Amely Bölte: Der Liebeskaſten. 145
„Ich dächte, eine Mutter drücke immer noch am Erſten ein Auge zu. Aber vielleicht beſſert Dich die kleine Erfahrung; denn ſo eitel iſt doch am Ende jedes Mädchen, daß es ihr nicht gleichgiltig iſt, einen Mann, der warmes Intereſſe für ſie hegte, durch ihr Betragen ganz und gar abgekühlt zu haben.“
Klara antwortete nicht. Sie lehnte ſich in die Ecke zurück, ſchloß die Augen und ſah nicht eben ſehr vergnügt aus.
In ein paar Tagen waren ſie zu Hauſe, und die gewöhnliche Einförmigkeit des Landlebens umgab ſie. Frau Eiſenſtück war Witwe und verwaltete ſelbſt das Gut, das ihr, nebſt vielen Schulden und dem ein⸗ zigen Kinde, aus ihrer kurzen, nicht glücklichen Ehe ge⸗ blieben war. Die Erziehung der einzigen Tochter hatte ihre Zeit ausgefüllt, ihre Sparſamkeit die Finanzen ge⸗ beſſert, und eine hübſche Morgengabe fiel einſt dem Mädchen zu. Daß ſie für dieſe, kaum erwachſen, ſo⸗ gleich an eine Heirat dachte, erklärt ſich nur durch die, allen Müttern innewohnende Manie, ihre eigenen ſchlim⸗ men Lebenserfahrungen in ihrem Kinde wiederholt zu ſehen.—
Klara langweilte ſich ein wenig in der Mitte des Landlebens. Die täglichen Sorgen desſelben theilte ſie nicht. Die Milchkammer war ihr fremd, das hübſche Federvieh ſah ſie nur als Augenweide an. Um Freude an dieſen Sorgen des Haushaltes zu finden, muß Beſitz oder Erwerb ſie uns werth machen; ohne ein felbſtiſches Motiv thut der Menſch nichts. Sie übte ihre Talente, aber ohne Zweck; Niemand war da, ſich an ihren Leiſtungen zu freuen. Sie kleidete ſich an, ſie ging ſpazieren. Ihre Mutter begleitete ſie nicht; ſie war anderweitig beſchäftigt. Sie las und war fort⸗ während allein; Grund genug, um in einem Mädchen⸗ kopfe mehr eitles Träumen zu nähren, als die Natur ohnehin ſchon darein gelegt hat. Die Mutter hatte ihr jetzt auch ein kleines Reitpferd gekauft, und der Reiz der Neuheit führte ſie auf dieſem Wege zu Nach⸗ barn und Bekannten, die ſie immerhin allein aufſuchen konnte, ſo ſicher war die Gegend, in der ſie nur befreun⸗ deten Geſichtern begegnete.
Der Herbſt kam heran, die Blätter fielen, ſpärli⸗ ches Gelb zierte nur noch die Bäume; der Himmel hing oft tief. Die Jagd brachte manche Herren auf das Land. Auch Frau Eiſenſtück hatte dann und wann einen Gaſt, der ihr das Wild erlegen half. Bei ihren Nachbarn fehlte es gleichfalls nicht an Beſuch. Klara fühlte ſich durch die kleinen Zerſtreuungen, die dies her⸗ beiführte, angenehm angeregt und träumte nur mehr noch von dem Zuſammentreffen mit dem grünen Jäger. Mit ihrer Mutter ſprach ſie nicht mehr von ihm. In ihren ſtillen Stunden vernähte ſie aber manchen Seuf⸗ zer, der ihm galt, in die bunten Blumen ihrer Tapiſſe⸗ rie⸗Arbeit.
