Jahrgang 
1864
Seite
146
Einzelbild herunterladen

144

Amely Bölte: Der Liebeskaſten.

heiter plaudern, Dich öfter in unſer Geſpräch miſchen] Tochter ihm ihre Neigung zuwenden würde, ſobald ſie

ſollen, ſtatt Deine Blicke wie abweſend umherſchweifen zu laſſen und Mond und Sterne damit zu meſſen. Ich ſage Dir ernſtlich, daß Du Dir damit Dein ganzes Glück verſcherzen kannſt. Das ſieht wie Laune aus, und Herr von Hochwächter zieht ſich jetzt vielleicht ohne Wei⸗ teres von Dir zurück.

Aber, liebe Mutter, ſollte ich denn den heiraten? Um des Himmels Willen nicht!

Und warum denn nicht? Du biſt achtzehn Jahre, die Friſche Deines Teints iſt Deine ganze Schönheit; wie leicht kannſt Du dieſe einbüßen und dann 4

Und dann bin ich nichts mehr werth? Hm! Das gefällt mir nicht, Mutter. Glaubſt Du denn wirk⸗ lich, daß ein Mann mich nur darum lieben ſollte? Das wäre ja abſcheulich!

Wie die Männer ſind, mein Kind, ſo werden ſie allerdings durch das Auge beſtochen; das läßt ſich nicht abläugnen.

Dann will ich lieber gar keinen! Dann heirate ich gar nicht!

Das ſagen viele Mädchen, mein Kind, und hal⸗ ten ihr Wort nur damit, daß ſie eine ſchlechte Wahl treffen. Hüte Dich nur vor einer Thorheit! Man be⸗ reut dieſe nie ſo bitter, als im Punkt der Ehe.

Ich werde in meinem Fall das Schickſal walten laſſen. Hier meinen grünen Jäger verſpricht es mir; auf den warte ich, Mutter. Ihn oder keinen!

Sie ſagte das mit ſcherzhaftem Tone, unter dem ſich aber ein tiefer Ernſt verbarg. Die Mutter ſchüt⸗

telte den Kopf über dies kindiſche Vornehmen, wie ſie

es nannte, und meinte, daß der Morgen ſchon verſtän⸗ digere Gedanken bringen werde. Aber der Morgen brachte ſie nicht.

Sie beſahen das grüne Gewölbe, die Rüſtkam⸗ mer, die Porzellanſammlung. Herr von Hochw ä ch· ter begleitete ſie, er hatte am Abend zuvor um die Erlaubniß dazu nachgeſucht, und ſie von der Mutter erhalten. Klara aber ſchenkte ihm nur flüchtige Auf⸗ merkſamkeit. Seine Annäherung, die ſie noch ge ſtern erſehnt, war ihr heute unwillkommen. Sie hatte nun ein anderes Bild im Sinne. Frau Eiſenſtück dagegen wurde mehr und mehr von ihm gewonnen, und wünſchte lebhaft, daß aus Beiden ein Paar werden möchte. Sie wußte, daß Zureden bei der Jugend oft gerade eine Oppoſition hervorruft. Sie ſagte daher kein Wörtchen und ließ die Zeit walten. So rückte der Tag ihrer Abreiſe heran. Beim Scheiden hoffte ſie Klara bewegt zu ſehen; da, dachte ſie, würde das Be⸗ dauern über den ſtillen Wahnſinn ſiegen, wie ſie dieſe fire Idee des ihr beſtimmten grünen Jägers nannte. Aber dem war nicht ſo. Ihr that an dem Abſchiede nichts leid, als daß es nach Hauſe ging, wo in der Ab⸗ geſchiedenheit des Landlebens ein Begegnen weniger leicht ſtattfinden konnte.

