zu, er ließ ſie los und verſchwand auf einem nahen Waldweg.
„Eil Eil Mariechen“ ſagten wir der über und über roth Gewordenen,„das werden wir der Mutter Lieſe erzählen.
„Meinethalben,“ ſagte ſie faſt ärgerlich, indem ſie die Geis losband,„Joſef iſt mein Bräutigam und da werde ich ihn wohl ſprechen dürfen!“
Sie ging mit uns zurück und hatte bald, Dank den Bemühungen Pauls, ihre gute Laune wieder⸗ gefunden.
Als wir aus dem Wald traten und die Land⸗ ſtraße überſehen konnten, erblickten wir in der Ferne eine Staubwolke, die ſich näherte. Mein erſter Ge⸗ danke war Hermann. Paul, minder kurzſichtig als ich, unterſchied ihn bald. Wahrhaftig! er nahm ſich zu⸗ ſammen und ſaß ziemlich gerade auf ſeinem Schimmel, der, obſchon er nicht allzu feuriger Natur zu ſein ſchien, doch ganz gemüthlich forttrabte. Ich fürchtete fort⸗ während, daß uns Hermann erblicken werde, Paul aber beruhigte mich:„Der ſchaut nicht von den Ohren des Pferdes weg,“ ſprach er,„ſonſt faͤllt er gleich herunter.“ Immerhin aber zogen wir uns hinter eine mannshohe Hecke zurück, die uns eine völlige Ueber⸗ ſicht des Terrains gewährte. Jetzt ließ er das Pferd in Schritt gehen und ſich rechts wendend, erblickte er Marien, die den Ziegenbock vor ſich herlaufen ließ. Wieder erklang das unvermeidliche:
„Gott grüß Euch Jungfrau hübſch und fein“ ꝛc.
Doch Mariechen ſah kaum auf, und ſang auch keine Antwort.
Da nahm ſich Hermann ein Herz, gab ſeinem Pferde die Sporen und bog querfeldein, um an Ma⸗ riechen vorbeizugaloppiren.
Schon war er ziemlich nah, das Mädchen wich erſchreckt zurück, als ein Kämpfer für ſie in die Schran⸗ ten trat, an den der Doktor nicht gedacht hatte. Der Ziegenbock, deſſen Schnur Marie losgelaſſen hatte, wich einige Schritte vor dem herankeuchenden Pferde zurück; aber nur um einen Anlauf zu nehmen und kühn⸗ lich Roß und Reiter die Stirn zu bieten.
Das Pferd ſtutzte und hielt plötzlich inne, dann aber that es entſetzt einen großen Schritt nach links. Hermann, der ſchon lange zaghaft den Sattelknopf in der Hand hielt, bekam das Uebergewicht. Noch faßte
„er krampfhaft Hals und Mähne des Pferdes; aber
nur zwei Schritte hielt er ſich noch, dann ſank er in Schlangenwindungen an des Pferdes Vorderfüßen herab und fiel ſänftiglich, alle vier Glieder von ſich ſtreckend, auf einen Schotterhaufen.
Das Roß, als es ſeine Laſt nicht mehr fühlte, blieb ſtehen und fing an zu graſen; mit ſterbenden Blicken ſah der Reiter nach dem kaum fünf Schritte entfernten Mädchen, als wollt er ſagen:„Siehl das that ich Deinetwegen!“— Marie aber, die ſanfte mitleidsvolle Marie, die ihn noch heute glücklich machen ſollte— o Hermannl wer hätte je ſo viel Tücke in einem Weiberherzen vermuthet— ſie brach in
Volksſtudien.
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ein ſchallendes Gelächter aus und ſang, indem ſie mit der Geis dem Hauſe zuſchritt:
„Mein Schatz iſt ein Reiter
Ein Reiter muß ſein“ ꝛc. die Stimme vom häufigen Lachen unterbrochen.
Wir eilten aus unſerem Verſteck hervor, dem Dok⸗ tor zu Hilfe. Er hatte keinen andern Schaden ge⸗ nommen, als daß er etwas geſchunden war, was ihm am Wiederaufſitzen hinderte. Derſelbe Burſche, den wir kurz zuvor mit Marie getroffen hatten, war her⸗ beigeeilt und erbot ſich, das Pferd nach Hauſe zu reiten.
Auf unſer Zureden nahm es Hermann an. „Das Hôtel d'.“inſtruirte er Joſef.
Der ſchwang ſich in den Sattel frei
Dahin ſo thät er traben, freilich hatte er nicht 24 Reitſtunden in Leipzig ge⸗ nommen, der bräutliche Joſef, aber reiten konnte er trotz einem Huſaren und auch das Pferd mochte ſeinen Herrn fühlen, denn es ſchritt viel ſtolzer davon als es gekommen war.
Nun unſer Hermann, der wollte ſchnurſtracks nach Hauſe, aber wir überredeten ihn, doch mit uns zu nachtmahlen. Liſe brachte, was Küche und Keller faßte; wir aßen Alle tapfer, nur ſtand Hermann dabei, weil ihm das Sitzen ſchmerzte.— Da ſchlich Ma⸗ riechen herein und ehe ſich's Hermann verſah, ſtand ſie vor ihm mit lieblich geſenktem Köpfchen— thät ihn gar demüthiglich um Verzeihung bitten,„we⸗ gen ihres unartigen Lachens und Singens von vor⸗ hin— ſie hätt' es nicht verbeißen können.“
Hermann mochte wohl!, als er auf dem Stein⸗ haufen lag und uns vortreten ſah, Mariechen aber lachen hörte, mit kaltem Blut überlegt haben, wie we⸗ nig er Urſache gehabt, den guten Miſter Butſchip auszulachen. Er war daher ganz zerknirſcht, ſagte ihr, ſie hätte recht gehabt, ihn auszuſpotten, gab ihr die eine Hand, uns die andere, und als Zeichen des Ab⸗ ſchieds von ſeinen Liebesträumen küßte er ſie auf die Stirn; dann nahm er ſein Federmeſſer und ſchnitt in den Nußbaum unter Butſchips Namen:
Dr. Hermann S. Marie 18. Auguſt 1862 wie er ſagte, aus Buße, damit Marie nocch recht oft über ihn lachen könne.
Als wir diesmal nach Hauſe gingen, ließen wir unſern armen hinkenden Freund ungeneckt, ſeine Reue hatte uns Beide zu mitleidsvoll geſtimmt.
Hermann blieb nicht lang mehr im Kurorte. Schon nach einer Woche rief ihn ein Brief ſeines Va⸗ ters in ſeine Heimat zurück.
Kurz nach ihm gingen auch Paul, die Bres⸗ lauerin und nach und nach die Gäſte, ich einer der letzten. Bald war an die Stelle der rauſchenden Feſte der einſame Winter getreten. Die Einheimiſchen der Stadt ſaßen in warmen Stuben und zehrten von der Erinnerung des vergangenen, von der Hoffnung des zu⸗ künftigen Sommers.


