Jahrgang 
1864
Seite
143
Einzelbild herunterladen

Jean Paul und die Frauen. 141

abklang, ohne daß Charlotte das Geringſte einbüßte von der Achtung eines Mannes, um deſſen willen ſie ſich hatte wollen ſcheiden laſſen und der ihre Hand ver⸗ ſchmäht. Im December 1798 ſchreibt ſie noch an ihn Worte unendlicher Trauer:Von einem mächtigen Geiſte vernichtet zu werden, iſt viel erhabener, als die höchſte Ehre, Genuß und Fülle, ſo die Welt geben kann. O nimm mich auf, damit ich ſterben kann, denn ich kann entfernt von Dir nicht leben und nicht ſterben! Laß mich nur in Deiner Nähe, daß ich Dein Antlitz ſchaue! Laß mir den Schmerz, laß mir die Thränen um Dich!

Zu der Zeit, da ſie ſo ſchrieb, ſcheint ihr gerade das Bewußtſein davon erſchloſſen worden zu ſein, daß Beider Wege doch nicht zuſammenführen ſollten. Aber nicht lange währte es und ihre ſchöne Seele mag den auf Momente verlorenen Frieden wiedererlangt haben. Hierauf deuten Worte Jean Pauls, wie die folgenden: Die Abendröthe des geſtrigen Abends veebleicht nicht, ich ſehe in ihr mit goldnen Lettern geſchrieben: Sie iſt am ſchönſten, wenn ſie am ſanfteſten iſt. Charlotte hat den rechten Troſt bald gefunden; er bietet ſich ihr in einigen früheren Zeilen des Freundes, in denen er meinte:Die Zeit iſt vorbei, in der wir nicht liebten, uns nicht kannten; jeſto iſt die Ewigkeit, in der wir's thun.Das iſt, ſchreibt ſie ihm nunmehr,die ſchönſte Zeile Deiner Hand, die ich beſitze. Als ich neulich Deine Briefe wiederlas, haben dieſe Worte mir einen hohen Muth gegeben; und Du hätteſt ſchwören können:ich liebe Charlotte nicht, ich hätte geſchworen: er liebt mich dennoch. Wir werden die Welt verlaſſen, in der wir uns nicht erkennen und lieben konnten. Du wirſt die Geliebten Deines Herzens zu Dir rufen und unter ihnen auch mich. Meine Liebe wird erſcheinen dürfen, leicht, gefällig, innig nnd thätig, huldigend und beloh⸗ nend. Du wirſt mich nicht mehr verkennen und darin liegt Alles, was meine Seele verlangt. Ich war, ich bin innigſt bewegt; ich kann weinen. Der Geiſt edler Reſignation, der aus dieſer Briefſtelle ſpricht, war es denn, welcher die aufgeregten Wogen allmälig wieder glättete und auf den Sturm der Begeiſterung eine ſon⸗ nenklare ruhige Freundſchaft folgen ließ, die bis über das Grab reichte. Noch nach Jahren durfte in Beſitz und Bewußtſein dieſer Freundſchaft ihr Jean Paul das Geſtändniß machen:Unter allen Freundinnen ſind Sie die Einzige, deren Gegenwart mir ſo lieblich blüht, wie die Vergangenheit. Zur Ehe war Charlotte nicht geboren; wer weiß, ob ihr immer in's Freie und Erha⸗ bene ſchweifender Sinn dazu gepaßt haben würde, das ſtille Veſtafeuer am häuslichen Herde Jean Pauls zu hüten. Alſo endete das ganze Verhältniß gewiß zu beiderſeitigem Glücke.

Faſt gleichzeitig mit Frau von Kalb tritt Emilie von Berlepſch auf, eine junge Dame von hohem, bereits literariſch bewährtem Geiſt, hellem Verſtand und ausgebreiteten Kenntniſſen, geſchmückt mit imponiren⸗ der Schönheit, die durch den Ausdruck mannigfacher Leiden ſie hatte ihren Gatten nach kurzem Ehebünd⸗ niß durch den Tod verloren noch erhöht wurde.

