154 Feuilleton.
„Genug dieſes muthwilligen Tones, wenn ich zu Dir von den ernſteſten Intereſſen meiner Zärtlichkeit ſpreche.“ „Seien wir alſo ernſt. Um den Entſchluß gefaßt zu haben, Dich zu verheiraten, ſo biſt Du doch vollkommen ſicher, daß Frl. Laure...“ „Halte ein, Du würdeſt gottesläſtern.“ „Ja aber die Heirat iſt eine Lotterie, wo die Treffer noch ein wenig rar ſind.“ „Nicht für einen Menſchen, der Phyſiognomiſt wie ich iſt.“ „Das iſt nur allzu richtig.“ Ich erfuhr ein halbes Jahr ſpäter, daß Blavinard wegen Scheidung gerichtlich eingeſchritten war. 83 x Nℳ
Das letzte Mal, daß ich ihm begegnete, war geſtern.
Ein Jahrhundert war verfloſſen ſeit unſerem obigen Zuſammentreffen, auch war die Wunde ſeiner Ehe ſchon vernarbt.
Ich bemerkte ſogar in ſeinen Zügen eine Miene von Jovialität und Erregung, die meine Neugierde reizte.
„Woher kommt Dir denn dieſen Morgen dieſes la⸗ chende Ausſehen?“
„Ein köſtliches Abenteuer.“
„Oh! oh!“
„Romantiſch.“
„Ah! ah!“
„So wie Du mich da ſiehſt, bin ich närriſch verliebt.“ „Teufel!“
„Und,— das iſt das piquanteſte,— in eine Frau, ich noch nicht geſehen habe.“
„Du wirſt räthſelhaft.“
„Die Sache iſt folgende. Ich wohne in Verſailles da mich aber meine Geſchäfte nach Paris rufen, ſo brauchte ich ein Abſteigequartier. Ich gewahre an einem ſehr anſtändigen Hauſe einen Anſchlagzettel, und gehe mich erkundigen.
„Sie haben hier etwas Möblirtes zu vermiethen?“
„Ja, mein Herr. Eine keine Wohnung. Die Perſon, welche darin war, mußte plötzlich abreiſen.“
„Das iſt mir gerade recht.“
„Dieſes geſchah vorgeſtern,“ fuhr Blavinard fort.„Ich bin ſomit erſt ſeit einigen Stunden in meiner Wohnung, aber ich habe keine Zeit verloren. Ich unterhielt mich da⸗ mit, alles durchzuſtöbern, zu betrachten, zu beobachten.
„Du weißt, daß ich Phyſiognomiſt bin. Nun hat eine Wohnung ihre Phyſiognomie, wie jede andere Sache.
„Dieſe da hat mir ſchon tauſenderlei Anzeichen ge⸗ geben, daß das Lager von einer Frau bewohnt war, die lung, hübſch ſein mußte.
„Ich bete ſie an, ohne ſie zu kennen,— und bei ihrer Rückkehr...“
„Mein lieber Blavinard, Deine Erzählung iſt aller⸗ liebſt. Erlaube mir aber nichtsdeſtoweniger, Deine Scharf⸗ ſichtigkeit in Zweifel zu ziehen.“
„In Zweiſel ziehen!..ich, ich bin meiner Sache ſicher.“
„Und in welchem Stadtviertel liegt denn dieſe be⸗ redte Wohnung?“
„Pépinière-Gaſſe Nr. 24.“
„Nicht möglich..Him zweiten Stock eine Glas⸗ thüre?“
„Ja... aber woher weißt Du denn?...
„Mein armer Blavinard, die hübſche und junge Frau Deiner Träume war ganz einfach einer meiner Freunde, Rittmeiſter bei den Dragonern, welchen Familien⸗Ange⸗ legenheiten nach dem Süden gerufen haben!...
Blavinard wollte nichts weiter hören. Er entfloh.
Blaviuard wird in ſeiner beharrlichen Unbußfertigkeit ſterben. Betet für ihn!
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Das Volksfeſt in Wien.
