Jahrgang 
1864
Seite
149
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Amely Bölte: Der Liebeskaſten. 147

den wirklichen Mann, das Original dazu, noch immer nicht ſah.

Als es Zwölf ſchlug, fuhr er in den Hof. Sie war allein im Wohnzimmer und mußte ihn empfan⸗ gen. Sie bebte.Ein bischen blaß heute, ſagte er, als er eintrat.Um ſo intereſſanter. Nun ſagen Sie mir nur: lieben wir uns, oder lieben wir uns nicht? Wollen wir uns, oder wollen wir uns nicht? Er ſah ſie dabei mit einem ſo beſtimmten Blicke an, daß die poſitive Antwort nicht fehlen durfte. Sie wußte nicht, was erwiederrn. Sie fing an zu weinen.Ach, Thrä⸗ nen! Das iſt ſchon recht. Das iſt der Mädchen Aus⸗ hilfe, wenn die Gefühle überwallen. Das heißt alſo, Sie lieben mich?

Ich kenne Sie ja noch ſo wenig, ſtotterte Klara endlich hervor.

Was thut das, wenn die rechte Sympathie ſtatt⸗ findet. Sagen Sie mir, fühlen Sie es, daß ich der Ih⸗ nen vom Schickſale beſtimmte Gatte bin, oder fühlen Sie es nicht?

Ich glaube es, daß Sie es ſind.

Nun, dann iſt ja alles richtig. Kommen Sie! Jetzt gehen wir zu Ihrer Mutter!

Dieſe trat eben ein und wurde mit dem Vor⸗ gange bekannt gemacht. Sie ſah ihre Tochter an, und gewahrte die Angſt und Unſicherheit ihres Weſens.

Ihr Antrag iſt gewiß ſehr ehrenvoll, Herr von Schraden, ſagte ſie;doch kennen Sie meine Tochter noch zu kurze Zeit, und auch dieſe weiß nicht viel mehr von Ihnen, als daß Sie einen grünen Rock tragen. Blei⸗ ben Sie als Gaſt bei uns, und laſſen Sie der Mutter die Zeit, zu prüfen, ob ihr Kind mit Ihnen glücklich werden kann.

Das bezweifeln Sie noch und ſehen uns vor ſich mit dieſer Aehnlichkeit in Stirne und Augen? Nun, Sie werden ſich bald überzeugen, daß die Seelenſtimmung nicht minder ſympathiſirt. Wenn Sie erlauben, ſchreibe ich heute gleich an meinen Freund Hochwächter und lade ihn zur Verlobung ein, denn dieſem danke ich doch eigentlich dieſe werthvolle Bekanntſchaft, ohne ihn wäre mein Auge vielleicht nicht auf ſie gefallen, und ich hätte die für mich geſchaffene Hälfte vielleicht nie ge⸗ funden.

Bin ich Ihnen denn wirklich ſo ähnlich? fragte

Klara, und ſah ihn mit ſtiller Verwunderung an.

Er lachte laut auf.Das ſehen Sie nicht? fragte er und ſtellte ſich neben ſie vor den Spiegel.

Sie ſah es wirklich nicht.

Eine peinliche Zeit begann nun für das arme

Mädchen, in welcher ſie Ideal und Wirklichkeit in Ein⸗

klang zu bringen bemüht war, und, wie ſchon Mancher und Manche vor ihr, an dieſer großen Aufgabe ſchei⸗ terte. Immer noch ſtand als Bild vor ihrer Seele ein Mann, der Jenem glich, welcher jetzt die Stelle in ihrem Herzen auszufüllen begehrte, und wo der lebende Menſch ſie abſtieß, konnte ſie ſich von ſeinem Schatten nicht losreißen.

Tag um Tag verging und immer größer ward die Kluft, die ſie im täglichen Verkehr von Herrn von

Schraden trennte, immer widerlicher wurde ihr jede Annäherung von ſeiner Seite. Er ſchoß Haſen, wieder⸗ holte ihr, daß ſie ihm ähnlich ſehe, lachte dann ſelbſt darüber, und verſicherte ihr ſchließlich, der Bund unter ihnen ſei im Himmel geſchloſſen und darum ſolle ſich auch kein Teufel darein mengen. Endlich ſprach er von ſeiner bevorſtehenden Abreiſe, und ſchon wollte ſie hoch aufathmen in der Ausſicht, nun mit ſich allein die Sache noch recht zu überlegen, da trat die Mutter herein, und redete von Vorbereitungen zur Verlobung, die doch vor⸗ her begangen werden müſſe. Klara erbleichte.Biſt Du denn auch ſo gewiß, daß Dein Kind mit dieſem Manne glücklich wird? ſagte ſie heimlich zu ihr.

Ich laſſe Dir ja freie Wahl, erwiederte die Mutter ruhig.Du haſt mir geſagt: das Original zu dem Bilde im Liebeskaſten oder Keinen, und ſiehſt in Herrn von Schraden dies Original; was kann ich da machen?

Mich unvermält bei Dir behalten, ſagte ſie verzagt.

Das hieße Dich Deiner Beſtimmung entziehen, mein Kind! Damit entfernte ſie ſich und Klara lief in den Garten hinaus, um im Schneegeſtöber Kühlung und Ruhe zu finden.

Abends war Herr von Schraden vorzüglich aufgeweckt.Wenn ich wiederkomme, bringe ich einen Maler mit, der ſoll uns auf ein Bild bringen, damit die Aehnlichkeit deſto mehr hervortritt. Ein ſchönes Werk der Natur, dieſe Erſchaffung unſerer beiden, ſo gut klappenden Hälften. Warum der liebe Gott nur ſo ſelten etwas ſo Geſcheites macht! Wie viel mehr Freude würde ihm dann ſeine Welt gewähren.

Sie reden ordentlich gottlos! ſagte Frau Ciſen⸗ ſtück.Mit Ihrer Frömmigkeit iſt es nicht weit her, wie es ſcheint, und an Ihrer Gemüthsbildung wird meine Tochter noch zu thun haben. Sie müſſen als Ehemann viel zarter und ſanfter werden.

Behüte! gab er lachend zurück,Der Jäger, der die wilde Jagd führt, muß wild und ſtürmiſch ſein. Hab ich nicht recht, Fräulein Klara? Komme ich Ihrem Ideale nicht ſo am nächſten?

Was wiſſen Sie von meinem Ideale? ſagte ſie halb ärgerlich.Ich glaube, es war Alles Jer⸗ thum, Ich wollte, Sie zögen einen ſchwarzen Rock an; mir iſt der grüne ſchon ganz zuwider, und Ihnen ähn⸗ lich ſehen mag ich auch nicht länger! Damit verließ ſie unmuthig das Zimmer.

Herr von Schraden lachte hell auf, als ſie ge⸗ gangen, und Frau Eiſenſtück lachte mit.Jetzt ſind wir bald fertig, ſagte der Erſtere,ſie iſt meiner ſchon völlig ſatt. Ich will ihr aber doch jetzt nachgehen, und ihr mein Bild noch einmal im Mondſchein in ſei⸗ nen ſchönſten Farben vorhalten. Damit ging er hinaus und ſuchte Klara auf.

Ich habe nur unſere nächſten Nachbarn einge⸗ laden, ſagte am nächſten Morgen Frau Eiſenſtück zu ihrer Tochter.Es iſt genug, wenn wir vor dieſen Deine Verbindung bekannt machen. Das Wetter iſt für unſere entfernteren Bekannten zu ſchlecht.

Klara ſagte nichts. Sie ging ſtill hinauf in ihr

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