In der nahe liegenden Stadt ſollte jetzt der erſte Ball ſtattfinden, von den Herren der dortigen Kaſino⸗ Geſellſchaft angeordnet, und die Mädchen freuten ſich auf ſo manches fremde Geſicht, das die Umgegend als Ehrengaſt liefern ſollte. Klara fehlte an einem ſol⸗
Erinnerungen. 88. Bd. 1864.
chen Abende natürlich nicht. Ihr Anzug war ganz neu verſchrieben, friſche Kamelien in das Haar lieferte das Treibhaus, die rothen Wangen malte Freude und Erwartung. Früh ritt ſie noch auf das nächſte Gut zu einer Freundin hinüber, um dieſer eine Blumenſpende zu bringen. Als ſie über das Dorf hinaus in den Wald kam, ging Jemand des Weges auf ſie zu deſſen fremde Erſcheinung ſie überraſchte. Als er ihr näher kam, blieb er ſtehen, ſah ſie an und zog den Hut. Sie dankte. Sie wunderte ſich aber eigentlich, warum er grüßte; denn ſie kannte ihn nicht. Sie ſah noch einmal zurück, ob ſie ſich nicht irrte, ob ſie ihn wirklich nicht kannte. Da ſtand er noch wie angewurzelt und ſah ihr nach. Er hatte den Mantel jetzt zurückgewor⸗ fen, den er des kühlen Morgens halber trug, und ſie entdeckte— den grünen Jagdrock. Jetzt mit einem Male tagte es vor ihren Blicken. Das war er ja! Das Original aus dem Liebeskaſten! Jetzt endlich hatte ſie ihn geſehen! Und wie oft zuvor in ſtillen Stunden war dies Begegnen gerade hier im Walde von ihr aus⸗ gemalt worden, wie oft zuvor war ſie hier an ſein Herz geſunken!
Daß ſie auch zu Pferde ſaß! Ja nicht einmal wie⸗ der zurück zu blicken wagte ſie. Er konnte es ihr ja übel deuten, es für nicht mädchenhaft halten. Nur ganz zuletzt, wo der Weg umbog, konnte ſie es ſich nicht verſagen, noch einmal ſchnell umzuſchauen und wahr⸗ haftig, wie angewurzelt ſtand er noch auf derſelben Stelle. Sie ließ ihr Pferd jetzt die kleine Gerte füh⸗ len, und das gute folgſame Thier war zu einem Ga⸗ lopp bereit. Sie bedurfte dieſer ſtarken Bewegung, um den Sturm ihrer Gefühle zu beſchwichtigen. Ganz erhitzt und aufgeregt kam ſie bei ihrer Freundin an, und ſtand dieſer kaum Rede. Sie war zu voll von dem eben Erlebten um an irgend Etwas Theil zu nehmen, und konnte ſich doch auch wieder nicht ent⸗ ſchließen, ihr Geheimniß Preis zu geben.
Sie dachte nur an die Rückkehr. Sie fürchtete ſich vor einem neuen Begegnen, und erſehnte es doch. Sie ſetzte ſich an den Flügel, ſchlug ein paar Accorde an, ſie ſang ein halbes Lied, ſprang dann auf, drückte ihre Freundin an das Herz und lief lachend zum Zim⸗ mer hinaus. Draußen ſtand der Knecht und hielt das Pferd am Zügel. Sie ließ ſich hinauf helfen.„Ich weiß nicht, wie Du heute biſt,“ rief jene ihr jetzt aus dem Fenſter nach.„Was iſt Dir nur?“
„Mir iſt gar nichts. Ich bin gar nichts!“ rief Klara lachend, und trabte davon.
Als ſie das Ende des Dorfes erreicht hatte, beſann ſie ſich, wie ſie nun wieder nach Hauſe kommen ſolle. Auf demſelben Wege? Mußte er nicht meinen, es liege Abſicht darin? Sie ſcheute ſich vor ſolchem Zugeſtänd⸗ niß. Einen Umweg machen, von einer andern Seite nach Hauſe kommen, das koſtete viel Zeit, und— wenn er nun ſtand und ihrer harrte? Sie konnte es doch nicht über ſich gewinnen, dieſer Möglichkeit, ihn dort noch ein⸗ mal zu ſehen, aus dem Wege zu reiten, nahm ſich aber vor an ihm vorbeizuſprengen, als ſähe ſie ihn nicht. Dieſe Vorſicht erwies ſich aber ganz vergeblich. Er war
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