Der Fremdenzufluß zu dem Wiener Volksfeſte war ein außerordentlicher. Bereits Mittwoch den 17. Nach⸗ mittags 5 Uhr traf der erſte Vergnügungszug der Süd⸗ bahn ein, welchem bis Abends noch fünf andere(die zwiſchen Baden und Wien verkehrenden nicht mitgerech. net) von Trieſt, Gratz und Marburg folgten. Von den im Laufe des Donnerſtag⸗Vormittags angekommenen Zügen ſind auf dieſer Bahn allein 9860 Perſonen nach Wien befördert worden. Die Vergnügungszüge der Weſt⸗ bahn brachten inkluſive der Perſonenzüge aus Salzburg, Linz, Paſſau, München nahezu an 8000 Gäſte. Den ſtärkſten Transport hatte die Nordbahn, und zwar kamen Vergnügungszüge aus Peſt, Olmütz, Krakau, Reichenberg, Prag. Oderberg und Stockerau. Von vier Uhr Nachmit⸗ tags angefangen waren der Perron der Nordbahn ſo wie die Wartſäle und der Hofraum von Menſchen, die ent⸗ weder Paſſagiere oder Wartende waren, wörtlich über⸗ ſäet. Gegen Abend nahm dieſer Andrang von Menſchen einen ſolchen Charakter an, daß Polizei requirirt werden mußte, welche mit Mühe die Gänge frei hielt. Sehr viele Paſſagiere, welche nicht einige Tage vorher ihre Logements beſtellten, waren bei ihrem Eintreffen in un⸗ glaublichen Verlegenheiten. Sehr viele fuhren Stunden lang herum ohne ein Quartier zu finden, bis ſie ſich damit begnügen mußten, in den Gaſthäuſern im Speiſe⸗ zimmer ein einfaches Strohbett zu erhalten. Die ganze Nacht war die Leopoldſtadt und beſonders die Jägerzeile ſehr belebt und verbrachten Viele die Nacht in den Kaffee⸗ und Gaſthäuſern.(Dem„Fremdenbl.“ zufolge brachten viele Fremde die ganze Nacht ſogar im Freien zu; am Stephansplatz ſollen ganze Geſellſchaften mit Plaids und Reiſetaſchen die Nacht hindurch Promenaden um den Dom gemacht haben.) Der Morgen brachte wieder neue Gäſte in großer Zahl.
Das Volksfeſt wurde Nachmittags um 3 Uhr mit dem Aufzuge der ſämmtlichen Muſikkapellen eröffnet. Wider alles Erwarten ward es von dem ſchönſten Wetter begünſtigt. Noch um 1 Uhr war das Schickſal des Tages ungewiß, von da an wurde der Himmel„heiterer und immer heiterer“. Die große Völkerwanderung aus den Vorſtädten begann ſich in Bewegung zu ſetzen, und die Straßen glichen einem wogenden Menſchenmeer. Es war, als ob die ganze Stadt nur von einem Gedanken durchſtrömt wäre, deſſen Zug nach dem Prater ging. Dort bot die Menſchenmenge den großartigſten Anblick; auf den grünen Plätzen, die vom Praterſtern einerſeits bis zum Feuerwerksplatze anderſeits bis zum Ende des Thier⸗ gartens und der Cireuswieſe ſich erſtreckten, mochten um 7 Uhr Abends an 250.000 Menſchen verſammelt geweſen ſein. Trachten aller Nationalitäten, Tänze, Sprachen, Ge⸗ ſänge der verſchiedenſten Volksſtämme Oeſterreichs; dort eine Tribune mit 15 Geſangvereinen, hier der Männergeſang⸗ verein, Militärmuſikbanden, Cicoilorcheſter, Einzelngeiger, Harfeniſten und Liederſänger auf den Kreuzwegen zer⸗ ſtreut, leider auch der unvermeidliche Leiermann mit und ohne Pudel, Marionettentheater, Hanswürſte, Buſchen⸗ ſchenken, Lebzelterhütten, Salamihütten, Lauberhütten und Gott weiß was noch alles für Sorten von Hütten in impro⸗ viſirter pittoresker Form, mit Guirlanden und Reiſig friſch geſchmückt, bunten papiernen Ketten und bemalten Lampions,— dort die Buchdruckerpreſſe der„Vorſtadt⸗ Zeitung“, von einigen Hundert Austrägern flankirt(über 60.000 Exemplare der Nummer mit dem Programm ſollen abgeſetzt worden ſein); dort der Cirkus Suhr, Hermann mit ſeinen Löwen, dort ein rieſiger Kletter⸗ baum, auf deſſen Krone ein kühner Jüngling Silbergul⸗ den erwirbt; das ſind nur kurz aufgezählt die Einzeln⸗ ſkizzen des reichen Lebensbildes. Nächſt dem Menſchen⸗ meer, das hin⸗ und herwogte, bildete den großartigſten Anblick das Meer von Bier, ein Ocean ohne Ende, das konſumirt wurde. Wie im Lager der Kreuzfahrer ſtand
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