Jahrgang 
1864
Seite
132
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heftete er einen durchdringenden Blick auf die emſig Ar⸗ beitende und dachte wahrſcheinlich eben daran, noch eine Volksſage von ihr zu erpreſſen, als Paul unſere Auf⸗ merkſamkeit auf einen der Bäume lenkte, in deſſen Rinde die Worte geſchnitten waren: William Butſchip Mary 18. Juli 1860.

Wir drängten uns alle um dem Baum. Nur M arie blieb ſitzen und fing an zu lachen.

Ach erzählen Sie, wer iſt dieſer William But⸗ ſchip, warum hat er hier ſeinen Namen neben dem Ihrigen verewigt? frugen wir ſie alle einſtimmig.

Das iſt ein närriſcher Engländer, der vor zwei Jahren unſer tägliche Gaſt zum Frühſtück war. Er blieb nie aus und legte die Stunde in unſer Dorf auch im ſchlechteſten Wetter zurück. Er kam immer allein, ſetzte ſich zu mir, trank ſeine Milch und ging nach einer kleinen Stunde wieder fort, ohne ein Wort mit mir oder der Mutter geſprochen zu haben.

Eines Morgens blieb er aus. Auf den Nachmittag erwarteten wir ihn vergebens. Es war eben an jenem 18. Juli und es zog in der Dämmerungsſtunde ein ſchreckliches Gewitter herauf, das ſich über dem Dorfe

Volksſtudien.

Was er nur auf dem Baume wollte? fragte Hermann. Das Mädchen lächelte eigenthümlich und wußte es auch nicht.

Wenn Ihr nicht naß werden wollt, wie der edle William Butſchip, hub ich nun an, die Zeche berichtigend,ſo fordere ich Euch auf, den Heimweg anzutreten. Es nahen dort grimmig ſchwarze Wolken.

Dem DOoktor fiel der Abſchied ſchwer.Nur eines ſagen Sie mir noch, Marie! rief er endlich.Haben Sie noch keinen Schatz?

Sie hören ja gar nicht auf, mich zu fragen.

Keinen?

Nein, nein!

Nun ſo leben Sie wohl, ich komme morgen wieder.

Wird uns ſehr freuen, ſagte Mutter Lieſe, die indeß dazu gekommen war, und wir bogen um s Häus⸗ chen, der Landſtraße zu.

Alſo keinen, ſeufzte Paul vor ſich hin, den Doktor parodirend,alſo keinen!

Er hatte es kaum ausgeſprochen, ſo klang's aus dem eben verlaſſenen Gärtchen:

Mein Schatz iſt ein Reiter, Ein Reiter muß's ſein;

in einem zweiſtündigen Platzregen entlud. Ich war juſt oben in meiner Schlafkammer und öffnete, als der Guß vorbei war, mein Fenſter hier(ſie wies auf eines der Fenſter), um in die kühle Nacht hinauszublicken.

Da leuchteten mir aus eben dieſem Baume, der die Namen trägt, zwei feurige Punkte entgegen; ich ſtarrte längere Zeit hin und glaubte einen Mann zu unterſcheiden, der auf dem Baume ſitzend zwei große funkelnde Gläſer vor die Augen hielt; voll Furcht wollte ich die Fenſter ſchließen, als ich eine klägliche Stimme vernahm, an der ich gleich den Engländer erkannte, ſo wenig ich ihn auch hatte ſprechen hören.

Fürchten Sie nichts, rief er, und nahm die Gläſer von den Augen,ich bin auf den Baum geſtiegen und die Leiter fiel mir um; kommen Sie doch und helfen Sie mir herunter.

Ich warf mein großes Tuch um und ging herab. Bald fand ich die Leiter neben dem Baume im naſſen Graſe liegen, ſtellte ſie an und Butſchip kroch herunter. Aber wie ſah er aus! Er war während des ganzen Platzregens am Baume geſeſſen und das Waſſer lief in Strömen von ihm herab, ſein Hut war jämmerlich zu⸗ gerichtet. Er drückte mir ſtumm die Hand und eilte nach Hauſe.

Tags darauf kam er wieder, jedoch in Reiſeklei⸗ dern, ſchnitt ſeinen Namen in jenen Baum, nahm Ab⸗ ſchied von uns und verſprach, nächſtes Jahr wiederzu⸗ kommen.

So oft ich den Namen ſehe, muß ich lachen. Mir fällt immer ein, wie er damals vom Baume kroch und lahm und triefend in ſeinem ſchrecklich verbogenen Hut weiter ſchlich.

Wir fixirten den Baum und konnten an ihm nichts anderes entdecken, als daß er mit dem einen Aſte faſt in Mariechens Fenſter ragte.

Das Roß iſt dem Kaiſer, Der Reiter iſt mein.

Mariechen wars, die alſo ſang. Faſt wäre Hermann umgekehrt.

Ei ſeht mir den Philologen an, wie ſein ver⸗ trocknetes Herz gleich Feuer fängt an dieſer ländlichen Kokette! Zieh' Dein Album heraus, mein Freundchen, und notire, was Du erlebteſt, für Deine ſtrahlende Bres⸗ lauerin.

Die Mahnung an ſeine Braut brachte Hermann zu ſich; doch mußte er ſich's gefallen laſſen, den ganzen Weg von uns geneckt zu werden und verſchwor es end⸗ lich, je wieder mit uns zur Milchlieſl zu gehen.

Weil er allein hingeh'n will. interpretirte Paul.

Doch wir ſind an dieſelbe Brücke zurückgekommen, von der ich Dir, mein lieber Leſer, den Gipfet zeigte, in deſſen Nähe wir Marie teafen. Alles trennt ſich. Leb' wohl, Hermann! Gott erleuchte Dich. Adieu, Paul. Komm' morgen wieder.

Und auch Du, lieber Leſer, willſt Du mich auf meinem nächſten Spaziergange wieder begleiten? Nicht?! Und warum nicht? Ich hätte mein Wort nicht gehalten, hätte was Unerhörtes ahnen und ſo gut wie Nichts erſcheinen laſſen? Zöge Dich ſchon drei Ka⸗ pitel herum, ohne zur Sache zu kommen? Hat man je ſo ein Ungeheuer von Undankbarkeit geſehen als Dich, meinen wohlwollenden Leſer! Ich trage Dir bereitwillig an, uns zu begleiten, blos auf Dein ehrliches Geſicht und auf die Gefahr hin, Du ſeiſt ein Recenſent, führe Dich den ſchönſten Berg hinan, das lieblichſte Thal herunter, bandle Deinetwegen ganz gegen mein ſchüch⸗ ternes Naturell mit einer baumſtarken Jungfrau an, die Stier und Steinbock und alle Sternbilder bewachen, erzähle Dir durch ihren Mund die anmuthigſten Volks⸗ ſagen, und was das unerhörteſte, zwiſchen Schriftſteller