Jahrgang 
1864
Seite
145
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Obertribunalraths Mayer in Berlin. Im Juni 1800 lernte er ſie daſelbſt kennen und im Wonnemond des Jahres 1801 wurde ſie ſeine Gattin. Zwei Tage nach der erſten Bekanntſchaft ſchrieb ſie ihm:Es gibt Ge⸗ nüſſe, die uns über dieſe Welt erheben, uns den Him⸗ mel zu öffnen ſcheinen; dazu gehört jeder Augenblick mit Ihnen verlebt. Alle guten Empfindungen, die eingeſchlummert ſind, weckt Ihre Seele, jede Kraft, jeder Glaube an ſich ſelbſt iſt wieder da. Sie ſöhnen Einen mit Allem, was das Schickſal Süßes nahm und Schreck⸗ liches gab, wieder aus u. ſ. w. So und nicht anders blieb ihre Empfindung für ihn das ganze Leben hin⸗ durch; er war, wenn man uns nicht mißverſtehen will, mehr als nur der Gegenſtand ihrer Liebe, er war auch die Religion ihres Herzens, der Heiland gleichſam ihres irdiſchen Daſeins.Könnte ich nur zu Dir wünſcht ſie ſich einmal Dir einige Handreichungen leiſten, Dir Menſchen bringen, wie Du ſie gern haſt, Dich mit allen Freuden umgeben. Ach, wie bin ich ſo arm, ich fühle es immer nicht genug, wie wenig Du an mir haſt. Du der erſte Menſch! was bin ich? Möchteſt Du heute wohl ſein und mich halb ſo lieben, wie ich Dich anbete, Du Engelsſeele. Dein und ewig Deine, und wenn Du auch nicht mein wärſt, doch Deine Karoline. Noch einige Stellen aus ihren Briefen ſei uns erlaubt mitzutheilen:Da ich Dich ſo unausſprechlich liebe, glaube ich ſelbſt, daß ich gut bin, denn Du und das Gute iſt Eins! Denkſt Du nicht, daß die Wichtig⸗ keit meiner Beſtimmung, Dein Weib zu ſein, mich ernſt und feierlich ſtimmt? Meine Seele kniet vor Deiner, ich möchte, daß Du ſie aufnähmſt in Deine!Ich ſehe Dich morgen, denn ich fliege wieder, wie geſtern, einen Augenblick zu Dir, weil ich einen Tropfen Freude haben muß. Es iſt doch nur allein an Deinem Herzen Se⸗ ligkeit und ſonſt nirgends.Himmliſcher, wie Du mich liebſt! wie ich Dich liebe! Sind denn Andere auch ſo ſelig als wir? Warum ſtarb noch Niemand am Glück? Ich möchte ſterben, zerfließen, verſchwinden wie ein Hauch in Dir! Wie will ich für Dich ſorgen, wie in Dir und für Dich allein leben und die Erde vergeſſen! Doch genug der Citate aus ihren Briefen, und keine erſt noch aus den ſeinigen. Wir brauchen einfach E. Förſters Ausſpruch zu wiederholen:Vor einer ſo liebenden Hingebung verſtummt der Geiſt, der Freiheit will, und wird mitten im Herrſchen zum Diener. Mit ſittlichem Beifall wird man vernehmen, daß der Vir⸗ tuoſe in der Liebe, von dem wir oben ſprachen, auch ein wahrer Virtuos der Ehe wurde. Sein Bündniß mit Karoline Maher gehörte für die ganze Dauer ſei⸗ nes Lebens zu den innigſten, ſelbſtloſeſten, zärtlichſten, und moraliſch ſchönſten, die jemals Mann und Weib mit einander geſchloſſen haben. Er machte zur That und Wirklichkeit, was er einſt an Joſefine von Sy⸗ dow geſchrieben hatte:Nur die Ehe iſt Liebe und jede abnehmende Liebe war nie die rechte geweſen oder:Ich glaubte früher, die Ehe zerquetſchte mit harter Hand die weichen Blüthenblätter der Liebe, indem ſie ſie pflückt; aber jetzt glaub ich, daß das wech⸗ ſelſeitige Hingeben, das die Ehe fordert, das gemein⸗

Amely Bölte: Der Liebeskaſten.

ſchaftliche Aufopfern für das Kinderglück, das Tragen von einerlei Leiden, das Streben nach einerlei Zwecken auch die heiligſte Liebe, die vorher blühte, noch mehre, heilige und die feſteſte verewige.(Eur.)

Der Liebeskaſten. Novelle von Amely Bölte. (Schluß.)

G ie ſchritten indeſſen über die ſtaubigen Felder hin, wo jeder Athemzug eine unreine Luft ihnen zu⸗ führte, ließen den Flecken Kötſchenbrode mit ſeinem gerade anſtrebenden, hohen Kirchthurme hinter ſich liegen und erreichten die Station, wo der Harrenden ſo viele waren, daß man nicht begriff,

wie es eine Wagenzahl geben könne, die dieſe alle auf⸗ nehme. Alle Welt ſtand hier und ſchaute nach Meißen zu, von woher der erſehnte Zug eintreffen mußte. Sich zu ſetzen, daran war nicht zu denken. Die Geſellſchaft, in deren Händen ſich dieſe Bahn befindet, denkt wohl an ihre Dividenden, aber nicht an die Bequemlichkeit der Reiſenden. Mag es regnen, mag es ſtürmen, immer muß man hier den Elementen Trotz bieten, zum Vortheil der Aerzte, denen jeder Sonntags⸗Ausflug hierher ein poſi⸗ tiver Gewinn iſt.

Endlich zog die Flagge knarrend auf und zugleich wurde in der Ferne eine leuchtende Kugel ſichtbar, die ſich nach und nach in zwei feurige Augen umwandelte und einem leuchtenden Meteore gleich, herbei flog. Gerade wie in der Offenbarung Johannes! bemerkte eine Dame. Frau Eiſenſtück und ihr Begleiter war⸗ fen ſich einen lächelnden Blick zu. War hier vielleicht eine der ſieben Todſünden verkörpert?

Mit unendlicher Mühe ſtürzte man, unter allge⸗ meinem Schreien, Drängen, Seufzen, in die Wagen, ganz gleich viel, in welche Klaſſe. Glücklich war, wer nur irgend ein Unterkommen fand. Klara ſaß am Fenſter und ſchaute in die Nacht hinaus. Sie hatte alle Sprache verloren, ſie dachte an den grünen Jäger und malte ſich das Wiederbegegnen mit demſelben aus, wo ſie, überwältigt von derſelben unwiderſtehlichen An⸗ ziehungskraft, einander ohne Worte in die Arme ſtür⸗ zen würden.

Du warſt heute Abend recht unliebenswürdig! ſagte die Mutter, als ſie, im Gaſthof angekommen, ihr Zimmer betreten hatten.Was machte Dich ſo zer⸗ ſtreut? Herr von Hochwächter muß Dich für recht einfältig gehalten haben..

Klara lächelte ſtill vor ſich hin.Ich war müde, ſagte ſie dann.Uebrigens war es auch an ihm, mich zu unterhalten, und nicht an mir, ihm den Hof zu machen.

Von Hof machen iſt hier noch gar nicht die Rede. Wie oft ſoll ich Dir wiederholen, Klara, daß ein junges Mädchen am liebenswürdigſten iſt, wenn es ganz unbefangen und ſcheinbar unbemerkt die ſtille Huldigung eines Mannes entgegen nimmt. Du hätteſt