—
Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“ 163
ſchöpf war ſo nahe gekommen, daß ihre Geſtalt und Tracht deutlich zu ſehen war. Der Jäger erwartete ſie mit gefälltem Bajonette, ließ ſie, als ſie ihm nahe ge⸗ kommen war, einigemale um ihre eigene Achſe drehen, auf daß er ſich überzeuge, ob ſie keine Waffen bei ſich habe, und trat dann, da er ihre Ungefährlichkeit geſehen hatte, mit der Frage:„Was wollt Ihr?“ auf ſie zu.
Das Mädchen betrachtete ihn nicht weniger genau. „Ihr ſeid kein Officier,“ ſprach ſie traurig.
„Es thut mir recht leid,“ entgegnete der Soldat, „weniger Euretwegen, als meinetwegen. Doch was wollt Ihr?“
„Führt mich zu einem Officier,“ bat das Mädchen.
„Was ſoll Euch der Officier?“
„Das kann ich Euch nicht ſagen. Führt mich zu ihm, ich bitte Euch recht ſchön darum.“
„Ich darf den Poſten nicht verlaſſen,“ entgegnete der Soldat.
„Auch dann nicht, wenn es ſich um das Glück der Armee handelt?“
„Oho, Jüngferchen, Ihr wollt hoch hinaus,“ rief der Soldat und ergriff das Mädchen bei der Hand; „nun braucht Ihr nicht mehr zu bitten, ich bringe Euch zu unſerem Lieutenant und wenn Ihr ſelbſt es nicht wolltet.“
Er machte einen grellen Pfiff, worauf die einige ſechzig Schritte entfernte zweite Wache auf ihn zukam. Dieſer flüſterte er etwas in's Ohr, ſchulterte ſein Gewehr, hieß das Mädchen vor ſich hergehen und ſchlug den Weg zum Lagerfeuer ein.
Che wir daſelbſt ankommen, wollen wir uns das Mädchen ein wenig näher betrachten. Es war ein hübſches Kind, etwa achtzehn Jahre alt. Die braunen Haare waren ſorgfältig in zwei Zöpfe zuſammengeflochten und hingen ihr über die Schultern herab. Sie trug die Tracht der Schleswig'ſchen Landmädchen und hatte, um ſich vor Kälte zu ſchätzen, ein dickes wollenes Tuch um ſich geſchlagen, welches jedoch die Schönheit ihrer Formen nicht ganz verhüllte. In heftiger Erregung glühte ihr friſches roſiges Geſicht und ſie ſchritt dem Lagerfeuer mit ſchnelleren Schritten zu, als ihrem Begleiter lieb war, dem die Anſtrengungen des Marſches und Gefech⸗ tes bleierne Füße gemacht hatten.
„Halt wer dal“ rief die beim Feuer aufgeſtellte Wache. 1
„Gut Freund!“ antwortete der Soldat.„Schläft der Herr Lieutenant?“
„Was wollt Ihr?“ entgegnete Wall, welcher noch nicht eingeſchlafen war, ſtand auf und ging auf den Soldaten zu.„Wen bringt Ihr da?“ fragte er, als er das Mädchen erblickte.
Der Soldat machte ſeine Meldung und das Mäd⸗ chen trat auf den Officier zu und flüſterte:„Gnädiger Herr, ich hätte Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen.“
„Rede, mein Kind,“ ſprach der Officier und ſah dem Mädchen forſchend in's Geſicht.
„Was ich Ihnen zu ſagen habe, gnädiger Herr,“ entgegnete dieſes,„darf außer Ihnen Niemand hören.“
„Iſt es ein Geheimniß?“
„Das iſt es, gnädiger Herr.“
„Nun, ſo komm mit mir,“ entgegnete Wall und trat abſeits. Das Mädchen folgte ihm nach, trat ganz nahe zu ihm hin und flüſterte:„Mich ſchickt eine Dame zu Ihnen.“
„Zu mir?“ fragte verwundert der Officier.„Ich kenne Niemand in der ganzen Gegend.“
„Nicht gerade zu Ihnen, gnädiger Herr“, ſtotterte die Kleine,„ſondern zu einem öſterreichiſchen Officier. Das ſind Sie doch?“
„Was will die Dame von mir?“
„Das wird ſie Ihnen ſelbſt ſagen.“
„Wo iſt ſie denn?“
„Hier ganz in der Nähe. Wenn Sie vier hundert Schritt mit mir gehen, kommen wir zu einer im Buſche verſteckten Hütte. Dort werden Sie die Dame finden.“
„Mein Kind,“ entgegnete kopfſchüttelnd der jun Mann, ‚ich darf Dir nicht folgen. So ungern ich auch Einladung einer Dame verſchmähe, kann ich doch ihren Wunſch nicht erfüllen. Ich kommandire den Vorpoſten und kann einer räthſelhaften Einladung nicht folgen.“
„Warum?“ fragte das Mädchen und ſah ihm offen in's Geſicht.
„Warum? Wer bürgt mir dafür, daß dahinter nicht Verrath ſteckt.“
„Ich bürge dafür, gnädiger Herr,“ entgegnete ſchnell das Mädchen.
„Du?“ fragte lächelnd der Officier,„ei, wer biſt Du denn?“
„Ich bin ein deutſches Mädchen, Herr Officier, und halte es mit den Verbündeten.“
„Das wird den Verbündeten ſehr angenehm ſein,“ entgegnete lächelnd Wall,„denn ſo viel ich ſehe, biſt Du eine ſehr ſchöne Verbündete.“
„Nicht wahr, Sie kommen,“ ſprach bittend das Mädchen, ohne ſeine Schmeichelei zu beachten.
„Ich darf nicht.“
„Dann iſt es alſo nicht wahr, was man von der Ritterlichkeit der öſterreichiſchen Officiere erzählte,“ ent⸗ gegnete ſchmollend die Kleine.„Sie fürchten ſich!“
„Ich fürchte mich nicht,“ antwortete Wall ſchnell, „und um Dir das zu beweiſen—“
„Kommen Sie mit mir,“ fiel ihm das Mädchen in's Wort und klatſchte in die Hände.
Wal lüberlegte. Sollte er ſeinen Poſten verlaſſen, um ein Abenteuer aufzuſuchen, das nicht nur für ihn, ſondern für die ganze Armee verhängnißvoll werden konnte? Durfte er das thun? Freilich konnte er ſich auf ſeine Leute verlaſſen und wagte demnach höchſtens ſein Leben. Was kümmert ſich aber ein zweiundzwanzig⸗ jähriger Lieutenant um ſein Leben, wenn es gilt, eine Dame aufzuſuchen, welche ihm unter dem Schleier des Geheimniſſes reizend zu ſein ſcheint.
„Was ſprachſt Du denn von dem Glücke der Armee, Mädchen?“ fragte Wall zögernd, ſich gleichſam vor ſich ſelbſt entſchuldigend.„War das etwa nur eine Finte, um zu mir zu gelangen?“
„Die Dame, welche mich ſendet, ſagte ſo,“ ent⸗ gegnete arglos die Kleine. 4
21*


