Jahrgang 
1864
Seite
148
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146 Amely Bölte: Der Liebeskaſten.

gar nicht da. Ein wenig enttäuſcht ließ ſie nun ihrem Pferde wieder den Zügel ſchießen, und ritt bald ganz langſam im Schritte durch ihr Dorf.

Am Eingang desſelben lag die kleine Schenke. Vor dieſer hielt ein Wagen. Fremde Gäſte beſſerer Gat⸗ tung waren hier eine Seltenheit, und die Neugier eines Landfräuleins läßt ſich einen ſolchen Fall nicht unter⸗ ſchlagen. Eben wollte ſie deshalb eine Frage an den Menſchen richten, der den Pferden Heu und Waſſer gab, als das Fenſter der Wirthsſtube ſich öffnete und ein Monn ſich heraus lehnte, jener Mann, dem keinen Blick zu gönnen ſie kurz zuvor beſchloſſen. Schnell wandte ſie den Kopf ab und eilte das Herrenhaus zu gewinnen.

Sie war heute ziemlich zerſtreut bei Allem, was ſie vornahm, und hätte den Ball gern eingebüßt, wenn ſie einen Grund anzugeben vermocht hätte. Sie fand auch nicht das geringſte Vergnügen mehr, dort zu erſchei⸗ nen; aber unendlich gern wäre ſie unter irgend einem Vorwande in das Dorf gegangen und hätte ſich über⸗ zeugt, ob der Wagen und der Fremde verſchwunden. Oftmals ſchon erhob ſie den Fuß, um über die Schwelle zu treten, und immer wieder zog ſie ihn zögernd zurück. So zwiſchen Verlangen und Zagen, Hoffen und Bangen kam der Abend heran. Wenigſtens kam ſie jetzt an der Schenke vorbei, und wahrlich hatte ſie nie ein Haus mit ſolch' ſuchenden Blicken gemuſtert, wie dieſe kleine Wohnung, in der jetzt ein ſpärliches Licht auf dem Tiſche brannte, um den ein paar Gäſte vor ihrem Kruge Bier ſaßen.

Der erſte Walzer hatte ſchon begonnen, als ſie in den Saal trat. Gerade dieſen verſäumte ſie ſonſt am wenigſten und ihre heutige Saumſeligkeit bei der Toi⸗ lette konnte ſie darum bringen. Einmal in den magi⸗ ſchen Kreis gebannt, den Jugendluſt, Eitelkeit und die anregenden Töne der Tanzmuſik um ein Mädchen zie⸗ hen, wanderte ihr Auge in froher Heiterkeit umher und ſpähte nach ihren gewohnten Tänzern. Sogleich kam Einer von den, für den Abend ernannten oder erwähl⸗ ten maitres de plaisir auf ſie zu und führte Jemand mit ſich, den er ihr als den Forſtrath von Schraden vorſtellte. Sie hätte in die Erde ſinken mögen. Das war er ja! Sie zitterte. Er bat um die Ehre zum näch⸗ ſten Tanze. Sie reichte ihm willenlos die Hand. Alles ſchwamm vor ihren Augen, ſie wußte nicht mehr, wo ſie war. Er bot ihr ſeinen Arm, geleitete ſie zu einem Sitze, und engagirte ſie nun ſogleich zum Kotillon und zu allen Walzern für den Abend. Er walze nur. ſagte er, aber als wenn der Teufel dahinter ſei.

Sie ſah ihn groß an.

Sie haben doch von der wilden Jagd gehört? fuhr er fort.Sehen Sie, ſo jage ich durch das Leben, ſo denke ich auch in die Ehe hineinzujagen, und, ſo es Gott will, zu guter, guter Letzt in den Himmel. Wie gefällt Ihnen das?

Was denn? fragte ſie.Ich verſtehe Sie nicht recht.

