Jahrgang 
1864
Seite
153
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Literatur und Kunſt. 151

Schnelligkeit und viel an der Lenkſamkeit opfern. Der Warrior würde im baltiſchen Meere und in den engen Seen unbeholfen manöbriren und bei der Ver⸗ theidigung der engliſchen Küſten an den ſeichten Stel⸗ len ſich von weniger Wirkſamkeit erweiſen. Ungern würde man ihn zu einer längeren Kreuzung in den Stillen Ocean oder fern von den Docks ſchicken, wo er alle zwei oder drei Monate ſich einfinden müßte, um ſeinen Raum klar zu machen. Das außerordentliche Gewicht der Eiſenbekleidung ſchließt nothwendig nahezu das Doppelte an Tonnengehalt in ſich, wenn er dieſelbe Zahl Stücke führen und dieſelbe Schnelligkeit behaup⸗ ten will; überdies bieten ſein Umfang und die außer⸗ ordentliche Waſſertiefe ernſtliche Schwierigkeiten, die möglichſt zu erledigen ſind.

Einen bedeutenden Schritt näher zu dieſem Ziele that Kapitän Coles durch die von ihm erfundenen Kup⸗ pel⸗ oder Thurmſchiffe. Bei beträchtlich vermindertem Gewicht der Panzerung ſchützt dieſe das Schiff vollſtän⸗ dig. Durch einen Mechanismus leicht beweglich, wirkt Eine Kanone hier mehr, als zwei auf anderen Schiffen. Die Bauart geſtattet einen geringeren Tonnengehalt und gewährt zugleich eine größere Schnelligkeit. Die Kuppelſchiffe ſind im Stande, die ſchwerſten Stücke zu tragen, während Schiffe mit Breitſeitenpforten ſich auf Armſtrong⸗Hundertzehnpfünder beſchränken müſſen. Je⸗ nes kann eine im Verhältniß zu ſeinem Tonnengehalt ſchwerere Vollladung geben und dabei raſcher und prä⸗ ciſer feuern, als irgend welches nach anderer Methode gebautes Kriegsfahrzeug. Unter anderen Verbeſſerun⸗ gen empfiehlt Coles für ſeine Kuppelſchiffe dreifüßige, röhrenförmige, eiſerne Maſten.

Die Schwere der Eiſenrüſtung macht es nothwen⸗ dig, daß die Schiffe ſehr lang gebaut werden, die aber in engen Gewäſſern, in Flüſſen, Buchten, wie in der Nähe der Küſten nicht operiren können. Sachkundige, mit den theilweis gepanzerten Fahrzeugen, wieWar⸗ rior undDefence, unzufrieden, behaupten, daß ein Kriegsſchiff durchweg in Eiſen gekleidet ſein muß. Kann eine darauf geſchleuderte Bombe in dem Rumpf explo⸗ diren, ſo entſpricht es nimmermehr ſeinem Zwecke. Und in der That, eine dreihundertpfündige Whitworth⸗Bombe, die in der Achter⸗Kajüte eines Kriegsſchiffes platzt, macht, wenn ſie es auch nicht zerſtört, es doch kampfunfähig. Die Admiralität gab nun Befehl zum Bau des Minotaur, der vom Schnabel bis zum Spiegel ge⸗ harniſcht iſt. Er iſt 400 Fuß lang, bei 6621 Ton⸗ nengehalt. Er zieht 26 Fuß 2 Zoll Waſſer und dampft 14,3 Knoten in der Stunde. Er führt 13 Achtund⸗ ſechzigpfünder und 4 Hundertundzehnpfünder auf der Breitſeite, gibt eine Vollladung von 1324 Pfund und zählt 704 Köpfe der Bemannung.

