Jahrgang 
1864
Seite
124
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124 Feuilleton.

kommen müſſen, nur Honig, nur unvergängliche Süße für das ganze Leben einritzen und einträufeln!

Du haſt nicht Duft! Aber ſo duftig iſt nicht die Roſe von Schiras, nicht der Jasmin von Darphur, nicht die Orangenblüthe von Cypern und keine Blume der Welt, als der Duft, der durch deine Zweige wehen und als Duftopfer zum Himmel ſteigen ſoll, wenn glückſelige Kinder dich umringen, wenn der Jüngling und die Jung⸗ frau, wenn Mann und Weib, wenn Greis und Greiſin deiner aus einſtiger Zeit gedenken!

Du haſt, blödem Auge ſcheinbar, nicht Frucht! Aber deine Zweige ſollen tragen das Süßeſte, ſollen be⸗ ſchwert ſein mit dem Köſtlichſten, Erquickendſten und Erſehnteſten der Welt.

Und wenn alle Bäume einſam verlaſſen, leer ſtehen, ſoll einzig und allein zu dir kommen, aus weiter, weiter Ferne, ein prächtiger, farbenreicher, durch ſeine Geſtalt ausgezeichneter Vogel. Während alle andern Zweige ohne Sang und Klang ſind, ſoll in den deinen ſchlichten, ge⸗ rade ausgeſtreckten der Kreuzſchnabel luſtig hüpfen und ſein herzfrohes Liedlein in alle Welt jauchzen. Während andere Niemanden beherbergen können, ſollſt du ein milder Wirth ſein den Jungen des Kreuzſchnabels, welcher, der Einzige im kalten Winter niſtend, mit deinem Harze ſein Neſt zuſammenkitte, deinen Samen mit ſeinem eigens dahn geformten Schnabel aus der wohlverwahrenden Hülle hebe und ſeine kleinen Kinderchen damit nähre!

Während alſo die Menſchenkinder in den kerzenbe⸗ leuchteten Weihnachtsſtuben dich umringen und umjubeln, werden zugleich die geflügelten Kindlein des Vogels im mond⸗ und ſternenbeſchienenen Wald dich umhüpfen und beſingen, und du wirſt alſo geliebt und geſchätzt ſein hier und dort, mehr als die hämiſchen ſtolzen Bäume alle, alle!

So haſt du die ſegensreichſte Wurzel.

So haſt du den lieblichſten Stamm.

So haſt du die geſegnetſten Zweige.

So haſt dundie reizendſten Blätter.

So haſt du die farbenprächtigſte Blüthe.

So haſt du den reichſten Duft.

So haſtedu die köſtlichſte Frucht.

So haſt du den ausſchließlichſten Sangesdank

wenn er für alle andern verſtummt iſt

Tanne, du ſeieſt der beglückteſte unter allen Bäumen!

So ſprach die wunderbare Stimme, die nicht von dieſer Erde war!

Und der Tannenbaum hob ſein Haupt mit unnenn⸗ barer Sehnſucht, Demuth und Innigkeit zugleich, zur Höhe. Er mochte danken und wußte nicht wodurch. Nur ſeine Zähren drängten ſich reichlich aus dem bewegten, über⸗ quellenden Innern.

Und er ſtreckte mit Inbrunſt die Arme ſtraffer aus einander, wie der den Himmel anrufende, zum Himmel gerichtete, dem Himmel ſich bietende Menſch. So ver⸗ deckt er nimmer dem menſchlichen Auge das Reich der Klarheit, wie andere Bäume, ſondern er lichtet ſich nach oben, ſo das der Menſch, der ihn ſieht, den Blick zur Höhe, nach den ätheriſchen Räumen wenden und an das Dort denken muß!

Der Tannenbaum klimmt nach den höchſten Bergen hinauf, wo kaum ein zweiter mehr gedeiht; hoch ober dem ganzen Laubwald ragt er, ſchlank, gerade und ſicher, ein gewaltiger, ſtummer, aber doch beredter Bergprediger.

Und iſt der ganze Wald und Berg ein Rieſe, ſo iſt der überragende Stamm zumindeſt ein rieſenhafter, ge⸗ waltiger, aufrecht geſtreckter Finger, der da raſtlos deutet: Empor! Empor!

Das iſt der Dank!

Und das iſt das Märchen vom Tannenbaum!

Die Kanzel in der neuen Karolinenthaler Kirche.

