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140 Jean Paul und die Frauen.
Förſter dieſelben ſicher zugeſagt hatte— in einer ſchmerz⸗ vollen Anwandlung kurz vor ihrem Tode verbrennen laſſen. Die Fragmente, die der Ebengenannte jetzt im zweiten Bande der„Denkwürdigkeiten“ veröffentlichte, zeigen uns die Größe des Verluſtes und laſſen genaue Blicke thun in die gährende und wogende Tiefe dieſes ungewöhnlichen Charakters. Einige Proben, die wir ausziehen, mögen das beweiſen.
„Endlich, gnädige Frau— ſchreibt Jean Paul alsbald nach ſeiner Ankunft in Weimar den zehnten Juni 1796— hab' ich die Himmelsthore aufgedrückt und nehme, aus der Reiſekruſte noch nicht heraus, ſchon die Feder zur bittenden Frage: welche einſame Stunde? — denn zwiſchen dem erſten Sehen ſollte nie das dritte Paar Augen ſtehen. Sie vergönnen mir, daß ich vor zitternder Freude ſo unordentlich rede als ſchreibe. Sie können zu meiner Himmelfahrt zu Ihnen jede Mi⸗ nute, ſogar die heutigen beſtimmen.“ In einem Briefe noch aus demſelben Monat, in welchem dieſe„Himmel⸗ fahrt“ ſtattfand, leſen wir dann:„Wenn es ſchön iſt, in dem engen Zimmer gleichſam jede Empfindung aus dem fremden Auge zu trinken und an das Antlitz zu ſinken, was in Liebe glänzt, ſo iſt es ſchöner im Zauber⸗ kreiſe der allgewaltigen Natur zwiſchen Bergen, Strö⸗ men und Sternen an's geliebte Herz zu fallen und leiſe zu ſagen: Du biſt die Natur, Du biſt das Univerſum um mich, und ich gebe Deinem nahen Herzen Alles, was der große Geiſt in meinem erſchafft.“ Nach dem Ausſprechen dieſes Gedankens wird denn auch das Schweigen von Seiten Charlottens gebrochen, und wir leſen in einem Schreiben ihrer Hand:„Die Erde trägt mich geduldig, den Himmel fand ich in Ihren Schriften und die Quelle des Ewigen in Ihnen! Ich grüße den Unſterblichen!“ Und ſchon vier Wochen nach Jean Pauls Ankunft in Weimar, als er ihr geſchrieben hat:„Ich reiche Dir die Hand über Zeit und Raum, es war eine Zeit, ehe ich Dich kannte und liebte; die Ewigkeit beginnt für den Liebenden“— ſieht ſie ſich gedrängt, ihm zu antworten:„Was gleich einer Ephemere nur in mir lebte, mit dem Sonnenblick entſtand, am Abend vergan⸗ gen war, erhielt ein zweites, längeres Leben, ſeit ich es Dem ſage, der mich verſteht, mich berichtigt, wo ich irre, und mir die Schätze ſeines Geiſtes vertraulich mittheilt.“ Zwei Tage darauf reiſte Jean Paul zurück nach Hof und ſandte ihr von da aus die glühende Verſicherung: „Ich werde an Deinem Geburtstag vor Sonnenunter⸗ gang auf einen Berg treten und nach der Sonne, die gerade in Dein Gefilde niederſinkt, mit vollen Augen blicken und an Dein Leben denken. Schaue der fallen⸗ den glühenden Welt dann auch nach und wiſſe feſt, daß ich an Dich denke, daß ich die Wolken Deiner beſchatte⸗ ten Tage werde zählen und vorüberfliegen laſſen, und daß ich alle Deine heißen Schmerzen von Neuem beweine. O, werde ich bitten, gutes Geſchick, gib dieſer müden Seele nur jetzt einmal eine reiche grüne Stätte; greife nur jetzt nicht mehr ſo hart zwiſchen dieſes loſe zuſam⸗ mengeknüpfte Nervengewebe; beſcher ihr Ruhe in ihrer Bruſt, einen ſanften Lebensweg, den die ſchimmernden Gletſcher der zweiten Welt magiſch begrenzen, und lauter
