Das Volksfeſt in Cannſtadt.
Poſtſkript.
Im Verlaufe des Winters erhielt ich einen Brief nebſt einem Exemplar des Werkes:„Volksſtudien in Nordböhmen von Dr. Hermann S.“—„Fräu⸗ lein Hedwig B. in Freundſchaft und Liebe gewidmet vom Verfaſſer.“ Hermann ſchrieb mir, er ſei be⸗ reits 14 Tage mit Hedwig vermält und ſehr glück⸗ lich. Ich ſolle ihm doch gelegentlich von Marie ſchreiben. Ich antwortete von ihr, was ich wußte, ſie ſei ebenfalls ſeit ſechs Wochen verheiratet, ebenfalls ſehr glücklich, ihr Mann wäre jener Burſche, der Her⸗
manns Schimmel, traurigen Angedenkens, nach Hauſe
geritten habe..
Was mich und Paul betrifft, ſo ſind wir Beide noch ledig, geben aber jedem jungen, dabei ſchönen, gebildeten, häuslichen und zugleich reichen Mädchen auf frankirte Briefe unter der Adreſſe A. P, in C. poste rest. gerne ein Stelldichein.
Dir endlich, wohlwollender Leſer, mit dem ich eigentlich nichts mehr reden wollte, ruf' ich in chriſtli⸗ cher Nächſtenliebe, all' Deinen Undank vergeſſend, ein herzliches Lebewohl zu.
Das Volksfeſt in Caunſtadt.
(Hiezu die Bilderbeilage.)
ieſes findet alljährlich am 28. September, dem
Geburtstage des Königs, welcher es geſtiftet hat,
ſtatt. Nur wenn dieſer auf einen Sonnabend
fällt, wird es auf den nächſtfolgenden Montag
verlegt. Wenige„verordnete“ Feſte modernen
Urſprungs können ſich rühmen, ſo echt volks⸗ thümlich geworden zu ſein, wie dieſes„Volksfeſcht“ in Cannſtadt. Aus allen Theilen Württembergs kommen die Bewohner in ihren Feiertagstrachten zu Wagen und zu Fuß, mit Eiſenbahn und Omnibus dazu herbei, und wer das deutſche Volk vom Odenwald und Seewald, aus dem Schwarzwald und der Rauhen Alp, von der Donau und dem Neckar vereinigt ſehen, wer den ſchwä⸗ biſchen Dialekt in allen ſeinen Mundarten und Verſchie⸗ denheiten hören will, der darf nur Cannſtadt zur Zeit ſeines Feſtes beſuchen.
Gibt es auch nicht eigentlich eine Nationaltracht in Württemberg, ſo hat doch jede Gegend ihre eigen⸗ thümlichen Abweichungen in der Kleidung, wie der Schwarzwälder, der Aelpler, der Steinbacher, der Baarer. Am größten iſt die Verſchiedenheit in Neuwürttemberg. Selbſt der Anzug der Proteſtanten und Katholiken iſt nicht gleich. Hauptgegenſtände der Tracht des württem⸗ bergiſchen Landmanns ſind bei den Männern ein drei⸗ eckiger Hut über dem glatt gekämmten Haar, wohl hier und da noch ein Kanim darin, ein Kittel mit blinkenden Metallknöpfen, Schnallenſchuhe, bei den Weibern Mieder, kurze Röcke, rothe oder weiße Strümpfe, hohe Hacken und langherabhängende, mit Bändern durchflochtene
Zöpfe. Mit dem früheſten Morgen ſtrömt ganz Stutt⸗ gart hinaus zum„Feſchte“, denn nicht beim Feſte ge⸗ weſen zu ſein, gilt für ein perſönliches Unglück. Der herrliche Park mit ſeinen ſchönen Alleen, welcher ſich vom königlichen Schloſſe bis faſt nach Cannſtadt hinzieht, belebt ſich mit Reitern und Reiterinnen auf leichten und zierlichen Pferden arabiſcher Abkunft, wie ſie in den württembergiſchen Geſtüten gezogen werden, elegante Equipagen fahren neben und hinter Miethswagen, und die eigentliche Straße von Stuttgart nach Cannſtadt gleicht einem ununterbrochenen Zuge von Fuhrwerken aller Art, der ſich zwiſchen den zur Thierſchau beſtimm⸗ ten Ochſen, Kühen, Schafen und Schweinen mit ihren Treibern und Treiberinnen und zwiſchen den dichtge⸗ drängten Reihen der Fußgänger nur mühſam und lang⸗ ſam fortbewegt. Schon vor der bei Cannſtadt über den Neckar führenden Brücke, die mit Fahnen und Feſtons geſchmückt iſt, gewinnt die Straße ein feſtliches Anſehen. Die Stadt ſelbſt in ihrer anmuthigen Lage am Neckar, ringsum von Hügeln eingeſchloſſen, die zum Theil prächtige Villen des Königs und des Kronprinzen auf ihren Gipfeln tragen, iſt auf das Schönſte verziert. Un⸗ zählige Kränze und Guirlanden hängen quer über die Straßen, an den Häuſern und ſelbſt an den Dächern der kleinſten Hütten über den Winterbehängen von Mais⸗ kolben. Fahnen wehen von den Thürmen, über den Thoren und aus den Fenſtern aller öffentlichen Gebäude und Wirthshäuſer. Zum Feſtplatz, dem Waſen, führt eine höchſt geſchmackvolle Ehrenpforte aus Nadelholz, Früchten und Aehren, an welcher Figuren und Namens⸗ züge aus Blumen und Maiskörnern angebracht ſind, und auf dem Platze ſind verſchiedene Tribünen und Galerien für den Hof, die Preisrichter, die Muſik und die unzähligen Zuſchauer errichtet, welche das Rennen und die Thierſchau mit anſehen wollen. Reiter und Pferde ſind auf's Schönſte geputzt, alle Thiere, die zur Viehausſtellung gebracht werden, mit Blumen und Bän⸗ dern geſchmückt.
Iſt Thierſchau und Pferderennen vorüber, drängt ſich Alles an das eine Ende des Platzes, wo die Volks⸗ ſpiele anfangen. Eine hohe Stange, auf welcher an einem Holzreifen Tücher, Meſſer, Hoſenträger u. dergl. hängen, iſt zum Klettern beſtimmt, und ein Junge nach dem andern verſucht vergeblich ſein Glück, bis es endlich Einem gelingt, den Reifen zu erreichen. Unter dem Jubel der Umſtehenden wählt er ſich einige Preiſe und klettert dann vergnügt wie ein König mit ſeinen mühſam er⸗ worbenen Schätzen wieder herab.
An einer andern Stelle iſt zur großen Beluſtigung der Zuſchauer ein Sackrennen oder ein Hoſenlaufen ver⸗ anſtaltet, und die Wettläufer ſtehen entweder in engen Säcken, die ihnen am Hals zugebunden werden, oder paarweiſe in Hoſen, von denen Einer das rechte Bein, der Andere das linke angezogen hat, ſo daß ein Beinkleid Zweien dienen ahun um die Lenden Beider feſtge⸗ ſchnallt wird. Bei dem erſteren Fall kann man eigentlich nicht laufen, ſondern nur hüpfen oder ſpringen und zwar mit beiden Füßen zugleich, und wer dabei fällt, kann ſich allein nicht mehr aufrichten, ſondern muß ſo lange


