Jahrgang 
1864
Seite
133
Einzelbild herunterladen

Volksſtudien. 133

und Leſer noch nie Dageweſene iſt, zahle Dir im Wirths⸗ hauſe Backfiſch und Butterbrod, gebe mich überhaupt mehr mit Dir ab, als mit Paul, Hermann und Marie zuſammen was willſt Du erwiedern? eben darum? So mache Dich denn gefaßt, lieber Leſer, daß ich in den nächſten Kapiteln kein Wort mit Dir rede.

IV.

In meinem Aernmlein ſchlaft ihr nicht, Ihr bringt mir denn drei Roſen,

Die in dem Winter gewachſen ſind Wohl zwiſchen Weihnachten und Oſtern.

Schon drei Tage waren vergangen, ohne daß ich weder Paul, noch Hermann zu Geſichte bekommen hatte. Da nahm ich mir endlich vor, ſie am Neubrunn aufzuſuchen; da ſie beide dieſe Quelle tranken, ſo waren ſie des Morgens um die gewöhnliche Kurſtunde ſicher dort zu treffen.

Ich fand ſie zu beiden Seiten der Breslauerin, ein paar Schritte hinter Hermanns zukünftigen Schwiegereltern. Sie war ganz allerliebſt, die Doktors⸗ braut, in ihrer Morgentoilette; zwar etwas klein und rund, aber ein immerwährendes freundliches Lächeln um die Lippen, einen roſigen, durch kein Fleckchen unter⸗ brochenen Teint, ſchließlich ſchöne ſchwarze Augen, ſchönes ſchwarzes Haar; in Augenblicken, wo ſie ihre Ge⸗ lehrſamkeit vergißt, muß ſie bezaubernd ſein; leider er⸗ lebte ich keinen ſolchen. Ich ging noch keine zehn Mi⸗ nuten an ihrer Seite, als ſchon fünfmal das große Wortphiloſophiren, zweimal das noch gewaltigere Hegel ihre kleinen Lippen überſchritt,und glauben Sie nicht, wandte ſie ſich jetzt an Paul,an eine ferne Urwiſſenſchaft, die die Namen aller unſerer jetzigen kleinen Wiſſenſchaften vertilgt, um ihrer aller Vereini⸗ gung und Durchdringung zu lehren?

Ich glaube alles, was Sie wollen, mein aller⸗ liebſtes Fräulein, antwortete Paul,ſelbſt einen Bund der Chemie mit der Logik und daß man bisher ungelöste Widerſprüche künftig in Theeröl und Salmiak⸗ geiſt löſen wird und in der Apotheke in ein Fläſchchen zu kaufen bekömmt.

Er iſt zu ſtolz, mit einem Mädchen zu disputiren, grollte ſie.

Hermann aber unterbrach:Darf ich Ihren Becher füllen? Die Viertelſtunde iſt ſchon abgelaufen, und er verſchwand mit dem dargereichten Becher.

Paul nahm des Doktors leere Stelle ein und frug:Merken Sie nicht, wie unſer Freund Hermann ſeit einigen Tagen ſo ſchweigſam und melancholiſch geworden?

Angeſtrengte Volksſtudien, meinte ich.

Allerdings, bejahte Paul.

Hermann kehrte mit dem gefüllten Becher zurück.Sind es wirklich angeſtrengte Volksſtudien, die Sie ſo traurig machen? frug ihn Hedwig(ſo hieß die Breslauerin) arglos.

Hermann warf uns einen grimmigen Blick zu und ſtotterte, er ſei die letzte Zeit her etwas unwohl.

Der letzte Becher war getrunken und Hedwig wurde von ihrer Mutter abgeholt, Hermann ging ohne Gruß fort und ich blieb mit Paul allein.

Der ſcheint es ſehr ernſt zu nehmen, ſagte ich, ſo mürriſch war er noch nie.

Ich glaube, der Haken ſitzt tiefer, ſprach Paul zu mir.Iſt Dein Frühſtück ſchon beſtellt?

Nein.

Nun ſo komm zur Milchlieſl, vielleicht er⸗ fährt man was.

Eine halbe Stunde darauf ſaßen wir unter den Nußbäumen von D witz bei einem guten Frühſtück. Marie trug eben auf.

Wo haben Sie denn den Doktor S. gelaſſen?

Mir fiel die Frage auf. Woher wußte denn das Mädchen ſeinen Familiennamen und Titel? Wir hatten doch neulich weder des einen, noch des andern erwähnt.

War denn Hermann einmal ohne uns hier? frug Paul friſchweg.

Nun freilich! Er iſt gleich den andern Tag wieder⸗ gekommen, um mich zu fragen, ob mein Schatz wirklich ein Reiter wäre.

Nun? und Sie ſagten?

Ich ſagte, das wäre nur ein Lied, das man im ganzen Dorfe ſingt. Aber ein hübſcher Mann auf einem ſtolzen Roß ſei eine Herzensfreude!

Und kam er wieder?

Alle Tage! Mich wundert'ss, daß er noch nicht hier iſt.

Iſt er auch ſo ſtumm, wie der edle Miſter Butſchip?

Das wohl nicht, aber er ſpricht manchmal ganz kurioſe Sachen. Auch eine Menge Lieder mußte ich ihm vorſingen. Die ſingt er nach, und ſchreibt ſie in ſein Buch.

Das iſt für ſeine Frau, ſagte Paul.

Iſt er denn verheiratet?

So halb und halb.

Ei der Lügner! mir ſagte er, er ſei ledig! rief das Mädchen lachend und verſchwand nach einer zweiten Auflage Butterbrod.

Wenn die nicht uns Alle zum Beſten hat, will ich hängen, ſagte Paul.Der Duckmäuſer, bei ihr Singſtunden zu nehmen, wohl gar Duetten mit ihr zu ſingen! O möcht ihn doch die kleine Circe im gröbſten Hagelwetter auf den Nußbaum zaubern, daß er braun und blau geſchlagen würde für ſeine Untreue.

Marie war kaum mit einem vollen Teller ein⸗ getreten, als von der Straße her ein Lied ziemlich laut, doch in langen Abſätzen erklang. Paul lugte durch's Dickicht.

Wer iſt's? frug ich ihn.

Vermaledeiter Rattenfänger! Hermann iſts; doch horch! was ſingt er?

Herüber ſcholl's:

Gott grüß' Euch Jungfrau hübſch und fein, Ich liege Euch zu Füßen

Wollt' Gott ich könnt der Eure ſein,

Und Eure Aeuglein küſſen.

N