Thut auch nichts. Es bleibt doch dabei. A pro- pos! Sie ſahen mich doch dieſen Morgen, oder viel⸗

mehr, Sie erkennen mich doch wieder, daß ich derjenige bin, welcher...

Sie ſchlug etwas verlegen die Augen nieder.

Ja, ja! Alles richtig. Ich ſehe ſchon. Sym⸗ pathie der Seelen, völlige Sympathie! Sehen Sie mich an, bin ich Ihnen nicht ähnlich, männlich ähnlich, wie der Mann es der Frau ſein muß?

Sie wagte einen ſchüchternen Blick, nur um noch gewiſſer zu ſein, daß hier der dicke Backenbart, die dun⸗ keln Locken, der ganze Menſch vor ihr ſaß, den ihr der Liebeskaſten gezeigt. Eben hielt er auch noch die Lor⸗ gnette vor die Augen, nun war das Bild vollkommen. Ihr Schickſal hatte ſich erfüllt.

Sie tanzten jetzt fort. Als der Walzer ſein Ende erreicht, bat er, daß ſie ihn ihrer Mutter vorſtelle. Frau Eiſenſtück hatte den ſeltſamen Tänzer ſchon bemerkt und ihre Betrachtungen über ihn angeſtellt.

Ich bin ein leidenſchaftlicher Jäger, gnädige Frau, ſagte er nach den erſten Worten der Begrü⸗ ßung,und bitte um die Erlaubniß, Sie auf Ihrem Gute beſuchen, und all' Ihre Haſen todtſchießen zu dürfen. Sie geſtatten es?

Sie lächelte. Sie wußte kaum, was ſie hier er⸗ wiedern ſollte.Es iſt ſehr ſchmeichelhaft! ſagte ſie endlich.

Nun, wenn auch das nicht! Ich habe überdies noch Grüße an Sie zu entrichten, von meinem Freunde Hochwächter. Er verehrt Sie ſehr. Nächſtens, denke ich, wird er Ihnen ſeine Verlobung melden.

Wirklich? fragte Frau Eiſen ſtück hell auf⸗ horchend.

Nun ja, ich denke mir es ſo. Ich habe ihn öfter in Geſellſchaft eines Mädchens geſehen, das ihm auf ein Haar ähnlich iſt, und Aehnlichkeiten beſtimmen doch die Ehe. Iſt dem nicht ſo? Sehen Sie zum Beiſpiel mich und Ihr Fräulein Tochter an. Was entdecken Sie auf unſerm Angeſichte? Daß ſie wie aus einem Schnitte ſind, nicht ſo?

Frau Eiſenſtück lachte hell auf. Die Aehn⸗ lichkeit war für ihr armes Kind nicht allzu ſchmeichel⸗ haft.Ein drolliger Mann! ſagte ſie zu ihrer Toch⸗ ter, als er ſich entfernt hatte.

Dieſe erwiederte nichts. Sie war wie überwäl⸗ tigt von den Eindrücken dieſes Tages, und konnte kaum zu ſich kommen. Sie hätte am liebſten weinen mögen, ſo war ihr zu Muthe. Der Abend verging raſch genug, und als ſie ſchieden, kündigte Herr von Schraden ſeinen Beſuch auf den nächſten Morgen an.Ich komme früh, fügte er hinzu.Iſt die Mutter nicht wach, ſo iſt es die Tochter gewiß; denn junge Mäd⸗ chen machen ſich nichts aus einer durchtanzten Nacht und ſind darnach nur doppelt ſo flink auf den Beinen.

Klara war auch wirklich recht früh auf, oder war vielmehr gar nicht zur Ruhe gegangen. Sie konnte nicht ſchlafen.Liebe ich ihn denn auch wirklich? fragte ſie ſich wieder und wieder. Doch hatte ſie ſich ſo lange und ſo gänzlich in dieſe Idee des ihr beſtimmten grü⸗ nen Jägers hinein gelebt, daß ſie ſich jetzt nicht leicht

davon losreißen konnte, und über ihr Traumgebilde