Jahrgang 
1864
Seite
141
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Jean Paul und die Frauen. 139

eine dritte beſchieden geweſen). An ſie konnte er noch am 7. Februar 1797, als ſchon der Gedanke einer ewigen Verbindung aufgegeben war, ſchreiben:Ihre aus elyſiſchen Träumen zuſammengeſetzte Seele verliert ſich in einem Idyllenleben, zu dem es auf der Erde keinen Boden und kein Beiſpiel gibt. Ich will es malen, wie ſich der Wochentag und die Alltäglichkeit um Sie verklären wie Sie ſich fragen: Kehrt die Zeit nie um? Die vorigen Jahre liegen begraben, die Vergan⸗ genheit war ein Traum. Und wenn ich's nicht ſage, ſo will ich's doch denken: Trockne Dein liebes Auge ab, Du theure Geſtalt! Biſt Du nicht ſo ſehr geliebt? Ich bleibe Dein Freund, und was uns äußerlich trennt, bindet uns innerlich. Wenn ich Dich nach langen Jahren aus weiter Entfernung zurückgeworfen wieder ſähe, ſo würd' ich ſagen: Komm an mein Herz, denn Du biſt darin. Für mich gäb es keinen ſchöneren Tag, als den, wo ich jeden Riß, den das Schickſal in Dein Herz ge⸗ graben, zugeſchloſſen ſähe. Deine Seele iſt in meiner, meine in Deiner. Das Schickſal kann die Gewänder umändern, in denen wir uns ſehen und umfaſſen, aber

das Herz unter dem Gewande ändert ſich nie. Schone⸗

das meinige, denn es iſt zu warm und zu wund und erduldet nichts, als Freude und Sehnſucht. Schone es und liebe es!

So liebebedürftig und ſehnſuchtsvoll ſchlug Jean Pauls Herz für ein Mädchen, das ſeine Empfindungen kaum zur Hälfte erwiederte und das nicht im entfern⸗ teſten eine Ahnung von dem Werth des Dichters hatte, als plötzlich die Anerkennung von außen und von fern kam, und Liebe, nach der er vergeblich die Arme aus⸗ gebreitet, in überſchwenglicher Fülle ihm entgegentrat, ſo daß nach E. Förſters Wortenvor der neuen Welt, die ihm aufging, die alte nicht verſank, aber zum Traum⸗ bild werden mußte. Von den weiblichen Bekannt⸗ ſchaften nun, die er vom Jahre 1796 an gemacht, ſagt Jean Paul, daß ſie ihn gewiſſermaßen für denTitan erzogen haben, für das Werk, in welchem er alle Leiden und Seligkeiten der Liebe, ihre heißen Kämpfe und ihren endlichen Frieden in ergreifenden, großen, be⸗ glückenden Bildern uns vor die Seele führt, und zwar wird dieſer Ausſpruch von keiner mehr gelten dürfen, als von der aus Schillers Leben bekannten Charlotte von Kalb, die er ja ſelbſt ſeineTitanide nannte und die ohne Zweifel das Urbild ſeiner Linda geweſen iſt.

Charlotte Marſchalk von Oſtheim, geboren am 25. Juli 1761. zu Waltershauſen im Grabfeld, hatte im Jahre 1783 eine Konvenienzheirat mit Heinrich von Kalb, welcher Officier in der franzöſiſchen Armee und zugleich Schwager ihrer Schweſter war, geſchloſſen, in dieſer Ehe aber, wie voraus zu ſehen geweſen wäre, kein rechtes Glück gefunden. Es war eine von den An⸗ verwandten faſt ohne ihr Zuthun gemachte, wobei weder ihr Herz noch ihr Geiſt, wohl jedoch ihr bedeutendes Vermögen vornehmlich in Anſpruch genommen worden zu ſein ſcheint.Nicht bedenklicher, ſchreibt ſie,als jedes andere Ehebündniß war das meine; die äußere Exiſtenz dadurch geſichert. Gegenſeitig war es wohl

