15² Literatur
und Kunſt.
zweckt. Ueber den Inhalt des Büchleins können und müſſen wir hinweggehen, zumal nachdem erſt unlängſt der C. C. G.(Codex Cerevisiae Georgius), d. h. der Göttinger Bierkomment eine liebevolle und eingehende Beſprechung erfahren hat, im Weſentlichen aber alle Bier⸗ komments einander gleich ſind. Offenherzig geſtanden— auf uns macht dergleichen Literatur immer einen nieder⸗ ſchlagenden Eindruck. Es iſt doch allzu wenig Witz und allzu diel Behagen, was ſich hier allzu ſelbſtgefällig breit macht. Witz und Humor ſucht man vergeblich in dieſem wüſten Chaos von abgeſchmackten Satzungen, deren ultima ratio doch nichts Anderes iſt und bleibt als: in den Feſ⸗ ſeln eines faden Ceremoniells ungeheure Quanta Bier zu vertilgen. Mit Recht haben— unſeres Wiſſens— alle burſchenſchaftlichen Verbindungen ſich ſchon längſt von allen Velleitäten des Bierkomments losgeſagt, und nur unter den Korps ſcheint noch eine befremdliche Anhäng⸗ lichkeit an die geiſtloſen Vergnügungen desſelben ſich er⸗ halten zu haben. Heinrich Heine ſagt einmal von den Göttinger Studenten:„Ihr Geſetzbuch, welches Komment heißt, verdient unter den legibus barbarorum eine Stelle“— und ſo iſt es.
— Eine vielbegehrte Schriftſtellerin. In London iſt neuerdings der bekanntlich dort ſo großes Aufſehen ma⸗ chende Eheproceß der Mrs. Belverton zur Entſcheidung gekommen, d. h. dieſelbe iſt zu Ungunſten der Klägerin ausgefallen: ihre Vermälung ward für illegitim erklärt. Als Mrs. Jelverton oder vielmehr, wie man ſie nun eigentlich nennen muß, Miß Longworth dies Urtheil des Gerichtes hörte, fiel ſie ſofort in Ohnmacht und geberdete ſich höchſt unglücklich. Mag ſie ſich mit den Erfolgen tröſten, die ihr höchſt wahrſcheinlich auf literariſchem Felde blühen werden. Sie ſchreibt, wie man von früher ſchon weiß, einen pikanten Styl, und da ſie nun oben⸗ drein eine durch den Proceß ſo intereſſant gewordene Perſönlichkeit iſt, ſollen ihr dem Court⸗Journal zufolge von nicht weniger als ſechs großen Journalen die glän⸗ zendſten Anerbietungen hinſichtlich ihrer Mitarbeiterſchaft gemacht ſein.
— Neues von Pariſer Modemalern. Tiſſot, der Nach⸗ ahmer von Leys, zeigt in ſeinem jüngſten Werke, daß ihm die Formen der modernen Eleganz eben ſo geläufig ſind, als die des Mittelalters; ſeine„Beiden Schweſtern“, die am Ufer eines von Bäumen beſchatteten Sees ſpazieren gehen, ſind der Ausdruck jugendlicher Friſche und weib⸗ licher Grazie; die grünen Bänder, welche an den weißen Mouſſelingewändern herabhängen, bilden den Grundton zu dem grünlichen Licht, welches durch die Bäume auf die Geſtalten bricht, und denſelben nicht ganz ohne Ver⸗ anlaſſung den Beinamen der grünen Schweſtern verſchafft hat.— Ein„Porträt der Madame A. S.“ von Hébert hat dagegen die blaue Farbe zum vorherrſchenden Ton und erinnert an den„blauen Knaben“ von Gainsborough, an dem dieſer Künſtler im Kontraſt zu den ausſchließlich rothen Tinten von Porträts von Reynold zeigen wollte, daß auch das Blau in vorherrſchendem Maße ſich künſt⸗ leriſch ſchön verwenden laſſe. Madame A. S. iſt mit einem blauen Stoff bekleidet, auf welchen der blaue Himmel reflektirt, und die azurblaue Farbe einzelner Adern dringt durch die feine Haut an den Schultern und Wan⸗ gea durch; die dunklen Augen blicken in der bekannten Hébert'ſchen Weiſe, die derſelbe ſeinen vornehmen Damen wie Landmödchen beilegt, ſchwärmeriſchemyſteriös vor ſich hin; die Ausführung der Stoffe u. ſ. w. iſt in den Bildern dieſes Künſtlers ſtets ſehr gelungen, aber den Geſichtern fehlt jeder phyſiognomiſche Charakter.— Dieſelbe Weich. heit und Verſchwommenheit des Ausdrucks, welche den Damen der großen Welt und der Demi⸗monde in ſo hohem Grade zuſagt, findet ſich bis auf den krankhaften Zug, der den Hebert'ſchen Geſtalten überdies noch eigen iſt, in den Porträts von Dubufe wieder, deren ſonſtige techniſche Vollendung faſt unerreicht iſt.— Chaplin end⸗ lich, der„Boucher oder Greuze der Jetztzeit,“ hat in einem „Mädchen, welches Seifenblaſen macht“ und einem anderen,
welches weiße Tauben gegen den halbverhüllten Buſen drückt, die reizenden, roſigen Tinten der Meiſter des vori⸗ gen Jahrhunderts mit vielem Glück nachgeahmt. Man nennt Chaplin den Realiſten der Boudoirs, weil er ſeine galanten und koketten Sujets mit einer ſeltenen Natur⸗ wahrheit ſchildert und ſein Kolorit nicht die Weichheit der Töne hat, welche von den Darſtellern derartiger Scenen gewöhnlich angewendet wird.
