Jahrgang 
1864
Seite
123
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VI

Feuilleton. 123

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Legt Euch nur einmal, wenn die Luft in feiſcher Be⸗ wegung iſt, in das Waldgras unter die Bäume!

Hört Ihr in der langen Pappel hoch oben den Wind ſo ſonderbarlich fein ſtreichen? Hört Ihr den ſchrillen, den ſauſenden, ſurrenden, ziſchelnden Ton oftmals gerade als wenn eine Katzeſpänne?

Die hochnaſige, geſpreizte Pappel macht ſich über die andern Bäume luſtig, über die ſie hinausragt! Seht nur, wie überhebend und ſelbſtgefällig ſie ihren Federbuſch dort hinübernickt, welches Schnippchen ſie mit den oberſten Zweigen ſchlägt!

ÜUnd dort wackelt die Buche ihren breiten Kopf her⸗ über und hinüber. 3

Auch die Eiche ſtemmt ſich behäbig und geringſchätzend gegen die andern, als wollte ſie mit ihren unzähligen Elbogen Alle rings von ſich drängen.

Die Eſche läßt's nicht minder mangeln; und ſo das junge grüne wie das alte dürre Holz, das dicke wie das dünne, das kurze wie das lange!

Nichts weniger als Schmeicheleien kommen da oft vor. Da iſt Neid zu Hauſe, Beſſerdünken und Beſſer⸗ wiſſenwollen, Hänſeln, Sichſelbſtüberſchätzen und Andere⸗ verletzen!

Prahlereien mit Eigenſchaften mit Hab und Gut, fehlen nicht; ein Jedes entdeckt an dem Andern, was nicht richtig iſt und bei ihm viel beſſer; das fordert heraus, ziſchelt, fluſtert grollt, murrt, poltert, ſchlägt die Zweig⸗ hände in einander und gebärdet ſich!

Ja, im Walde unter den Bäumen wie in der Welt unter den Menſchen! Gerade wie unter den Menſchen!

War einſtmals ſo ein Walddiskurs.

Vor vielen vielen, vor unzähligen Jahren. Gerade ein ſo hämiſcher, dickneidiger Diskurs, bei dem Jedes große, ſtolze Dinge wußte, natürlich nur vom eigenen Beſten, von oben bis unten und wieder zurück von ſeiner eigenen Wurzel, von ſeinem Stamme, von ſeinen Zweigen, ja ſeiner Blattform, ſeiner Ausdauer, kurz Allem was nur möglich und drum und dran iſt.

Und es ſprach die Linde von ihrem Ouft, es ſprach die Buche von ihrer Zartheit im Bau, es ſprach die Eiche von ihrer Kraft, es ſprach die Eſche von ihrem herrlichen Grün, es ſprachen eine Unzahl von ihren Blüthen und Früchten, ſelbſt die dürrſten, armſeligſten Sträuche ſprachen von ihren ſpitzen, ſcharfen Dornen, mit denen ſie ſich ver⸗ theidigen und jedem Feinde Trotz und Hohn bieten.

Nur die Tanne, der amſelige Tannenbaum ſtand be⸗ ſchämt bei Seite und mußte über ſich das ſchrecklichſte Gericht ergehen laſſen.

Kam es auf den Stamm zur Rede da ſtand der Tannenbaum ſo ſchlicht, ſo einfach und prunklos da, ihnen faſt lächerlich hager, aufgeſchoſſen, daß alle ſich mit dem ihren gegen ihn brüſteten.

Kam es zu den Zweigen; ach welche herrliche vylverſchlungene mannigfaltige Formen boten die andern dar, und er mit ſeinen geradegeſtreckten, abwechslungsloſen Zwegen, die nicht im geringſten verſchlungen ſind und einer nſt wie der andere ausſehen, er ſah ſich beſchämt und venhöhnt.

Stat Blätter ſo recht weicher ſaftſtrotzender, hübſch

gezackter Der ausgeſchnittener, herz⸗, pfeil- hand⸗ und andersförmger Blätter, die ſich fröhlich im Winde wiegen und ſchaukehd grüßen und flattern, ſtatt ſolcher Blätter wies er nur ſarre, regungsloſe Nadeln. Mitt einer Blüthe da brüſtet ſich ſelbſt die alte, finſtere, knorrige und verbogene Eiche gegen ihn. Ach welche Blumenforven zeigten tauſend andere ihm gegen⸗ über duftig, formureich und in Farbenſchmelz einen prächtigen Hohn aud ihrem Feſtgewande heraus! Wie geſagt, ſelbſt die Eichenielt mit ihren krummen, ſchwarzen Fingern ein grünes Blehenſchälchen hin und ſchüttelte ſich vor dem Tannenbaun lachend recht knotig!