jWMenſchen, die ſie lieben!“ Man erkennt aus dieſen Worten, daß die leidenſchaftliche Frau ihr ganzes Herz vor ihm ausgeſchüttet, ihm entdeckt hatte, wie unglück lich ſie ſich in ihren häuslichen Verhältniſſen, in der Ehe mit einem ungeliebten Manne fühle. Und als Antwort ergießt ſich dann ihre Feuerſeele in dithyrambiſchen Lauten, wie:„Leben Sie wohl, mein junger liebens⸗ würdiger Philoſoph, zwiſchen Scylla und Charybdis, zwiſchen den Grazien und Sirenen, zwiſchen dem Weih⸗ rauch des Ruhms und dem Entzücken des Beifalls, bei dem Schlag der Nachtigallen im verborgenen Hain und bei dem Geſang der Muſen im fürſtlichen Zimmer. Was habe ich denn noch zu ſagen? Ach noch viel! Sei wie Minerva klug und glücklich wie Apoll! Lächle nicht — Du lächelſt zu ſchön! Die Töne, die Dein Gemüth ohne Worte gibt, ſind ſüßer wie Harmonikaklang— ich will ſtill ſein, ſtill.“ Daß Jean Paul ſehr bald zum Bewußtſein kam, wie in Charlotte eine titaniſche, der Wirklichkeit des Lebens gleichſam entwachſene und daher ſich auf's tiefſte unglücklich fühlende Seele wohne, geht aus Briefſtellen hervor, wie der folgenden:„Dein großes Herz verhungert und verwelkt in der öden Welt. Du glaubteſt, Männerliebe könne es füllen, aber Dein weites Sein füllt und ſättigt nur der Unendliche, der hinter dem Tode glänzt, und ſeine zweite Welt.“ Was Char⸗ lotte empfindet und wünſcht, gibt ſie Jean Paul deutlich genug zu verſtehen durch Ausrufe, wie z. B.:„Lebe wohl, Seele meiner Seele! Denke daran, daß unter Allen keine ſo liebte, wie ich, und daß Du den Gift⸗ tropfen einer ewigen Sehnſucht in meine weiche Seele geworfen haſt!“ Endlich im Auguſt 1798 iſt ſie ſo glücklich, ihr Ideal wieder in Weimar zu ſehen. Auf der Reiſe dahin, von Leipzig aus, ſchreibt Jean Paul noch an ſie im Tone jubelnder Erwartung:„Ich ſehe eine himmelblaue Zukunft und einen Genius, deſſen Flügel mich kühlen und tragen. Ich bin ein Auferſtan⸗ dener und die Bande der Erde liegen im Grabe.“ Wirklich trug ſie ſich jetzt geradezu ihm zur Frau an; ſchon nach drei Monaten ſollte die Hochzeit ſein. Sie wollte ſich von Herrn von Kalb ſcheiden laſſen und rechnete dabei auf Vermittelung ihres Schwagers, des Präſidenten von Kalb, ſowie ihrer übrigen Verwandten. Dem geſchiedenen Mann hatte ſie auch bereits wieder eine neue Gemalin, eine in Weimar lebende reiche Engländerin zugedacht; von beiden erwartete ſie, daß das Arrangement von ihnen angenommen werden würde. Aber mag nun ein bisher ihm unbekannt gebliebener, den Fernſtehenden noch jetzt nicht aufgeklärter Umſtand eingetreten ſein— genug, Jean Paul zeigte wider Er⸗ warten plötzlich keine Luſt, auf das Projekt einzugehen. Scheidung wie Ehe unterblieb. Am Ende war es freilich nur natürlich, daß ein ſo übermäßig angeſpanntes, zum Theil ſogar geſchraubtes Verhältniß auf die Dauer keinen Beſtand haben konnte. Doch muß es uns jeden⸗ falls ein Beweis ſein für den ſittlichen Kern, der in Charlottens Seele lag, daß es auch mit Jean Paul, ebenſo wie früher mit Schiller, zu keinem eigentlichen Bruche kam, ſondern daß auch dies leidenſchaftlich un⸗ geſtüme Verhältniß allmälig zu ruhiger Freundſchaft


