Jahrgang 
1864
Seite
159
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nälert 195

Feuilleton. 157

die Thatſachen, die ſich nichtverregnen laſſen, bleiben doch aufrecht: daß die Haltung der Bewohner Reichenbergs den deutſchen Gäſten gegenüber eine wahrhaft herzerfreuende ohne den leiſeſten Mißton war, daß das Feſtkomité, den unermüdlichen Dr. Uchatzy an der Spitze, ſein ſchwieriges und anſtrengendes Amt mit aufopferndem Eifer und be⸗ wundernswerther praktiſcher Umſicht verwaltete, und daß die Stadt Reichenberg für den würdigen Schmuck des ſchönen deutſchen Bruderfeſtes verhältnißmäßig mehr Mu⸗ nificenz und Geſchmack entwickelt hat, als manche Großſtadt von ſich rühmen kann.

Am 15. fand das Wettſingen ſtatt. Um den erſten Preis, einen ſilbernen Lorbeerkranz, konkurrirten drei Ver⸗ eine: der Breslauer, der Dresdner(Orpheus) und der Leitmeritzer, mit dem Vortrage eines und desſelben Lie⸗ des,die Jäger von Kücken. Die Kompoſition iſt für ein Rigoroſum wie geſchaffen; nicht leicht ſangbar, eben ſo ſchwer im Rhythmus feſt zu erhalten wie heikel in den Intonationen, ſtellt ſie dem geübteſten Sänger in jedem Augenblick eine Falle, und beſonders in dem heim⸗ tückiſchen Uebergange am Schluſſe des erſten Satzes, der den Uebergang in's lyriſche Soloquartett vermittelt, kann wohl auch der Gerechteſte ſtraucheln. DerOrpheus, ein in ganz Deutſchland wohlaccreditirter und ſchon mit manchem Chrenpreiſe geſchmuckter Verein, kam durch dieſe Stelle zu Falle. Die Sänger verloren den Ton voll⸗ ſtändig und das raſche Hinüberlenken in's Soloquartett konnte die Schlappe nicht mehr verdecken. Die Bres⸗ lauer, die dann folgten, waren ſich vor Allem des Vor⸗ theils richtig bewußt, der darin liegt, wenn für den Vor⸗ trag der ſchwierigen Aufgabe ein leichterer und raſcherer Ton, der ein Weggleiten an mancher Klippe geſtattet, ge⸗ wählt wird, indeß derOrpheus weit energiſcher be⸗ gann und ſo den kleinſten Verſtoß in die Gefahr brachte, im vollſten Lichte bemerkt zu werden. Der fatale Ueber⸗ gang gelang den Breslauern ganz vorzüglich; im ſchö⸗ nen, weichen Vortrage des Soloquartetts hielten die treff⸗ lichen Tenore beider Vereine ſich ſo ziemlich das Gleich⸗ gewicht. Dagegen war dieſer Punkt wieder derſterb⸗ liche des Leitmeritzer Vereines. Sein Vortrag des erſten Satzes war ſo exakt, rein und hübſch nüancirt, daß der Sieg der Breslauer als kein ſo unbedingt ſicherer ange⸗ ſehen werden konnte. Aber das Soloqnartett führte einen ſehr befangenen und wohl überhaupt nicht ſehr ſtimmbegabten Tenor in's Feld, und dieſer machte es zum verlorenen. Wie die Zuerkennung des erſten Preiſes lau⸗ ten müſſe, war von da an auch jedem Laien bereits klar.

Für den zweiten oder dritten Preis traten 15 Ver⸗ eine zum Kampfe ein; u. z. aus Böhmen die Vereine: aus Georgswalde, Hohenelbe, Leitmeritz, Neuſtadtl, Maf⸗ fersdorf, B.⸗Leipa, Niemes, Gablonz, Schluckenau, Groß⸗ Schönau, Warnsdorf; aus Mähren: der Olmützer(nur durch ein Doppelquartett vertreten) und der Schönber⸗ ger; ein ſchleſiſcher aus Hirſchberg; und wieder der Dresd⸗ nerOrpheus. Unter den Komponiſten der Chöre und Quartetts, die im Wetteifer vorgetragen wurden, waren Veit(zweimal, durch Leitmeritz und Niemes), Vogl(Ho⸗ henelbe), Abt, Zöllner und andere von geringerem Na⸗ men. Des echten Volksliedes gedachte ein einziger Ver⸗ ein, der Hirſchberger. Die Sänger aus Schönberg brach⸗ ten die Kompoſition eines Gedichtes aus HansgirgsLie⸗ derbuch für Deutſche in Böhmen, dasErzgebirge, zur Produktion. Storch hat das Strophenlied mit wirklich reizender Charakteriſtik behandelt und der Verein trug es mit großer Friſche und Zartheit vor.