weder Wunſch noch Neigung der Gleichmuth des⸗

Leidens. Aber daß für die Frau das Bündniß ſo ganz ohne irdiſchen Vortheil, ſchien dem Gemüth die Licht⸗ ſeite zu ſein. In dem Saale, wo einſt das Ahnenbild herabfiel, war die Trauung, drei Zeugen gegenwärtig. Es ſchwanden die Tage ohne Einſicht noch Abſicht dahin. So kam es, daß ihr in Schiller, den ſie gleich in den erſten Jahren ihres Eheſtandes kennen lernte, eine neue Welt aufging in welcher Liebe und Verehrung des Genie's ſich ſo innig durchdrangen, daß ihr Ehe⸗ bündniß auch noch den ſchwachen Reiz für ſie verlieren mußte, den es etwa gehabt hatte. Ein mehrjähriger Briefwechſel zwiſchen ihr und Schiller iſt uns verloren gegangen, da ſie nach des Letztern Verlobung mit Charlotte von Lengefeld ſeine Briefe den Flammen übergeben hat.

Anfangs nannte Schiller Frau von Kalbeine große, ſonderbare weibliche Seele, ein wirkliches Stu⸗ dium für ſich, die einem größeren Geiſte als dem ſeini⸗ gen zu ſchaffen geben könne allmälig aber ward er inne und ſprach es ſpäter auch aus, daß ſieein ſelt⸗ ſam wechſelndes Geſchöpf ſei, nicht fähig, glücklich zu ſein, und darum auch unfähig zu geben, was ſie ſelbſt nicht habe, daß man ſichvor ihrer Inkonſequenz hüten müſſe, die ſie oft verleite, ſogar ſich ſelbſt nicht zu ſchonen, und auch vor ihrer Starkgeiſterei, die ſie leicht verführe, es mit dem Beſten Anderer nicht ſo genau zu nehmen.

Als diesſtarkgeiſtige Weib bewährte ſich denn auch Frau von Kalb in ihrem nachherigen Verhältniß zu Jean Paul. Daß eine Feuerſeele wie die ihrige von den Schriften dieſes Dichters tief ergriffen und in Flam⸗ men geſetzt wurde, iſt natürlich. Sie ſchrieb an ihn und ihre Stimme war die erſte anerkennende aus der Ferne. Er folgte der Stimme nach Weimar, und in der per⸗ ſönlichen Bekanntſchaft ſchlug ſehr bald die Verehrung in Liebe um, Seinem Freunde Chriſtian Otto ſchildert Jean Paul die merkwürdige Frau in einem Briefe folgendermaßen:Sie hat zwei große Dinge. Große Augen, wie ich keine noch ſah, und eine große Seele.

Sie ſpricht gerade ſo, wie Herder in den Briefen über.

Humanität ſchreibt. Sie iſt ſtark, voll, auch das Ge⸗ ſicht..Dreiviertel Zeit brachte ſie in Lachen hin (deſſen Hälfte aber nur Schwäche iſt) und ein Viertel mit Ernſt, wobei ſie die großen, faſt ganz zugeſunkenen Augenlider himmliſch in die Höhe ſchlägt, wie wenn Wolken den Mond wechſelweiſe verhüllen und ent⸗ blößen. Sie ſind ein ſonderbarer Menſch, das ſagte ſie mir dreißig Mal.

Inniges, ſchrieb Frau von Kalb an Schiller, als ſie ihm ihre Abſicht, ſeine Briefe den Flammen zu übergeben, mittheilte,kann nur von den Einen ver⸗ ſtanden werden, den Anderen verwandelt es ſich in Hohn. Ich ehre uns, wenn ich die Korreſpondenz nun vernichte. Freilich fügte ſie ſpäter in ihrem Tagebuche hinzu: Mit Wehmuth und weinend ſah ich nach dieſer Opfe⸗ rung, und wie ſpät hab' ich erkannt, daß es nicht mir, daß es Vielen geraubt war. Leider aber hat dieſe Erkenntniß nicht nachgewirkt, denn auch Jean Pauls Briefe hat ſie obſchon ſie dem Schwiegerſohn E.

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