Jahrgang 
1864
Seite
140
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Preußen ihre gemeinſame Furcht vor Frankreich iſt, und daß der jetzige Zeitpunkt am gllerſchlechteſten gewählt wäre, eine gütliche Gebietsabtretung von den deutſchen Mächten zu erwarten. Mit Bedauern ſehen wir, daß ſelbſt die vernünftigſten und gemäßigteſten franzöſiſchen Organe dieſes ruheloſe Schmachten nach territorialen Uebergriffen nicht los werden können, während ſie ſelbſt geſtehen müſſen, daß das Ziel ihrer Wünſche keinen rechten Werth hat. Wird Frankreich niemals einſehen, daß die Entwicklung ſeiner glänzenden Hilfsquellen und die Wieder⸗ gewinnung ſeiner Freiheiten weit rechtmäßigere und wich⸗ tigere Zwecke ſind, als Eroberungen gegen Außen, und daß Diejenigen, die es treiben, fortwährend nach fremdem Beſitz die Hand auszuſtrecken, wirklich nur dem Tyrannen oder Anarchiſten in die Hand arbeiten?

Der in Genf tagende internationale Kongreß, der eine Anzahl neuer humaner Kriegsgeſetze entworfen hat, erſcheint derTimes ungefähr in demſelben Lichte wie ſeine Vorläufer und Vorfahren, die Friedenskongreſſe. Sie bemerkt dabei, daß Belgien und die Schweiz(ſoll wohl heißen die franzöſiſche Schweiz) in vielen Stücken fran⸗ zöſiſcher ſeien als die Franzoſen, und daß Ideen, die in Paris an dem Widerſtande der Regierungsgewalt oder an der Gleichgiltigkeit und Eitelkeit des Publikums ſchei⸗ tern, ihren erſten Ausdruck in jenen zwei Staaten finden, die mit Ehrfurcht zur großen Nation aufblicken und ihr die aufrichtige Schmeichelei der Nachahmung darbringen. Die Abgeordneten des Menſchengeſchlechts, die am Ufer des Genfer Sees die Entdeckung gemacht hätten, daß der Krieg kein ſehr menſchenfreundliches Spiel ſei, erkenne man auf den erſten Blick als Jünger einer franzöſiſchen Reformerſchule. Mit aller Achtung vor den Herren und mit aller Anerkennung ihrer Aufrichtigkeit und liebenswür⸗ digen Geſinnung ſagt dieTimes müſſen wir doch die Ueberzeugung ausſprechen, daß dieſes Bemühen, künſtliche Regeln der Kriegführung aufzuſtellen, um den internationalen Kampf zuhumaniſiren, wenig Gutes ſtiftet. Eine humane Kriegführung iſtheißes Eis und ſiedender Schnee. Große und begabte Männer haben über die Kriegsgeſetze geſchrieben und ſo weit auf die Chriſtenheit eingewirkt, daß gewiſſe Bräuche als ehrenhaft geprieſen und andere als roh und feige verdammt werden. Aber mit Ausnahme der Sitte, die es nicht erlaubt, Ge⸗ fangene kaltblütig niederzumachen, gibt es unter jenen Regeln kaum eine, die nicht fortwährend von ſtreitenden Armeen verletzt wird. Die Vorſchläge des Genfer Kon⸗ greſſes ſind nicht nur nutzlos, ſondern geradezu ſchädlich, indem ſie zu der Vorſtellung aufmuntern, daß der Krieg durch ein gewiſſes künſtliches Verfahren halb und halb aufhören köune, eine Geißel der Menſchheit zu ſein. Wenn überhaupt Krieg geführt werden ſoll, ſo iſt es für die Welt am beſten, daß die Kriege ſo kurz als möglich ſeien. Je eher ein ſiegreiches Heer das geſchlagene zerſprengt und zu Grunde richtet, deſto eher iſt der Streit zu Ende. Die einzige Sicherheit für die Gefangenen oder Verwun⸗ deten iſt die Menſchlichkeit des Siegers; auf dieſe muß man ſich verlaſſen, und die offenbare Pflicht, verwundeten Feinden beizuſtehen, iſt, wie wir hoffen und glauben, in keinem neuern Kriege verabſäumt worden.

