Jahrgang 
1864
Seite
134
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Es trat eine länger Pauſe ein, während der Hermann näher kam. Paul ſchien über einen großen Gedanken zu brüten ſchnell faßte er ſich und indem er meiſterhaft Mariechens Stimme und Dialekt nachahmte, ſang er nach derſelben Weiſe:

Ja meine Aeuglein küßt Ihr nicht, Ich ſäh' Euch denn hoch zu Roſſe; Dann möget Ihr wohl immer ſein Mein trauter Liebsgenoſſe.

Hermann ſtutzte. Dieſe improviſirte Strophe paßte nicht in ſein Liederbuch. Er kannte nur die Be⸗ dingung von den drei Winterroſen(ſiehe das Motto dieſes Kapitels). Dieſe war ihm neu.

Lebt dieſe Strophe hier unter dem Volke, oder ſollte ſie Marie in ihrer Vorliebe für die Reiter ſelbſt erfunden haben? frug er ſich wahrſcheinlich. Dieſer Zweifel mußte ihn lange beſchäftigen, denn er blieb eine ziemliche Weile ſtehen, und ließ uns Zeit, mit Marie die Verabredung zu treffen, unſern Morgen⸗ beſuch und Pauls Intervention beim Duette nicht zu verrathen. Marie verſprach's und wir verloren uns von der andern Seite, um den Hügel herum auf die Landſtraße.

Ich war für's Nachhauſegehen, aber Paul konnte ſeine Neugierde nicht bezwingen und zog mich langſam zurück. Wir ſchlichen gebückt zur ſelben Hecke, aus der Paul herausgeſungen hatte. Gott! was ſahen wir. Doctor philosophiae Hermann S. lag vor dem ſchönen Kinde auf den Knien und perorirte:Ja ich will die Bedingung erfüllen, die Du mir geſtellt haſt, aber auch Du, mein holdes Kind, mußt Dein Verſprechen halten und mich zum glücklichſten der Menſchen machen.

War auch Marie noch ſo ſchlau, diesmal ver⸗ ſtand ſie nichts von Allem, wie wir deutlich aus ihrer verlegenen Miene laſen, die Doktor S. ſich gewiß zu ſeinem Vortheil erklärt haben wird.

Eheu! jam satis, ſprach ich zu Paul und wir kehrten beſter Diüge in die Stadt zurück.

V.

Was iſt geſcheh'n dem guten Pferd, Hat es den Fuß verletzet?

Was iſt geſcheh'n dem Jäger werth, Daß er nicht mehr ruft und hetzet?

Es war am 18. Auguſt noch vor ſechs Uhr Mor⸗ gens, und doch auf allen Straßen ſchon ein reges Leben von Kurgäſten, die dem Brunnen zueilten. Hermann, ganz angekleidet, den Hut auf dem Kopfe, ſaß in einem kleinen Zimmer bei ſeinem Notizbuche und fügte den am geſtrigen Abend beſchriebenen Seiten noch einige Zeilen zu(ſiehe S. IV der Einleitung ſeines Werkes).

O wunderſame Gabe des Volks zur Stegreifdich⸗ tung! Dir verdanken wir ja die herrlichſten, die unnach⸗ ahmlichſten Volkslieder! Ich war nie mehr von dieſer Wahrheit überzeugt, als geſtern. Sang nicht das holde Mädchen im Nu eine neue Antwortſtrophe zu einem alten Liede!

Und wenn ich noch gezweifelt hätte, fügte er

Volksſtudien.

mündlich und halblaut hinzu,geſtand mir's nicht ihr liebliches Erröthen, ihr beſcheidenes Verſtummen?

Er ſpritzte die Feder aus, ſtand eben auf und trällerte:Ja meine Aeuglein küßt ihr nicht, ich ſäh euch denn hoch zu Roſſe, da klopfte es an die Thüre und herein trat Paul.

Biſt Du bereit? So laß uns zum Brunnen gehen. Sie gingen.

Apropos. Wir wollen heute Abend nach D witz. Hältſt Du mit? forſchte Paul mit dem Auge eines Großinquiſitors.

Warum nach O witz? ſprach Hermann etwas verſtimmt.

Erinnerſt Du Dich denn gar nicht mehr der hübſchen Marie?

Dieſe Frage ſchien den Doktor wieder zu beruhi⸗ gen. Ein ſelbſtgefälliges Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, als meinte er:ihr wißt doch Alle nichts! zugleich nahm er ſeine ganze Verſtellungskunſt zuſammen und wandte ſich an Paul:

Thut mir's zu Lieb und verſchiebt es auf morgen oder übermorgen; ich ginge gerne mit und bin für heute ſchon verſagt.

Es bleibt dabei, auf morgen. Aber darf man wiſſen, was Dich heute abhält?

Ich habe dem Baron F. zugeſagt, mit ihm auf ein nahes Gut zu reiten und wir dürften wohl erſt in der Nacht zurückkehren.

Dul reiten? verwunderte ſich Paul.

Nun, warum nicht? Ich glaube, ich habe in Leipzig nicht umſonſt vierundzwanzig Reitſtunden genommen.

Eine Stunde nach dieſem Geſpräch war Paul bei mir.Er geht hitzig zu Werk, der Doktor, ſagte er mirheute Nachmittag ſchon reitet er zu Mariechens Fenſterlein und noch denſelben Abend hofft er ſeinen Kontrakt mit ihr in Ordnung zu bringen.

Armer Verblendeter! rief ichſo weit ich mich erinnere, kann er ja kaum am Pferde ſitzen. Paul, das müſſen wir uns anſehen. Wir gehen etwas früher nach D witz und erwarten ihn dort, wenn ihn ſein Geſchick ſo weit kommen läßt.

Als wir Nachmittags nach O witz kamen, war Mariechen nicht zu Hauſe.

Sie muß wo da herum mit der Geis ſtecken, ſagte uns Mutter Lieſe,ich weiß gar nicht, wo ſie ſo lange bleibt und brauche ſie doch ſo nöthig im Hauſe.

Da es noch ſehr früh und Hermann kaum zu erwarten war, ſo erboten wir uns, Mariechen aufzu⸗ ſuchen und heimzubringen. Aberda herum war ſie nicht zu finden. Wir gingen den ſteilen Pfad, den ſie uns im zweiten Kapitel geführt hatte, hinan und waren faſt auf der Stelle, wo ihre Kuh Hermann ſo erſchreckt hatte, als wir ſie endlich in Geſellſchaft eines ſtämmigen Bauernburſchen entdeckten, der ſeinen Arm zärtlich um ſie geſchlungen hatte und mit dem ſie in ein angelegent⸗ liches Geſpräch vertieft ſchien. Der Ziegenbock war weit von ihnen an einen Baum gebunden. Als ſie uns erblickte, flüſterte ſie ſchnell ihrem Anbeter etwas