Allein Fahrzeuge von ſolchen Dimenſionen ſin zum allgemeinen Gebrauch zu ſchwerfällig. Reed legte nun Zeichnungen zum Bau geharniſchter hölzerner Schiffe von verhältnißmäßig kleinen Dimenſionen und geringer Waſſertiefe vor und ſein Plan wurde angenommen und er zum Schiffsbaumeiſter der Admiralität ernannt. Er modificirte indeſſen ſeine Anſicht dahin: Brauchen wir

ein Schiff, das den Dienſt unſerer Jachten und Kor⸗ vetten zu übernehmen hat, die Flüſſe ab⸗ und aufzu⸗ dampfen, innerhalb und außerhalb der Häfen herumzu⸗ fahren, den Weg über unerforſchten Grund ermitteln, ſo kann der Rumpf allerdings von Holz gezimmert werden. Soll aber ein Schiff von ungewöhnlichem Umfang ſeine 14 Knoten in der Stunde machen, ſo muß es durchaus von Eiſen gebaut werden. Im Auf⸗ trage der Admiralität baute nun Reed nach ſeinem Sy⸗ ſtem die drei Schiffe:Entrepriſe,Reſearch und Favorite. Coles, der mit dem Admiral Halſted Zweifel gegen die Zweckmäßigkeit der Bauart erhob, baute ein Kuppelſchiff nach ſeiner Methode mit dem ſeltſamen NamenNaughty Child(unartiges Kind). Die Vortheile und Mängel beider Syſteme gegen einander abwiegend, geht nun der engliſche Referent in die techniſchen Einzelheiten ein, die nur Fachmän⸗ nern verſtändlich und intereſſant ſein können. Für unſere Leſer genügt, aus dem Vorſtehenden die An⸗ ſchauung gewonnen zu haben, welche Rieſen⸗Anſtren⸗ gungen die engliſche Marine macht, um mit der fort⸗ ſchreitenden Wiſſenſchaft und Technik Hand in Hand, von ihren unerſchöpflichen Hilfsquellen unterſtützt, ſich auf der Höhe ihres ungebrochenen Uebergewichts zu be⸗ haupten. Ob auch für Deutſchland die Zeit kommen wird, im Rathe der meerbeherrſchenden Mächte ſeine Stimme in die Wage zu legen, das iſt zwar vorläufig noch ein Problem, doch wird die Löſung desſelben hoffentlich nicht mehr zu lang auf ſich warten laſſen. M. f. d. L. d. A.

Literatur und Kunſt.

Eine volksthümliche Erzählung von Hermann Schmid. Köuig Max von Baiern trug ſich noch in den letzten Wochen vor ſeinem Tode mit dem Plane einer Hebung der für die unteren Volksſchichten berechneten Li⸗ teratur. Er wünſchte, daß dieſelben andere Koſt darge⸗ boten erhielten, als die üblichen, in Form und Inhalt gleich rohen und gräulichen Räuber⸗ und Verbrecherge⸗ ſchichten. So wollte er denn dem bekannten und talent⸗ vollen Romandichter Hermann Schmid es möglich machen, volksthümliche Erzählungen zu ſchreiben, die dann für einige Kreuzer verkauft werden könnten. Eine erſte Probe derſelben iſt jetzt erſchienen:Der Jägerwirth oder die Mordweihnacht zu München. Wie man hört, wird König Ludwig II. die Idee ſeines Vaters nicht fallen laſſen, ſondern weitere Mittel zu ihrer Durchführung bewilligen.

Der neue Jenaiſche Bierkomment, zu Nutz und Frommen akademiſcher Gemüthlichkeit entworfen, iſt be⸗ reits in zweiter Auflage(Jena, Döbereiner) erſchienen. Dieſes allen deutſchen akademiſchen Biertrinkern gewid⸗ mete Büchlein erblickte zuerſt im Jahre 1852 das Licht der Welt als das Schmerzenskind einer zur Reviſion des Bierkomments niedergeſetzten außerordentlichen Kommiſſion von Jenenſer Korpsburſchen; denn dieſe Kommiſſion ar⸗ beitete an der Löſung ihrer Aufgabe mit ſo ungeheurer Sorgfalt, daß ſie,unter dem betäubenden Lärmen einer wilden, von Füchſen ſtrotzenden Corona, jeden der von ihr entworfenen Paragraphen ſogleich praktiſch einübte, um ſeine Tüchtigkeit zu erproben. Trotz alledem klebten dem alſo entſtandenen Bierkomment allerhand Mängel an, deren Abſtellung die erneuerte Ausgabe desſelben be⸗