Jahrgang 
1864
Seite
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Feuilleton.

Frontiſpice und Eckthürmen, reich mit Laubſäulen, Kränzen und Wappenſchildern verziert. Eine Reihe von Schildern, die ſich friesartig um die Fronte zieht, enthält die Namen der Geſangsvereine, die an dem Feſte theilnahmen und deren 78 angemeldet waren. Der Regen hat den Platz vor der Halle gründlich durchweicht und auch den Wirthen und anderen Unternehmungen nicht unbedeutenden Schaden zugefügt, die mit elegant eingerichteten Reſtaurationszelten, Schauhütten u. dgl. den Feſtplatz umgaben und ihm das Ausſehen der Dresdner Vogelwieſe im Kleinen verliehen.

Der innere Raum der Sängerhalle kann wohl 6000 Menſchen faſſen, wovon mindeſtens 2000 Sänger ſein dürften. Nach der Probe wurde den Letzteren eine Pauſe gegönnt und um halb ein Uhr Mittags begannen die Vorbereitungen zu dem Feſtzuge, der ſich um zwei Uhr nach dem altſtädter Markte in Bewegung ſetzte, wo ſie im Namen der Stadtvertretung durch den Hrn. Rath Dr. Herzig mit einigen herzlichen Worten angeſprochen wurden, worauf Herr Meiſter(von der PragerFlöte) dankend erwiederte, und dann durch die Hauptſtraßen der Stadt ging, überall begleitet von den aufrichtigſten Zeichen der Sympathie, von donnernden Hochs und überſchüttet mit Blumenſträußen, die ihnen aus den mit Damen reich beſetzten Fenſtern zu⸗ flogen. Die Reihe der Vereine im Zuge war alphabetiſch, ſo daßArnau ihn eröffnete, undZittau ihn ſchloß; und je einer der drei Hauptabtheilungen(von A bis G., von H bis M., und von N bis 3) ging eine Muſikkapelle und einige Mitglieder des Feſtkomité's voran. Turner hielten auf beiden Seiten die Ordnung aufrecht. Die Fahnen, die dem Aufzuge ſo beſondern Glanz gegeben hätten, konnten des Regens halber nur eingerollt getragen wer⸗ den. Letzterer war noch heftiger geworden, als der Zug endlich in der Tonhalle ankam.

Dieſe gewährte, als die Fahnen von der Galerie hineinhingen und die Gaskronen ihre Strahlen ausſandten, einen prachtvollen Anblick. In dem impoſant großen Raume waren Tribünen an den Seiten und im Hinter⸗ grunde vom Auditorium, das ungeheure Parterre von den Sängern gedrängt gefüllt. In der Mitte des Längen⸗ ſchiffs befand ſich das Pult des Dirigenten, das aber vorher noch zur Tribüne für den Feſtredner Dr. Uchatzy wurde. Seine kurze Anſprache war ausgezeichnet durch Geiſt, Takt und den Ton treuer Ueberzeugung. Er be⸗ grüßte die Sänger und die Zuhörer als Theilnehmer an einem Feſte, das der Ehre desdeutſchen Liedes gelte, eines Schatzes,den in trüber Zeit edle Menſchen und ſtarke Charaktere als das Theuerſte bewahrt haben, der für das nationale Gefühl der Zuſammengehörigkeit das mächtigſte Bindemittel ſei. Dem deutſchen Liede und Ge⸗ ſange gelte dieſes Feſt, deſſen Geiſt, wie der Redner hofft, von dieſer Bergeshöhe ſeine Strahlen nach allen Rich⸗ tungen des Vaterlandes ausſenden werde. In Oeſter⸗ reichs Marken ſei dieſes Feſt deutſcher Sänger das erſte, und Reichenberg, von jeher die Metropole deutſcher In⸗ duſtrie und deutſchen Fleißes, ſchätze ſich glücklich, das⸗ ſelbe zu feiern. Und wenn ihm auch, fuhr der Redner mit einer Gelegenheitsanſpielung fort, nicht die Strahlen der Sonne leuchten, ſo habe es die Wärme des Herzens für ſich, die wieder zum Herzen dringe. Um aber dem Bau, der begonnen werden ſoll, den ſicherſten Halt zu geben, erklärt der Redner den Schlußſtein aus dem tiefſten Grunde des patriotiſchen Gefühls Aller holen zu wollen und bringt Se. Majeſtät dem Kaiſer ein Lebehoch! Die Sänger wiederholen in kräftigen Akkorden, das Publikum mit begeiſterter Akklamation dreimal den Zuruf, mit dem dann auch Herr Dr. Uchatzy ſelbſt nach ſeiner einfach, aber mit Nachdruck und der Sicherheit des geübten Redners vorgetragenen Rede in lebhafteſter Weiſe ausgezeichnet wird.