—„Don Quixote“ auf der Bühne. Das Pariſer Gymnaſetheater, ein dem feinen Luſt⸗ und Schauſpiel geweihtes Haus, hat ſich herabgelaſſen, eine Zauberpoſſe zu bringen, und Viktor Sardou, der feine Dichter, es nicht verſchmäht, ein Spektakelſtück gewöhnlicher Sorte für den Maſchiniſten und Dekorateur zu ſchreiben.„Don Quixote“ heißt dieſe Verirrung, und die keuſche Bühne öffnet ſich einer Schar leichtfertiger Sylphiden, einem ganzen Bataillon Figuranten, zweiunddreißig wirklichen Akteurs, einem Pferde und einem Eſel. Trotz des ver⸗ hältnißmäßig kleinen Raumes des Gymnaſetheaters ging aber Alles vortrefflich. Das Stück ſelbſt, d. h. der Text, iſt Nebenſache, die Ausſtattung, vorzüglich das Koſtüm, dagegen Alles. Wie es ſcheint, hat das Stück ſogar dem letzteren erſt ſeine Entſtehung zu verdanken. Es erſchien nämlich im vergangenen Winter eine illuſtrirte Pracht⸗ ausgabe des Cervantes'ſchen„Don Quixote“ mit Zeich⸗ nungen des genialen Doré. Dieſe Zeichnungen ſind nun in Sardou's Dramatiſirung auf die Bühne übertragen. Aber was iſt aus dem unſterblichen Roman hier gewor⸗ den? Ein höchſt gewöhnliches Machwerk, das der erſte beſte Faiſeur der Feeries an der Porte St. Martin auch noch zu Stande gebracht hätte. Dazu brauchte man keinen Sardou, ſollte man denken. Ohne die prächtige, überraſchende Inſcenirung wäre das Stück durchgefallen, doch jene blendet und amüſirt die Zuſchauer. Man ſieht da Doppelgänger des Don Quixote, die ihm ähnlich ſehen, wie ein Ei dem anderen, Rieſen, die ſich in Windmühlen verwandeln, einen Mond, der lacht und weint ꝛc. Beſon⸗ deren Beifall fand der Kampf mit den Windmühlen, wobei eine vortreffliche Maſchinerie entwickelt wurde. Der Applaus ertönte unaufhörlich, dabei aber blickte das ganze Publikum— auf Doré, der mit ſeiner Familie in einer Loge anweſend war. Sardou rief man nicht— den Dichter betrachtete man als Hilfsarbeiter des Zeichners. Geſpielt wird der Don Quixote ganz vorzüglich, die Titelrolle gibt Leſueur, den Sancho der von der deutſchen Rundreiſe der Bouffes parisiens her wohlbekannte Pradeau. — Wir wollen hier gleich noch erwähnen, daß Sardou ſchon wieder mit einer Novität bereit ſteht, einem Luſtſpiel für das Palais⸗Royal:„Les pommes du voisin.“
— Ein Preis für ein engliſches Nationalſchauſpiel. Der Schauſpieler Thomas Potte⸗Cooke in London iſt un⸗ längſt mit Hinterlaſſung eines Vermögens von 30.000 Pfund Sterling geſtorben. Mit einem Kapital von 2000 Pfund, das er dem„Dramatie College“ hinterlaſſen, iſt ein Preis für ein Nationalſchauſpiel geſtiftet, der jedesmal am 23. April, dem Geburtstag Shakeſpeare's und zugleich dem des Teſtars, vertheilt werden ſoll.
— Per Eiſenbahn in's Theater. Als Kurioſum theilen wir unſern Leſern aus der Kölbel'ſchen„Theaterchronik“ mit, daß der Fürſt von Sondershauſen in ſein Hoftheater ſogar auf dem Schienenwege per Eiſenbahn gelangen kann, und nicht blos auf dem ſo gewöhnlichen Wege der Equipage. Es dürfte das wohl ein Unicum in ſeiner Art ſein. Vom Schloſſe aus ſind nämlich durch den Schloß⸗ park bis zum Theater eiſerne Schienen gelegt, auf welchen der Fürſt bei ſchlechtem Wetter in einem eleganten Sa⸗ lonwageu hin und zurückfährt Die Dampfkreaft erſetzen zwei Diener.
OROGGo
—