Die fünf Preisrichter(Hofkapellmeiſter Tſchirch aus Gera, Muſikdirektor Hartmann aus Meißen, Muſikdirek⸗ tor Böttcher aus Lauban, Profeſſor Vogl und Muſikdi⸗ rektor Neumann aus Prag) erkannten den erſten Preis Breslau, den zweiten(einen Glaspokal mit Silberdeckeh) Leitmeritz, und den dritten, das vielbewunderte Pult, Dresden zu. Die treffliche Leiſtung der Olmützer konnte nicht in Betracht gezogen werden, da das Preisrichter⸗ kollegium der Anſicht war, daß ein leicht aus Elitekräften

zuſammenzuſetzendes und einzuübendes Doppelquartett nicht den Maßſtab zu geben vermöge, von dem aus auf die Leiſtungsfähigkeit des ganzen Vereines geſchloſſen werden könnte; doch wurde die Leiſtung der acht Sänger ſelbſt als einepreiswürdige bezeichnet. Im Ganzen entwickelte der Wettſtreit der fünfzehn Vereine mehr Gu⸗ tes oder doch Achtbares, als entſchieden Schlechtes; höch⸗ ſtens zwei oder drei unter den Konkurrirenden wären zu nennen, die nur bei gänzlichem Mangel aller Selbſtkritik von ihremWagen auch einGewinnen hätten erwar⸗ ten können. Daß der Leipziger Männergeſangverein, den die Hörer nach ſeinen Vorträgen in der deutſchen Reſ⸗ ſource als einen der feſteſten und an friſchen Stimmen reichſten unter den anweſenden ſchätzen gelernt hatten, nicht mit um den Preis ſang, wurde ſehr bedauert; eben ſo fiel es auf, daß die PragerFlöte, die bereits einen guten Namen in der deutſchen Sängerwelt hat, nichts zur Bewährung desſelben that, ſich vom Wettſingen fern hielt und ſo ſchwach vertreten war.

Zur Einleitung des Koncertes, nach dem erſten Preis⸗ ſingen, und zum Beſchluſſe wurden drei Maſſengeſänge vorgetragen, deren erſten,die Harmonie, der Komponiſt Herr Hofkapellmeiſter Tſchirch perſönlich dirigirte. Das Tonſtück iſt ſehr kunſtvoll gearbeitet, mit Soloquartetts, Einzelnſolis und ſogar einer durchgeführten Schlußfuge. Das Solo ſang der erſte Tenor des Breslauer Vereines, eine herrliche Stimme, die den ungeheuren Raum aus⸗ giebig und doch mit mildeſtem Schmelz durchdrang. Der zweite Chor war die KompoſitionLiedesweihe von Vogl; der letzte die impoſanteHymne des Herzogs von Coburg, die im Maſſengeſange von einer immer unfehl⸗ baren Großartigkeit iſt. Sie wurde über nicht endende Beifallsſtürme wiederholt.

Hierauf erſchien der Feſtredner, Herr Staatsanw. Subſt. Eifler, auf der Tribune. Er begann ſeine Ab⸗ ſchiedsrede mit einem Rückblick auf die Alien, denen ſchon öffentliche Feſte als der höchſte Ausdruck des nationalen Lebens galten, die aber noch in dem materiellen Wunſche panem et circenses ihr Genügen fanden. Der Deutſche aber habe nach edlerer, geiſtiger Sättigung Verlangen getragen; für ihn ward der Geſang, ſchon von den Bar⸗ den als Sporn zu allem Schönen und Großen gehegt, die höchſte Weihe und das höchſte Feſt im nationalen Leben. Ein ſolches Feſt habe nach Reichenberg eine Ver⸗ ſammlung geführt,wie ſie in ſolcher Anzahl und in ſolcher Auszeichnung wohl noch keine Provinzialſtadt ge⸗ ſehen habe. Reichenberg fühle nun die Pflicht, einem Gefühle Ausdruck zu geben, das den deutſchen Charakter kennzeichnet: der Dankbarkeit;denn noch nie iſt ein Deutſcher undankbar geweſen. Dieſer Pflicht nachzu⸗ kommen, dankt der Redner allen, die an dem Feſte theil⸗ genommen, beſonders den Sängern, die er, als Eroberer aller Herzen, mit den Eroberern Schleswigs vergleicht; er bittet ſie, des Feſtes in der Ferne ebenſo freundlich zu gedenken, wie Reichenberg der verlebten Tage denken werde, und fordert ſchließlich die Sieger im Wettgeſange auf, ihre Preiſe aus den Händen der Damen zu em⸗ pfangen, denen der herzliche Redner mit Schillers be⸗ kanntem Spruch huldigt.

Es folgte hierauf die Ceremonie der Uebergabe der Preiſe und Fahnenbänder, die von drei Frauen und drei Fräulein aus den angeſehenſten Bürgerfamilien Reichen⸗ bergs vollzogen wurde.

Eine weitere Entwicklung des Feſtlebens außer der Ton⸗ halle war unmöglich da ein rieſiger Regenguß, der während der Produktion gefallen war und vor deſſen Heimſuchung ſelbſt in der Halle nur unter aufgeſpannten Schirmen Schutz zu finden war, noch das letzte verdorben hatte, was von Weg und Steg gangbar geblieben. Erſatz für das entgan⸗ gene geſellige Leben im Freien bot den Gäſten während der ganzen Feſtzeit die deutſche Reſſource. Sie war der eigentliche Punkt für die geſellige Berührung der Einhei⸗ miſchen mit den Gäſten; dort wurden intereſſante Be⸗ kanntſchaften gemacht, dort ſangen Abends die beſten der