Jahrgang 
1864
Seite
144
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142 Jean Paul und die Frauen.

auch ſie zuerſt an der Hand der Bewunderung dem Dichter und erlebt ebenfalls raſch eine Temperatur⸗

Steigerung ihrer Gefühle; wie jene, hat auch ſie eine V

leere Stelle in ihrem Herzen, nur daß ſie, anders als die Zwei, das Glück der Liebe freilich als ein unge⸗ treues in vollem Maße kennen gelernt, aber wenn ſie auch dem geliebten Dichter dieſe leer gewordene Stelle offen hält, ſo beſchränkt ſie ihn doch nicht darauf und rechnet auf keinen ausſchließlichen Beſitz, ein Um⸗ ſtand, der der freundſchaftlichen Zuneigung des über ſeine Freiheit eiferſüchtig wachenden Dichters beſondere Stärke verlieh. An ſie ſchrieb Jean Paul einmal: O meine Joſefine! meine Schweſter! ich werde Dein Bruder ſein und Dir an Deinem Herzen eine ewige Freundſchaft ſchwören. Nicht blos reiner, ſondern auch länger als Andere wollen wir uns lieben.

Endlich glaubte Jean Paul das Weſen geſunden

zu haben, dem er mit Freuden jene eiferſüchtig be⸗

wachte Freiheit hingeben durfte. Karoline v. Feuch⸗ tersleben, Hofdame der Herzogin von Hildburghau⸗ ſen, ſollte und wollte ſeine Lebensgefährtin werden. Auch ihr hatte, ohne daß ſie es ſogleich wahrgenom⸗ men, die Verehrung für den Dichter die Fackel der Liebe für den Menſchen entzündet, während Jean Paul, als er ſie perſönlich kennen lernte, von der Reinheit ihrer Seele und dem Adel ihrer Geſinnung hingeriſſen, den Gedanken einer ewigen Verbindung ſogleich in's Auge faßte.Ich habe ſchreibt er ihr ſchon im Juni 1799, d. h. einige Monate nach der erſten Begegnung mit Glückwünſchen für Dich in das Heiligthum Dei⸗ nes ſeltenen Herzens geblickt. Ich ſage immer: werde einmal glücklich, wenn ich Deinen Schattenriß ſehe, aber ich werde ihn nicht oft mehr anſehen, weil er mich ſo innig rührt. Und im September desſelben Jahres heißt es dann:Dein Bild geht wie ein Regenbogen mit mir und ſpricht von der Zukunft. Ich kenne Dich und mich, wir werden nur mit einander glücklich. Aber das ſollte doch ein frommer Wahn bleiben, noch ſollte das Schiff des Dichters den erſehnten Hafen nicht er⸗ reichen. Zwar die Stürme, die die Standesvorurtheile der hochadeligen Familie gegen die Verbindung mit einem Bürgerlichen erregten, waren erfolglos geblieben, ſelbſt die Aufkündigung der Mutterliebe ſchien das Band nur feſter ſchlingen zu wollen. Es gab eine Zeit, da Karoline ihm den heiligen Schwur darbrachte:Ge⸗ liebter, ich bin Dein! O, nimm meine Seele auf und liebe mich ewig, wie ich Dich! Worte habe ich nicht, nur Liebe. Meine Seele und mein ganzes Leben ſind auch vor der Welt Dein, ich bin nun ganz Deine Hermine! O, mein Richter, wir werden ſehr, ſehr glücklich ſein! worauf Jean Paul antwortete:Wie wird uns ſein, wenn wir uns wiederſehen unter lichteren, freund⸗ licheren Sternbildern, wenn ich an Dein Herz fallen darf und weinen darf vor Freude und Du nichts mehr verbirgſt.