Früchte? Da kicherte tef unten ſelbſt der Schleedorn und die Heidelbeere im Gra, zum armen Tannenbaum hinauf; da ſchleuderte man ih im Winde ſelbſt Galläpfel

zu und je mehr er beſcheiden war, deſto mehr wußten alle recht Hartes, Bitteres, Kränkendes gegen ſeine dürren Tannenzapfen.

Und der arme Tannenbaum ſtand beſchämt, ſchüttelte traurig im Winde das letzte Giebelchen oben und aus ſeinem tiefſten Innern drängte ſich ein ſchweres, bitteres Weinen heraus die langſam aber lange Zeit fließenden Thränentropfen, die man das Tannenharz nennt.

Doch nichts bleibt unbemerkt in der Natur. Alles belauſcht, beachtet das andere und wirkt zum großen ge⸗ ſammten Ganzen!

Und die Wolken, die über dem Walde langſam da⸗ hinzogen, hörten, was die Bäume ſprachen, und vermerk⸗ ten da wohl den Stolz, die Freude, den Hohn einerſeits, und die Beſcheidenheit, die ſtille Duldung, den Schmerz andererſeits.

Und dem Himmel nahe, trugen die Wolken die Kunde von all' dem hinauf nach oben, treu und in Wahrheit, zu dem Engel der Haine und Wälder, und riefen ſein Mitleid, ſeinen Schiedsrichterſpruch im Namen der Gerech⸗ tigkeit an!

Und er erbarmte ſich auch!

Er ſendete ſofort die Wolken wieder aus. Aber diesmal nicht wieder ſo licht, ſo ſonnig glänzend und ſpielend; ſondern belaſtet, in ihren dichten, grauen Mänteln ein⸗ ehüllt und unter denſelben vor der Sonne bergend: dnwer dichte Maſſen von Schnee. Und mit dieſen kamen ſie leiſe heran und ſchütteten eifrig, ſo mit rechter raſtloſer Flockenfreude ihre Fülle aus über den ganzen weiten, weiten Wald, und puderten ihm recht den Kopf ein und machten Alles ſchneeweiß uralt greiſ'!

So ward ihnen geheißen und ſo thaten die Wolken es faſt mit wirbelndem, freudigem Uebermuthe.

Die Bäume aber, die ſpürten plötzlich ſonderlich und ſonderlicher, unheimlich kühl, ließen endlich froſtſchüttelnd Blätter und Blüthen und Früchte fallen, und fühlten ſich's eiſig bis an's Herz hinandringend, ſtarrend bis in's tiefſte Mark!

Doch inmitten aller kahlen, nun in mühſeliger Trauer trübſinnenden Bäume ſtand die Tanne allein froh und freudig aufrecht! 2

Nur die Tanne verblieb mit ihrem friſchen, hoffnungs⸗ reichen, ſaftigen Grün nur der Tannenbaum ſchaute nach dem Himmel und in die Welt mit kräftigem Lebens⸗ muthe, mit ſeinem eigenthümlichen Federbuſche, dem Zapfen hoch oben auf dem Scheitel, wie ein Feldherr, wie mit aufgeſtecktem Siegeszeichen!

Und in dem mächtig erſchütternden Sturme, der durch alle Waldeszweige majeſtätiſch dahinfuhr, ſprach die Engelsſtimme in ewiger Milde und Gerechtigkeit:

Armer, armer und doch ſo reicher, überglücklicher Tannenbaum! 1

Während alle ſchlafen den todesähnlichen Schlaf der Nichtigkeit, ſtehſt du nun geſchmückt und geziert wie im Sommer.

Du haſt nicht Blüthe, womit du prangen kannſt! Aber ich will dir eine ſchönere Blüthe geben, als allen andern! Der Menſch ſoll an dich hängen ſein Schönſtes und Beſtes, ſein Herrlichſtes und Dauerndſtes, ſein Herz ſeinen Geiſt die holdeſte Blume ſeiner Erinnerung! Er ſoll an dich heften ſeinen ſeligſten Blick wie an keinen andern Baum; er ſoll dir zujauchzen und zujubeln wie keinem zweiten auf Erden, nicht einmal der Myrthe und dem Lorbeer; er ſoll dich in das Reich des Lichtes und des Glanzes führen; er ſoll dich in ſein Haus, in ſeine Stube, auf den ehrendſten Platz bringen; er ſoll dich zieren, er ſoll dich koſen und ſchätzen den lieb⸗ ſten aus dem ganzen Walde, den Fürſten unter den Bäumen!

Du haſt nicht Farbenpracht! Solch' reich glänzen⸗ den Schmuck aber, als du ihn tragen ſollſt, hat der ganze Wald nicht! 1.

Du haſt nicht Blätter! Aber mit deinen ſpitzen Nadeln ſollſt du in das Menſchenherz, dem ſie nahe

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