölze zu, welches etwa vier hundert Schritte von dem äußerſten Poſten entfernt war. Ohne daß das Mädchen es merken konnte, wurden die Poſten bis auf etwa zwei hundert Schritte vor dem Gehölze vorgeſchoben und bald verſchwand das Mädchen, der Officier und Berger hinter den Bäumen.

Zwiſchen den Bäumen ſtand ein kleines Häuschen. hatte durch den in der Nähe wüthenden Kampf t gelitten. Wie durch ein Wunder ſchien es von den

Kugeln verſchont worden zu ſein, ein Bild des Friedens

prangte es mit ſeinem makelloſen Anſtrich mitten in dem Getümmel des Krieges.

Sie traten ein und befanden ſich in einem kleinen Vorgemache.

Wo iſt die Dame? fragte Wall und griff nach dem Revolver.

Treten Sie ein, gnädiger Herr, antwortete das Mädchen und wies auf eine Thür, welche nur ange⸗ lehnt war und durch deren Spalten die Helle brennender Kerzen ſchimmerte.

Wall trat ein. Die Thür ſchloß ſich hinter ihm und Berger blieb mit dem hübſchen Mädchen allein in der kleinen Vorhalle, welche nur von dem Mond⸗ ſchein ſchwach erleuchtet war.

Setzt Euch nieder, Herr Soldat, ſprach das Mädchen und wies auf eine Bank.

Ich danke und nehme es an, entgegnete Berger, rückte die Bank in die Nähe der Thür, hinter welcher ſein Lieutenant ſich befand, legte ſein Gewehr auf ſeine Kniee und horchte aufmerkſam.

Wir müſſen uns ruhig verhalten, damit wir meine Herrin nicht ſtören, ſprach das Mädchen wieder. Sie iſt krank. 4

So, entgegnete Berger,da hätte ſie ſich lieber den Regimentsarzt rufen ſollen. Unſere Lieute⸗ nants paſſen beſſer für geſunde Damen.

Wie Ihr wieder ſprecht, entgegnete das Mäd⸗ chen und verdeckte ihr Geſicht mit der Schürze.

Nun, wie ſpreche ich denn? fragte Berger.

Wie ein wilder, roher Kriegsknecht, antwortete ſie und ſah ihm ſchelmiſch in's Geſicht.

Hm, machte Berger und lächelte.

Sagt mir, Herr Soldat, habt Ihr auch eine Liebſte? fragte das Mädchen.

Ich? Nein, entgegnete Berger und ſuchte nach ſeiner leeren Rumflaſche.

Ach geht, wer das glauben könnte.

Wollt Ihr etwa meine Liebſte ſein? fragte Berger und ſchob die Rumflaſche auf den Rücken. Gott bewahre, ich mag keinen Soldaten.

So, entgegnete Berger und zog ſeine Rum⸗ flaſche wieder nach vorne hin.

Zwar, wenn Ihr mir verſprechen wolltet, recht artig zu ſein, hub das Mädchen wieder an,dann

Nun, was dann? fragte Berger und ließ ſeine Flaſche nach hinten wandern.

Dann ließe ich mir vielleicht ſagen, freundlich mit Euch zu ſein.

Ich habe noch nicht bemerkt, daß Ihr unfreundlich wäret, brummte Berger und ſah dem Mädchen in's Geſicht.

Warum ſeht Ihr mich denn ſo prüfend an? fragte das Mädchen.

Darf ich Euch nicht anſehen? Ich muß doch erſt wiſſen Er brach ab und wog ſeine Flaſche in der Hand.Braune Haare, brummte er,Lotte auch, hübſche Augen, Lotte auch, nette Figur, Lotte auch, ich will mir's überlegen, damit ſchob er zum letztenmale die Rumflaſche auf ſeinen Rücken.

Was brummt Ihr da? fragte das Mädchen.

Habt Ihr keinen Rum im Hauſe? fragte Berger.

Wozu?

Zum Trinken. Habt Ihr welchen, dann bäte ich Euch um ein kleines Andenken.

Wartet ein wenig, ich bringe Euch Rum, ſprach das Mädchen und verſchwand in einer andern Seiten⸗ thür.

Berger brummte das LiedchenLott iſt todt und wartete. 4

Ehe ſie noch zurückkam, trat Lieutenant Wall aus dem Zimmer der Dame. Er eilte auf Berger zu und ſprach:Nun laufe was Dich Deine Beine tragen, Kamerad, der Feldwebel ſoll mir zwanzig Mann her⸗ unterſchicken. Dieſe haben ſo ſchnell als möglich und ſo geräuſchlos als möglich hier einzutreffen. Eile, es iſt von höchſter Wichtigkeit und Gefahr am Verzuge.

Zu Befehl, Herr Lieutenant, entgegnete Berger und ſchritt gegen die Thür. Inzwiſchen war auch das Mädchen herausgekommen, eilte ihm nach, drückte ihm ein Fläſchchen in die Hand und verſchwand im Hauſe.

Ob das Gift oder ehrliches Getränk iſt, brummte Berger zu ſich, während er mit ſchnellen Schritten den Anhang hinauf eilte.Die verdammte Kälte läßt mich wünſchen, es wäre ehrliches Getränk. Unſer Lieu⸗ tenant iſt ein kluger Herr, wenn er Verdacht hätte, bliebe er nicht ſo ganz allein im Hauſe zurück, dachte er, ſetzte das Fläſchchen an ſeine Lippen und that einen kleinen Schluck.Donnerwetter, brummte er,es iſt ehrliches Getränk und doch Gift, der Hamburger Rum kann ſich verſtecken. Der Rum und der raſche Gang machten ihm warm und er pfiff die Melodie des Liedes:Lott' iſt todt.

Ein Viertelſtündchen ſpäter war er mit zwanzig Mann abermals in dem kleinen Häuschen. Der Lieute⸗ nant erwartete ihn in der Hausthür und traf ſeine Dispoſition.‚Auf die Bäume, Jungens, ſprach er, und wie die Eichkätzchen ſaßen die Jäger im Nu auf den Bäumen, die Gewehre im Anſchlag.Ich gebe Euch