Jahrgang 
1864
Seite
162
Einzelbild herunterladen

162 Julius Roſen:Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

eines Officiers die Vorpoſten bezogen, und die kräftigen, gedrungenen Geſtalten lagerten um ein Wachtfeuer, dieſem ſo viel Theil ihres Körpers zuwendend, als es nur möglich war. Lieutenant Robert Wall hatte ſeine Wachen ausgeſtellt und ſich ſodann mit ſeiner Mannſchaft am Feuer niedergelegt. Dieſer Officier war kaum zweiundzwanzig Jahre alt, von feiner Geſtalt, ein blondes Schnurrbärtchen bedeckte, mehr Flaum als Bart, ſeine Lippen und ein Paar gutherzige blaue Augen ſahen ſeelenvergnügt in die Welt, vor der Hand aber nur auf die geſchwärzten Geſichter der um ihn lagernden Mannſchaft.

Einer der Jäger hatte dem jungen Manne, wel⸗ cher ſich erſt von der richtigen Aufſtellung der Wachen überzeugt hatte, bevor er ſich an's Feuer legte, Platz gemacht, nahm eine kleine Feldflaſche und reichte ſie dem Officier mit den Worten:FIſt's nicht gefällig, Herr Lieutenant? Echter Rum, der hält den Magen warm.

Ich danke Ihnen, Berger, entgegnete Wall und machte einen tüchtigen Zug.Wo haben Sie denn dieſen prächtigen Stoff her?

Der iſt noch von Hamburg, entgegnete der Jäger lächelnd.Ein Liebesandenken.

Oho, lachte der Lieutenant,ein Liebesanden⸗ ken, das man trinkt?

Es iſt das praktiſcheſte, Herr Lieutenant, ent⸗ gegnete der Soldat.

Erzählen Sie uns doch, wie Sie dazu gekom⸗ men ſind, Berger, ſprach Wall und legte ſich ſo recht bequem zurecht.

Berger, welcher nun ebenfalls einen tüchtigen Zug aus der Flaſche gethan hatte, wiſchte ſich den rum⸗ feuchten Schnurrbart ab und hub an:

Als wir in Hamburg Raſt machten, kam ich zu einem Kaufmann in's Quartier, welcher gute Cigarren, ſchöne Zimmer, aber eine noch viel ſchönere Tochter hatte. Es iſt meine Gewohnheit, wenn ich in ein neues Quar⸗ tier komme, mich mit den Weibsleuten in gutes Einver⸗ nehmen zu ſetzen, denn dieſe regieren meiſt im Hauſe, und iſt man gut mit ihnen, bekommt man freundliche Geſichter und mitunter allerlei gute Biſſen.

Sie haben doch nicht der ſchönen Tochter den Hof gemacht?

Ich hätte es gethan, wenn ich Officier wäre, denn unſere Herren Officiere gefielen dem ſchönen Fräulein ausnehmend gut. Ich begnügte mich damit, ihr die Hand zu küſſen und zu erzählen, wie die Herren Officiere Hamburg und die Hamburger Mädchen ſchön fänden. Sie lächelte dann immer und gab mir Cigarren. Lotte aber, des ſchönen Fräuleins ſchönes Stubenmädchen, gab mir das Feuer dazu, welches ich mir von ihren Lippen ſelbſt holte.

Teufelsmenſch Sie, lachte der Lieutenant.

Ich bin ja Jäger, entgegnete Berger mit ſolcher Ueberzeugung, als ob ſich da das Hofmachen von ſelbſt verſtünde, und fuhr fort:Wir waren in kurzer Zeit ſehr vertraut geworden, und als zum Ab⸗ marſch geblaſen wurde, wollte ſich Lotte die Augen

ausweinen. Ich werde nun nichts mehr von Dir hören, jammerte ſie und klammerte ſich an meinem Halſe feſt.

Oho, entgegnete ich, nichts von mir hören? Du ſollſt von mir hören, Lottel Ich will meinen Schmerz über die Trennung von Dir den Dänen auf den Rücken ſchreiben, und wenn die Medaillen vertheilt werden dann bekomme auch ich ein Andenken.

Dieſe Rede brachte ſie auf die Idee, mir ein An⸗ denken zu geben. Sie proponirte mir Ringlein und andere goldene Sachen, ich aber erklärte ihr, daß mir das Alles nicht paſſe, ſie ſolle mir was Anderes geben. Da kam ſie denn mit dieſem Fläſchchen Rum und bat mich, es aufzuheben, bis wir den erſten errungen und ich mir eine Medaille verdient hätte, dann möge ich es immerhin austrinken, denn dann könne mir der Ruhm nicht ausgehen.

Das war recht ſinnig von ihr, warf der Lieute⸗ nant hin.

Es iſt ein kluges Mädchen, entgegnete Berger, und ich habe ihr Wort gehalten, denn unſer heutiges Treffen wird doch wohl ein Sieg ſein.

Das iſt es, antwortete der Lieutenant,und die Medaille wird Ihnen auch nicht ausbleiben, Berger. Der Major hat ſie Ihnen am Schlachtfelde verſprochen.

Und Ihnen verſprach der Feldherr den Kron⸗ orden, Herr Lieutenant. Sie ſollen leben!

Ja, Kinder, wir haben uns wacker geſchlagen, rief der Officier und drückte dem braven Berger die Hand,unſer Kriegsherr wird Freude haben. Es lebe der Kaiſer!

Es lebe der Kaiſer! riefen die Männer mit und Lotte' Rumflaſche machte die Runde, bis auch nicht ein Tropfen mehr darin war.

Während dies beim Wachtfeuer vor ſich ging,

1

ereignete ſich eine Scene anderer Art etwa 200 Schritte.

weiter bei einem der Wachtpoſten,

Dieſer hatte ſich, ermüdet wie er war, auf ſeinen Stutzen gelehnt und war ſtehend eingenickt, als ihn ein Kniſtern des Schnees aus ſeinem leichten Schlummer weckte. Er ſah auf und gewahrte in einiger Entfernung eine Geſtalt, die leicht und doch vorſichtig über den Schnee auf ihn zuſchritt.

Halt wer da! rief er ihr zu und hielt das Ge⸗ wehr im Anſchlag.

Die Geſtalt gab keine Antwort, kam jedoch immer näher.

Gebt Antwort, oder ich ſchieße! rief der Soldat, worauf ihm eine feine Stimme:Haltet ein wenig, ich bin gleich bei Euch! zurief.

Wer ſeid Ihr, Freund oder Feind? rief der Soldat.

Weder das Eine noch das Andere, entgegnete die Geſtalt.

Gebt mir deutliche Antwort.

Verſteht mich doch recht, antwortete die Geſtalt. Ich bin kein Freund, ich bin eine Freundin.

Nun konnte ſich die Wache von der Richtigkeit dieſer Angabe leicht überzeugen, denn das weibliche Ge⸗