Sie kam, als ſie Jean Paul kennen lernte, aus der Schweiz, wo ſie längere Zeit gelebt, und nahm vor⸗ übergehend ihren Wohnſitz in Leipzig, wohin der Dich⸗ ter nach dem Tode ſeiner Muter übergeſiedelt war. Eine ungefähre Vorſtellung von ihr kann man ſich wohl machen, wenn man z. B. von Jean Paul an ſie ge⸗ ſchrieben findet:In Ihrem Herzen iſt mehr Liebe, als in Ihrem Auge, und darum werden Sie nicht ge⸗ kannt und nicht glücklich. Hiernach zu ſchließen, war ſie eine jener unverſtandenen Seelen, deren verſchloſſe⸗ nes, ſchwer ſich mittheilendes Weſen, mit einem ande⸗ ren Worte: deren Schwerlebigkeit leicht anſtößt und es verhindert, daß die Umgebungen raſch mit ihnen in freundſchaftlichen Verkehr kommen. Freilich gegenüber Jean Paul iſt ihr Mund nicht worrkarg, ſondern be⸗ redt und kundig der Sprache der Liebe.Es iſt ganz unmöglich, ſchreibt ſie an ihn,daß ich Ihnen ſagen könnte, was Sie mir ſind; nur das weiß ich, daß ich ein ganz anderes Geſchöpf bin, ſeit ich Sie kenne. Lebe wohl, Du Einziger. Unſer Freund ſelbſt ſcheint je⸗ doch ſeinerſeits keinen Augenblick in Zweifel darüber geweſen zu ſein, daß Emilie und er zur gemeinſchaftli⸗ chen Wanderung hienieden nicht taugen könnten.Die Unähnlichkeit, die jetzt zwiſchen uns nur Schranken ſind, würden einmal, wenn Ihr ſchöner Traum keiner wäre, zu Klüften werden, worin drei Menſchen untergingen. Der vom Geſchick gebotene Zwiſchenraum macht die diſſonirenden Intervallen unſ'rer inneren Töne erträgli⸗ cher und ſanfter. Solche und ähnliche Mahnungen finden ſich mehrfach. Und auf dieſelbe Auffaſſung ihres eigenthümlichen, wie es ſcheint etwas unharmoniſchen Weſens laufen Wünſche hinaus, wie z. B. der folgende: Das Schickſal laſſe die Sonne in die Fingalshöhle Ihrer Phantaſie ſcheinen und laſſe Ihnen auf dem Bo⸗ den Ihrer Oſſianiſchen Träume frohere wachſen, als dieſe. Da er, auf Liebe Verzicht leiſtend, ihr ſeine Freundſchaft anbietet, nimmt ſie dieſelbe auch wirklich an und antwortet:Freundſchaft! Mich dünkt, ich könne für mein ganzes künftiges Leben dieſes Wort nur in Einer Beziehung brauchen und ausſprechen. Und ſo, nachdem Beide, wie E. Förſter ſich ausdrückt,die heiße Zone, wenngleich nicht ſturmfrei, durchſchifft hat⸗ ten, klärte ſich auch dies Verhältniß zu ruhiger, mil⸗ der Freundſchaft ab, namentlich als Emilie für ihr un⸗ ruhvolles Herz dauernden Frieden in einer zweiten Ehe fand. Der treffliche Mann, mit welchem ſie ſich verband, war Auguſt Harms, Pächter auf einem Gute des Herzogs von Mecklenburg, und einige Jahre jün⸗ ger als die Braut, die bereits das zweiundvierzigſte Jahr überſchritten hatte! Die Verbindung mit ihm er⸗ folgte im Mai 1801, und Jean Pauls Ahnung, daß ihr unter dem Wachsfigurenkabinet, wodurch ſie zu gehen habe, noch eine warme beſeelte Geſtalt die Hand geben werde, ging ſonach in Erfüllung.

Imponirte Charlotte von Kalb durch Gewalt der Empfindung und Emilie von Berlepſch durch den Glanz ihrer Schönheit, ſo übte die Franzöſin Joſefine von Sydow durch naive Liebenswürdigkeit einen unwiderſtehlichen Zauber aus. Wie jene Beiden, naht