Noch viele ſolcher Stellen voll überſchwenglicher Erwartungen von der Zukunft ihrer Liebe finden ſich. Das Zuſammentönen unſerer Seelen in den kleinſten Noten verbürgt uns unſer GlückSeele, habe

Dank, Du haſt mich erzogen, veredelt, beglückt und wohl mir, wenn ich Dir lohnen kannLebe ſanft und heiter, wie der Frühling um mich her, und wenn ich übermorgen vor Deinen Augen ſtehe, ſo ſage mir, daß Du glücklich biſt. O übermorgen ſtehe ich neben Dir, ich Glückliche!Du Treuer, deſſen Hand mich durch's Leben führen will, wenn ich an Deinem Herzen ausru⸗ hen und mich ausweinen werde, und wenn ich unaus⸗ ſprechlich glücklich bin und nicht ſprechen kann zu Dir, weil ich Dich zu ſehr liebe, dann ſage Dir ſelbſt:das Alles gab ich ihr, und dann belohne Dich Dein eige⸗ nes Gefühl, wenn ich es nicht kann. In dieſen un⸗ unterbrochenen Tönen ſeligen Hoffens und ſchöner Schwärmerei ging es Monate lang fort, bis endlich die zur Verlobung feſtgeſetzte Zuſammenkunft unter Her⸗ ders wohlmeinender Einwirkung mit einer Auflöſung des Bündniſſes endigte, das bei der großen Verſchie⸗ denheit von Lebensgewohnheiten und Bedürfniſſen wohl ein freundſchaftliches, aber kein eheliches werden konnte. Und ſo verklomm auch die Liebe in einer ſauften gemäßigten Empfindung, die E. Förſter noch immer lebendig fand, als er ſiebenundzwanzig Jahre ſpäter die perſönliche Bekanntſchaft der edlen Frau machte. Es wird uns jeder Leſer zugeben, daß Karo⸗ line in unendlich liebenswürdigem Lichte erſcheint, da ſie an ihres früheren Verlobten junge Frau, die eine An⸗ dere, minder Edle mit den ſcheelen Blicken der Neben⸗ buhlerin betrachtet haben würde, die herzliche Einla⸗ dung richtet, ſie zu beſuchen, und dazu Worte fügt, wie: Du wirſt in meinem feuchten Auge den Wunſch leſen, den ich immer für Dich habe und den ich Dir jetzt blos ſchreiben kann: Sei lange, lange glücklich, liebes Weib. War die Liebe in den bisher genannten Verhält⸗

niſſen aber nicht frei von Irrthümern, und hatte es den Anſchein, als habe Jean Paul, der ſie durch ſeine feu⸗ rige Ausdrucksweiſe und im Sturm der Phantaſie wohl mit verſchuldet, keine ſichere Ausſicht auf ein dauerndes Lebensglück, ſo ſehen wir ſchließlich aus den Briefen von und an Karoline Mayer, daß gerade ſie ihm für dasſelbe aufbewahrt geblieben. Zwar wird auch ſie zuerſt von dem Dichter als ſolchem gefeſſelt; auch ſie ſchreibt das erſte Wort, wie ihre Vorgängerinnen; auch ſie unterliegt ganz der magiſchen Gewalt ſeiner Erſchei⸗ nung, die ſie zwingt, ihr ganzes Herz und deſſen Erleb⸗ niſſe vor ihm auszubreiten.Aber ſagt E. Förſter ſehr ſchön und treffend Jean Paul erkennt die Fü⸗ gungen des Schickſals: die Sonne der wahren und ewi⸗ gen Liebe durchbricht das Gewölk, und das Herz hat den Ausdruck der heiligſten Empfindung gefunden. Vor einer ſo liebenden Hingebung, vor einer ſo anſpruchs⸗ loſen Seelengröße verſtummt der Geiſt, der Freiheit will, und wird mitten im Herrſchen zum Diener. Wir bemerken noch, daß die Briefe der Braut Jean Pauls, ſoweit ſie in denDenkwürdigkeiten mitgetheilt ſind, auf der Hochzeitsreiſe ſchließen, da ſein Eheſtand, ſein Haus⸗ und Vaterleben in ſeiner Biographie:Wahr⸗ heit aus Jean Pauls Leben in Verbindung mit den betreffenden Briefen ausführlich geſchildert iſt. Wer Ka⸗ roline Mayer war, iſt bekannt; ſie war die Tochter des