Hierauf begann die Produktion ſelbſt, acht Chöre, von ſämmtlichen Sängern im Maſſengeſang vorgetragen. Nach der einzigen Probe, die Morgens den Sängern möglich war, muß die Präciſion des Enſembles, die Sicherheit und gute Nüancirung des Vortrages wahrhaft außerordentlich genannt werden. Der Dirigent, Herr Chor⸗

rektor Flor. Schmidt, ein alter Herr mit ſchneeweißem Haar, in ſeiner lebhaften Weiſe zu dirigiren ſehr an Spohr erinnernd, hat neben der Umſicht des gediegenen Praktikers auch noch das ganze Jugendfeuer der Liebe zur Kunſt, und ſo gelang es ihm, in kürzeſter Zeit mit einem un⸗ geheuren aus ſo vielen fremden Elementen zuſammenge⸗ ſetzten Vokalkörper Vortreffliches zu leiſten. Von den beiden, eigens für das Reichenberger Geſangsfeſt kompo⸗ nirten Piécen ſtammte der ChorGermania von dem Direktor Herrn Schmidt. Die Kompoſition iſt von klarer, ruhiger Arbeit, und zeugt von gewiegter Erfahrung, die alle für Maſſengeſang am beſten angezeigten Effekte zu benützen und demſelben doch auch die Klippen beſonderer Schwierigkeiten zu erſparen weiß. Mit weit größeren An⸗ ſpruchen tritt die von Prof. Vogl aus Prag dem Feſte ge⸗ widmeteHymne(Gedicht von E. M. Arndt) auf. Sie iſt auf eine breite und ſchwere Unterlage pompöſer Blech⸗ harmonie aufgebaut und ſucht auch in ihren harmoniſchen Gedanken, die mitunter ſcharf aus der einen Tonart in die andere ſpringen, überall nach dem Beſonderen. Das umfangreiche Tonſtück, das nach zwei Zwiſchenſätzen ver⸗ ſchiedenen Charakters wieder in den Anfangsſatz zurück⸗ geht, iſt unſtreitig von großer Anlage und frappanten Ein⸗ zeluheiten; aber für ihren ſpeciellen Zweck läßt ſie doch das Einheitliche, wahrhaft Feierliche vermiſſen, und wird oft mehr breit als groß. Beide Kompoſitionen wurden mit ſtürmiſchem Applaus, mit dreifachenHochs der Sänger und einem Regen von Blumenſträußen aufgenommen, der ſich über die Komponiſten ergoß. Herr Prof. Vogl dirigirte ſeinen Chor ſelbſt und wurde mit einemHoch empfangen. Von den andern ſechs Chören des Programms waren MendelsſohnsFeſtgeſang an die Künſtler, Storchs Heimat und das kernigeSchlachtlied von Abt die am beſten gewählten und machten auch den größten Ein⸗ druck. V. LachnersFrühlingsgruß an das Vaterland und Fr. LachnersTodesgebet des Kriegers vor der Schlacht mochten doch wohl zu düſtern Charakters für die Tendenz des Feſtes ſein. Wenn auch dieſe, als eine entſchieden patriotiſche, Ernſt und Würde der Haltung beanſprucht und wenn wir auch andererſeits die praktiſche Rückſicht recht wohl kennen und anerkennen, daß der leich⸗ tere Styl mit ſeinen feinen Nüancen für den Maſſenge⸗ ſang weit ſchwerer überwindliche Schwierigkeiten hat, als der einfachere ſeriöſe, ſo mußte doch nicht nothwendig in's geradezu Düſtere gegriffen werden. Gewiß iſt, daß der ſchwere Charakter ſämmtlicher, meiſt noch von dröh⸗ nender Blechmuſik begleiteter Chöre ſchließlich ſchon etwas Drückendes hatte. Die einzige Nummer etwas friſcheren Charakters war ElſersJubelruf des Lebens; aber ſie war gerade das werthloſeſte Stück des Programms, gar zu ſehrLiedertafel⸗Schablone.

Eine hübſche Epiſode war's, als gegen halb ſechs Uhr der erſte Sonnenſtrahl dieſes Tags in die Halle fiel und wie ein theurer Gaſt von den Sängern mit ſchallen⸗ denHoch's begrüßt wurde.(Schumanns reizendesO Sonnenſchein, von einem Quartett aus dem Stegreif an⸗ geſtimmt, hätte nebenbei geſagt für den Moment trefflich gepaßt.) Der jubelnde Gruß war freilich ſehr voreilig; denn die nach beendeter Produktion aus der Halle Tre⸗ tenden empfing ein wo möglich noch wüthenderes Unwetter, als es den Tag über ſchon gehauſt hatte. Eines der Re⸗ ſtaurationszelte fiel mit ſeiner ganzen gebrechlichen Ein⸗ richtung dem Sturm zum Opfer. Noch mehr der Letzteren fand der Wütherich in den Toiletten der Damen, die den beträchtlichen Weg bis zur Stadt in Koth und Regengüſſen ſchwimmend zurücklegen mußten. Ein Theil des Publikums zog es vor, in der Halle zu bleiben, in die das, für den Feſtplatz beſtimmte Koncert der Militärkapellen verlegt wurde.

Der Reichenberger hatte ſich eine förmliche Nieder⸗ geſchlagenheit über das gräßliche Wetter und das theil⸗ weiſe Mißlingen des Feſtes bemächtigt. Wenn aber die rauhe Witterung auch den Zuzug fremder Gäſte geſchmälert und die Feſtphyſiognomie der Stadt getrübt haben mag