Herr von Hochwächter nahm die letzte Stunde wahr, der Mutter ſeine Wünſche ausſprechen. Dieſe geſtand ihm ohne Umſchweife, daß ſie ganz mit ihm ein⸗ verſtanden ſei, und auch gar nicht zweifle, daß ihre

den Gedanken an den grünen Jäger fahren laſſe, den ſie als ihr vom Schickſale beſtimmt betrachte. Der junge Mann ſann einige Minuten nach. Es ging ihm durch den Kopf, daß ja er ſelbſt in einem ſolchen An⸗ zuge erſcheinen könne. Doch nein! Sie würde ihn er⸗ kennen, ſie würde damit die Schickſalsfrage nicht ent⸗ ſchieden glauben. Ein Lächeln glitt über ſein Geſicht. Ich hab's! ſagte er zufrieden.Laſſen Sie mich nur machen. Den Nebenbuhler ſchlage ich aus dem Felde, und dann, wenn dieſer gefährliche Bewerber zu⸗ rückgewieſen iſt, dann verſuche ich mein Glück. Ich bitte Sie nur, ſobald ein ſolcher grüner Jäger in Ihrer Nachbarſchaft auftritt, keine Furcht vor ihm zu haben, und ihm ſogar den Zutritt in Ihrem Hauſe zu geſtat⸗ ten. Sie können ſeiner Bewerbung ruhig zuſehen, er wird ſeine Sache ſchon machen!

Mit dem frohen Muth der Jugend gab der junge Hochwächter ſich dieſem Plane hin, auf deſſen Er⸗ folg er baute, und ſchied heiter von Mutter und Toch⸗ ter, als ihre Wege ſich trennten. Die letztere war doch ein wenig überraſcht, ihn ſo gefaßt ſcheiden zu ſehen. Mit Werther und Lotte war es doch ganz anders geweſen.Da ſiehſt Du nun, wie ſolche junge Män⸗ ner lieben! ſagte ſie halb ärgerlich zur Mutter, als er ſie verlaſſen.Nachdem er mir wie mein Schatten gefolgt, mit ſeinen Augen mich faſt verſchlungen, ver⸗ läßt er mich hier, als gälte ich ihm nicht mehr, wie jener Kondukteur, mit dem er dort ſchwatzt. Ein Glück, daß ich mir nichts aus ihm gemacht habe!

Er hat Dir aber doch dies ſchöne Bouquet über⸗ reicht, ſagte die Mutter, innerlich lachend über dieſen kaum bemeiſterten Groll.

Nun ja, ſo etwas ſchuldet man der Höflichkeit. Das kauft ſich für ein paar Groſchen. Weißt Du aber, was er dazu geſagt hat? Die Roſe, die hier in der Mitte ſtecke, die reiche er mir nicht als Gabe, das wage er nicht. Die ſei nur beigefügt, damit meine Hand ſie dem biete, deſſen Bild der böſe Liebeskaſten mir ge⸗ zeigt. Ich wußte wirklich nicht, ob ſeine Rede Ernſt ſei oder Spott, und war faſt um eine Antwort verle⸗ gen. Glücklicher Weiſe kam Jemand darüber zu uns und erſparte mir eine Erwiederung, ſo daß ich mit einem bloßen ‚Ich danke!' davon kam. Ich nenne ſein Be⸗ tragen geradezu impertinent, unverſchämt!

Frau Eiſenſtück konnte ſich eines lauten, herz⸗ lichen Lachens nicht erwehren.Artig war es freilich nicht, ſagte ſie dann.Doch hat Dein Betragen gegen ihn wohl eine ſolche kleine Rüge verdient.

Das ſehe ich nicht ein. Welche Anſprüche hat er an mich zu machen? So viel ich weiß, keine. Wie konnte er ſich das nur herausnehmen? Aber warte nur, wenn er mir wieder vor Augen kommt!

Das wird ſobald nicht geſchehen, erwiederte die Mutter ruhig.Ich glaube, er hat an Deiner Geſellſchaft auf recht lange genug.

Das weiß ich doch nicht. Du nimmſt auch Alles ſo auf die Spitze, Mutter. Niemand ſonſt würde mich unliebenswürdig gefunden haben, als Du!