Dieſe Kanzel, deren Abbildung wir unſeren Leſern bringen, iſt das Werk vaterländiſcher Kunſt. Sie iſt durchaus aus Eichenholz, ſehr künſtlich geſchnitzt und trägt die Bildniſſe der heiligen Anna, der Mutter Gottes, des heiligen Alfred, Franz von Paula und Johann von Ne⸗ pomuk. Sie iſt ein Geſchenk des Grafen Harrach, deſſen Wappen ſich unterhalb der Kanzel⸗Säulen befindet.

Karlsbad.

Als vor fünfhundert Jahren Kaiſer Karl IV. durch einen Zufall die Heilquellen im waldigen Thale der Tepl kennen lernte, welchen er auf ewige Zeiten ſeinen Namen verlieh, da ahnte er gewiß nicht, welche glän⸗ zende Zukunft der Ort haben werde, deſſen beſcheidene Anfänge er noch ſelbſt erſtehen ſah. Gegenwärtig und ſchon ſeit langer Zeit iſt Karlsbad einer der berühmte⸗ ſten Kurorte Europa's, der oft von 5000 und mehr Bade⸗ gäſten beſucht wird. Eine der glänzendſten Saiſons ſeit mehreren Jahren war die heurige, welche verſchie⸗ dene hohe Häupter mit ihren Räthen und Miniſtern, ſowie einem zahlreichen Gefolge dort vereinigte und eben des⸗ halb auch die unvermeidlichen Touriſten in größerer Zahl anlockte. Einer derſelben, Max Ring, hat der Weſer⸗ zeitung mehrere neue Feuilletons über die Wahrnehmun⸗ gen, die er in Karlsbad gemacht, geſchrieben, und es möchte nicht ohne Intereſſe ſein, einige Stellen aus den⸗ ſelben auszuziehen.

Nach dem Ausſpruche des berühmten Alexander von Humboldt, der in dieſer Beziehung wohl als die erſte Autorität betrachtet werden darf, iſt Karlsbad der fünft⸗ ſchönſte Punkt der Erde. Die Lage iſt auch in der That reizend; von den grünen Hügeln und waldigen Ausläu⸗ fern des Erzgebirges umgeben ruht die Stadt in dem ſchönen Thale zu beiden Seiten der rauſchenden Tepl. Die Natur iſt gerade nicht großartig, aber unendlich lieb⸗ lich und anſprechend, reich an ſchattigen, duftigen Wald⸗ partien, anmuthigen Spaziergängen und herrlichen Aus⸗ ſichten auf die blauen Berge und lachenden Thäler in der Nähe. Doch noch mehr als dieſen Vorzügen, welche Karlsbad mit mancher andern Gegend theilt, verdankt es den weltbekannten Heilquellen ſeinen großen und wohl⸗ verdienten Ruf. Aus einer Tiefe von mehr als 7000 Fuß bricht der kochendheiße Sprudel mit wunderbarer Kraft und Stärke hervor, ein unterirdiſcher Zaubertrank, von den Händen der Natur kredenzt, dem unzählige Kranke und Leidende Leben und Geſundheit ſchulden. Er iſt gleichſam der Vater und Ernährer der übrigen war⸗ men Quellen, des Schloß⸗, Mühl⸗, Neu⸗, Marktbrunners u. ſ. w., die wahrſcheinlich mit ihm im innigſten Zuſem⸗ menhange ſtehen und ſich ſowohl von ihm wie auch un⸗ tereinander nur durch ihren höheren oder niederen Tem · peraturgrad unterſcheiden. Nach der chemiſchen Analyſe enthalten ſämmtliche Waſſer vorzugsweiſe ſchwäelſaures Kali und Natrum, Kochſalz und kohlenſaure⸗ Natrum, die im Verein mit der natürlichen Wärme ane ſo tief eingreifende Wirkung auf den Organismis ausüben. Durch eine Reihe wiſſenſchaftlicher Unterſugungen iſt es erwieſen, daß der Granit, auf welchem Karlsbad ruht, ſämmtliche Beſtandtheile des Brunnen, bereits enthält, die nur durch das heiße Waſſer aufgebſt werden, ſo daß ein förmlicher Auslaugungsproceß doei ſtattfindet. Die hohe Temperatur des Sprudels, delche 59 60 Grad Reaumur beträgt, iſt das Reſultat zer in der Tiefe immer mehr zunehmenden Erdwärme. Wenn man weiß, daß dieſe etwa nach je 115 120 zuß Tiefe um einen Grad R. wächſt, ſo iſt man zu de. Schluß berechtigt, daß der Sprudel ungefähr aus eine Tiefe von 7000 7200 Fuß emporſteigt. Vielfach he man für das eigenthümliche

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