Jean Paul und die Frauen. [Drauen waren es, unter denen ſich zuerſt der Kultus ſeines Genies ausbildete, wie auch ſeine Inſpirationen hauptſächlich von Frauen aus⸗ gingen. Dieſe auf Goethe ſich beziehenden Worte Julian Schmidts gelten auch hinſichtlich

Jean Pauls. Wir haben neulich geſchildert, wie die Freundſchaft ſein Leben mit den reichſten Kränzen

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138 Jean Paul und die Frauen.

ſchmückte, aber in noch viel höherem Grade war es die Liebe, die ihm Blumen auf den Pfad ſtreute. Von der erſten Zeit ſeiner Berühmtheit an erſcheint dieſer Glück⸗ liche umwunden von einer Roſenkette zärtlicher Ver⸗ hältniſſe, und nie haben die duftigen Feſſeln ſeine Seele bedrückt. Man denkt an die Inſeln der Seligen, wo kein Schiffer auf dem Meere des Lebens im Sturm der Leidenſchaft ſtrandet, ſondern jeder den Hafen göttlichen Friedens und ewig gleicher Ruhe erreicht. In ſüßem Tändeln und reizender Schwärmerei wird immer auf's neue ein Band geknüpft, aber war es auch noch ſo innig und feſt verſchlungen, leicht und ohne Kampf löſt es ſich endlich doch und kein Herz wird gebrochen, kein Sinn auf immer verdüſtert. Wohl vier bis fünf Mal wieder⸗ holt ſich dies anmuthige Liebesſpiel, bis in der vollen, nie unterbrochenen Harmonie einer wahrhaft glücklichen Ehe aus all' dem ſinnigen Scherz ſchließlich noch köſt⸗ licher Ernſt wird. Das ewig Weibliche zog auch Jean Paul hinan..

Der große Einfluß edler Frauen auf ſeine Schöpfun⸗ gen war früher nur den Eingeweihten bekannt; dem Zeitalter der Epigonen blieb es vorbehalten, das große Publikum darüber aufzuklären, Erſt vor kurzem wieder ſind geheime Archive jenes Seelenverkehrs erſchloſſen worden, Briefe und Tagebücher, die die Pietät ſorg⸗ fältig bewahrt hatte*), und man ſtaunt über die Fülle des Lebens, die auch hier das weibliche Gemüth im Verborgenen zu entwickeln wußte. Daß durch ſolche Fülle bereichert, Jean Paul ſich zu einer Wärme der Empfindung ſteigerte, welche nahe dem Siedepunkt kommt, iſt nicht zu verwundern.

Eliſe Polko erzählt in einer ihrer Novellen, während ſeiner Leipziger Studentenzeit habe Jean Paul ein zärtlich platoniſches Verhältniß mit der ſchönen, in der Blüthe ihrer Jahre dahingeſchiedenen Tochter des Kupferſtechers Bauſe unterhalten. Die bekannte Schriftſtellerin ſchildert den ſchwärmeriſchen, doch ganz unſchuldigen Verkehr der beiden jungen Leute unter

einander ſehr hübſch und mit viel Zartheit und Innig⸗

feit, freilich ſcheint es uns aber, als wenn von hiſtori⸗ ſcher Wahrheit in dieſer ihrer Schilderung nur wenig die Rede ſein könnte. Die erfinderiſche Phantaſie der Dichterin hat wohl das bei weitem größte Anrecht auf den Inhalt jener Erzählung. Beglaubigt iſt erſt, daß nach dem heimlichen Weggange von Leipzig Jean Paul unter den Töchtern von Hof im Voigtlande, wo er mit ſeiner betagten Mutter in Dürftigkeit lebte, ein Mäd⸗ chen ſich auserwählt hatte, dem die Ergießungen ſeines ſehnſuchtsvollen Herzens galten, eine Geliebte, die er in ſeinen Träumereien zu einem Ideal erhob, von welchem ihr eigener nüchterner Sinn ſie ſehr weit entfernt hielt. Es war jeneerſte Karoline, von der Jean Paul ſelbſt in ſeinen biographiſchen Aufzeichnungen ſagt, daß er ſie habe heiraten wollen(wie eine zweite, während ihm

*)Denkwürdigkeiten aus dem Leben von Jean Paul Friedrich Richter. Zur Feier ſeines hundertjährigen Gedächtnißtages herausgegeben von Ernſt Förſter (München, Fleiſchmann).