Jahrgang 
1864
Seite
130
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130 Volksſtudien.

der weißrothe Pfahl eines geſprächigen Täfelchens Schonung der Waldkultur undMan bittet, keine Hunde mitzubringen. Wie der Schiffbrüchige auf un⸗ bekanntem Strande endlich einen Galgen erblickt und Gott ſei Dank! ruft,ich bin unter Civiliſirten, ſo ſprich auch Du Segen über uns, denn Dein Höherſtre⸗ ben im Schweiße Deines Angeſichtes krönt unſer Gipfel eine Reſtauration.

Daß ich's nur ſelbſt und rundweg ſage, lieber Leſer, wir ſind in Karlsbad, der Brunnen iſt getrunken, das Wetter herrlich und ein Spaziergang mit zwei Freunden längſt verabredet. Einige Schritte zur nahen Brücke, und das Ziel unſeres Ausfluges glänzt uns als feine weiße Linie entgegen; oben wird ſie zur hohen Granitſäule und das Thal, in dem wir ſtehen, zu einem winzigen Stückchen der Rundſicht, die unſerer dort harrt dieſe ganze Umwandlung in Zeit einer kleinen Stunde in duftenden Wäldern und blumigen Wieſen verſchlendert.

Ich denke, lieber Leſer, Du begleiteſt mich und ſiehſt Dir die Sachen ſelber an; wer weiß, welch ſelt⸗ ſames Abenteuer unſer Aller harrtin des Waldes finſtern Gründen.

Dir unterdeſſen die Zeit zu kürzen, will ich Dir immerhin erzählen, wer die zwei Freunde ſind, die ich erwarte.

Der eine iſt Paul W., ein flotter Junge, der keinen Spaß verdirbt. Gewöhnlich durchläuft er Tag aus Tag ein die Wälder und ſammelt wohl auch nebenbei etwas Heu für ſein Herbar in eine große grüne Botaniſirbüchſe, von der er unzertrennlich iſt. Nur macht er es oft wie jener ſchämige Schuſter, der ſeine Stiefel in einem Violinkaſten zu ſeinen Kunden trug, und ſtopft für ſeine Tagreiſen den Ernſt ſeiner wiſſen⸗ ſchaftlichen Trommel mit allerlei ſchnöden Viktualien, als da ſind Frankfurter Wurſt, Kalbsbruſt, Weißbrod ꝛc.

Der andere iſt Hermann S., ein graduirter Mann. Doctor philosophiae Hermann S. hat nur eine Leidenſchaft: das Volk zu ſtudiren. Wenn er ſeinen Frack zugeknöpft hat, ſo wirſt Du denſelben, lieber Leſer, an der Herzensſeite krampfhaft zu einem großen Viereck geſpannt finden. Der Grund davon liegt an einem ziemlich gewichtigen Notizbuche, nach Art einiger modernen pocket-dictionary für wahrhaft unbändige Taſchen. Wie mein Freund Paul nicht von ſeiner Trommel, ſo iſt Dr. Hermann S. nicht von dieſem Buche zu trennen. Aber auch wo ihm ein fremder Laut aufſtößt, zieht er ſein Kleinod heraus und notirt; ein Sprichwort, zum erſtenmal gehört, iſt ihm lieber als ein Sommerpalaſt, und mancher ohrzerreißende Fluch gilt ihm ein Königreich.

Vielleicht haſt Du ihn ſchon an der Seite einer kleinen kugelrunden Breslauerin geſehen, die, glaub' ich, ſeine Braut iſt, und mit ihm die Manie für deutſches Philologenthum ſo weit theilt, daß ſie ihn nicht früher heiraten will, bis er ein altes Manuſkript oder eine Liederſammlung herausgegeben hat.

Doch da kommen ja die Erwarteten Hand in Hand. Tauſendmal willkommen!

Ich führe Dir hier Dr. Hermann S. auf, von dem ich Dir eben ſprach und hier Herrn Paul W., Kandidaten der Medicin. Euch, meine Lieben! ſtelle ich hier meinen Dutzbruder und wohlwollenden Leſer vor, der uns auf unſerem Ausfluge begleiten will. Doch nun ſchnell und vorwärts, links eingebogen, daß wir uns mit Pauls Trommel aus der Stadt trollen; ſonſt läuft ihm, wie neulich, die ganze hoffnungsvolle Gaſſenjugend nach und ſchärft ihren Mutterwitz an ſeinemgroßen, grünen Ding.

Gerade das ſoll uns beſtimmen auf der Straße zu bleiben, erwiederte Hermann,ich höre nichts lieber als die kernigen Ausdrücke einer unverkünſtelten Volksjugend.

Meinethalben, riefen wir lachend. Aber dies⸗ mal gab die Volksſtimme keine Antwort auf Pauls grüne Herausforderung; vielleicht zitterte ſie vor Her⸗ manns thatendurſtigem Notizbuche.

II.

Du kannſt Dich glücklich ſchätzen, lieber Leſer, daß ich es bin und nicht Paul, der Dir dieſe höchſt wahr⸗ hafte Geſchichte unſeres Spazierganges zu Papier bringt; denn, kann ſchon ich nicht zum Anfange kommen, ſo würde er es noch weniger, denn er bliebe und nicht mit Unrecht alle zehn Schritte ſtehen und riefe: Himmliſche Ausſicht! Herrliche Gegend! Dann würde er Dir jeden Baum beſchreiben und jedes Pflänzlein, das in den finſtern Kerker ſeiner Trommel wandern mußte als da waren purpurner Fingerhut, lüſtern und lockend, wie eine galante Anekdote des vorigen Jahrhunderts; Trientale, klein, lieblich und ſelten, wie das Volkslied vom Reif in der Frühlingsnacht; Cepha⸗ lonthere die blendend weiße Krone im dunklen Blatte, wie ein Märchen von der Waſſernix, die aus grünem Schilf auftaucht nun erſt die ganze Wieſen⸗ und Wälderflur, wie eine Ilias in rieſiger Breite, aber

auch in troſtloſer Entfernung! Denn dazwiſchen liegt

das brückenloſe Silberband des Egerfluſſes und nur einige Auserwählte trägt eine Fähre hinüber und herüber.

So ſprach ich ſchon damals als vermittelndes Princip der botaniſchen und literariſchen Richtung meiner drei Freunde(inclusive des Leſers). Aus dem⸗ ſelben Grunde wollte ich eben das liebliche Zittern der Briza mit der erſten Liebe, das Erblaſſen des Heide⸗ krauts mit der jetzigen Romantik und das Zerſtieben des Pappus eines Bocksbartes mit der Völkerwanderung vergleichen, als ich urplötzlich den etwas vorangeeilten Hermann zu gleicher Zeit erzittern, erblaſſen und einige Siebenmeilenſchritte zurückweichen ſah. Ich, Paul und der aufmerkſame Leſer ahnen ſogleich den Beginn einer folgenreichen Begebenheit, wir ſchreiten muthig auf Hermann zu und ſehen nun durch das Geſträuch den Gegenſtand des Schreckens den phlegmatiſch wiederkäuenden Kopf einer Kuh, herausglotzen. Zugleich vernehmen wir eine liebliche Frauenſtimme:Fürchten Sie ſich nicht, ſie ſtößt nicht!