Volksſtudien. 8 131
Das Mädchen, das uns dieſen Troſt zurief, tritt bald darauf heraus, einen gewaltigen Ziegenbock an einem Strick führend, deſſen zweites Ende ſie der Kuh ums Horn ſchlingt und ihn in der Mitte faſſend, geht ſie mit ihrem Vieh weiter, an uns vorbei, wie es ſchien der andern Seite des Berges zu.
„Kommt man denn da drüben auch herunter?“ frug ich ſie, raſch anknüpfend; denn ich hatte es ſchnell weg, daß ich ſowohl Hermann und Paul, als auch den Leſer erfreuen würde, wenn ich mit dem lieblichen Landmädchen unſere Geſellſchaft vermehrte.
„Der Weg iſt zwar feucht und ſteil; aber wenn Sie das nicht abhält, ſo gehen Sie nur mir nach, wir kommen nach dem Dorfe D witz herunter!“ lautet beiläufig die hochdeutſche Ueberſetzung deſſen, was ſie uns in ihrem ſehr ausgeprägten, aber klangvollen Dialekte zur Antwort gab.
Hermann that einen kühnen Griff nach ſeinem Herzen und erſt, als er fühlte, daß er ſein Buch nicht vergeſſen, ließ er beruhigt die Hand ſinken.
Wir wurden mit dem ſchönen Kinde ſchnell be⸗ kannt, erfuhren, ſie heiße Marie und ſei die Tochter der„Milchlieſl“.
„Milchlieſl“ iſt nämlich die gewöhnliche Les⸗ art des Namens ihrer Mutter, die Sachſen nannten ſie „Milchliſettchen“ und ein Hannoveraner ſprach ſogar einmal von der„Milcheliſabeth“. Alle dieſe Varianten kommen einer Wirthin in D— witz zu, die wegen ihres traulichen Plätzchens im Schatten von Nußbäumen bei manchem Kurgaſte im guten Andenken ſtehen dürfte und deren Tochter wir hier zufällig kennen lernen.
Doch ſieh' nur, lieber Leſer, während ich Dir hier die nöthigen genealogiſchen Aufklärungen über Marie gebe, hat Hermann alle Scheu vor der Kuh ab⸗ gelegt, und ſich des Geſprächs mit der ſchönen Bäuerin allein bemächtigt. Er muß ihr etwas Artiges geſagt haben, denn ich ſehe ſie leicht erröthen. Stemmt er nicht gar jetzt die Hände auf die Kuh und ziſchelt ihr Etwas in's Ohr?
„Hel Hermannl mein Rabel“ ließ ſich Paul hören,„wenn ich das Deiner Breslauerin erzähle!“
„Magſt Du immer,“ war ſeine Antwort,„ich bitte das ſchöne Kind unaufhörlich, ſie möge uns doch die Sage vom Jungfernfels dort drüben erzählen; ſie läßt ſich aber nicht überreden.“
„Ich denke, die Herren haben mich zum Beſten,
meinte Marie. Aber Hermann hatte eine nur durch ſein Notizbuch zu entſchuldigende Hartnäckigkeit, das arme Mädchen zu quälen. Endlich ließ ſich die ſchöne Marie doch bewegen, langſamer zu gehen und folgende Sage mit einer entzückenden Naivetät zu erzählen:
„Es war einmal—“ u. ſ w., wie Du Dich, mein wohlwollender Leſer, noch erinnnern wirſt. Ich würde mit größtem Vergnügen die allenfälligen Lücken in Deinem Gedächtniſſe ausfüllen, indem ich die ganze Sage, eben ſo ſchlicht wie ſie Mariechen erzählte, herſetzte, müßte ich nicht fürchten, ein Plagiat an einem
unlängſt erſchienenen Werke des Dr. Hermann S. zu begehen, von dem ich Dir, lieber Leſer, noch im Poſtſkript ſprechen werde und auf deſſen 28. Seite ich Dich freundſchaftlichſt verweiſe.
Während Mariechen noch erzählte und nur zu oft von Hermann mit allerlei Querfragen(ſiehe darüber in Hermanns Werke unten die Noten) unterbrochen wurde, kamen wir der Behauſung ihrer Mutter immer näher. Bringen wir einige ſteile naſſe Stellen unſeres Weges, wo Marie faſt das Gleich⸗ gewicht verloren und Hermann ſie faſt in ſeinen Armen aufgefangen hätte, einige mißmuthige Anmer⸗ kungen Pauls und beiläufig eben ſo viel drohende Blicke des Ziegenbocks in Abrechnung, ſo ging Alles in
Ordnung.
Zwar an plötzlich auftauchenden Fernſichten, an lieblichen Blümlein und rauſchenden Waldpartien war auch hier, am Rückhange des Berges, kein Mangel, aber mein Fernglas blieb ruhig in der Taſche, Pauls Trommel hing ſchlaff an ſeiner Seite und ſelbſt Her⸗ manns Notizbuch ſchien mir in ſeiner bas-relief- Anſicht bedeutend kleiner zu werden— wir ſahen ja Alle nur Marien neben uns ſchweben und hörten nur den Liebreiz verklungener Sagen in ihrer Stimme.
Als wir aber in's Dorf kamen, da mußte Hermann ihre Hand loslaſſen und ſie ging voraus,„uns Quartier zu machen“ wie ſie ſagte. Doch faſt war's zu ſpät, als ſie uns verlies, denn an einem Gartenzaune ſtand ein Bäuerlein und kopfſchüttelte:„Schau! Schau! die Mahril“
III.
Frau Wirthin, ſie kann ſchlofen gohn, Ihre Tochter ſoll uns den Wein auftrohn.
So, mein lieber Leſer! Da wären wir nun bei der Milchlieſl. Mach Dir's bequem und ſetz Dich zu Paul. Hermann und ich wollen für Euch ſorgen; vortrefflichen Backfiſch, wenn Ihr Euch ein wenig geduldet, Milch und Butterbrod für den Augenblick.
Wir verſchwanden im Häuschen, die nöthigen Anſtalten zu treffen. Ei, da ſaß ja Mariechen und ſpann.
„In der dunkeln Stube!“ ſprach ich ſie an;„kommen Sie doch lieber in's Freie.“ Hermann aber hörte gar nicht ihre Weigerung zu Ende und fiel ihr mit der Hand in's Rädchen,
„Sie werden mir den Faden zerreißen, dann gibt's einen Knoten!“ bat Marie. Aber unſer Doktor hatte ſchon das ganze Spinnrad in die Höhe gehoben und lief damit der Thüre zu. Marie ließ Anfangs den Faden in ihrer Hand ablaufen, bald aber wurde ſie ſelbſt an dem dünnen Garn fortgezogen,„damit nur ja kein Knoten wird.“
Die Wirthin verſtand ihren Vortheil vollkommen und freute ſich über den Eifer, mit dem wir Alle unſere Sitze der holden Spinnerin näher rückten. Hermann rekognoſcirte in aller Eile das Terrain, einen umzäunten Platz, von gigantiſchen Nußbäumen beſchattet, dann
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