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122 Feuilleton.
Jules hatte doch manchmal Wortwechſel mit ſeiner
Ehehälfte, die wohl das eigenſinnigſte Weib war, das es je auf Erden gegeben hat.
Wenn ſie eine Magd fortjagte, ſo kam dieſe zu Hrn. Lardoux und ſagte ſchluchzend zu ihm:
„Die Madame hat mich fortgeſchickt!“
„Was haben Sie denn angeſtellt?“
„Sie behauptet, daß ich auf dem Markte Schwänzel⸗ pfennige mache.“
„Iſt es wahr?“
„Ja; aber Sie, Herr, Sie werden mich entſchuldigen, Sie ſind ſo gut!“
Dann bat Jules ſeine Frau, dieſe reuige Magd zu behalten.
Die Frau ſetzte ſich dem entgegen, und in einem Augenblicke der Hitze warf ſie ihrem Gemal eine Waſſer⸗ flaſche an den Kopf.
Dieſer wich dem Wurfe aus, nahm die Flaſche, welche auf dem Sopha keinen Schaden gelitten hatte, und ſtellte ſie gelaſſen wieder auf den Tiſch.
Er war ein ſo guter Kerl!
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Er hatte ein ſehr ſchönes Landhaus in der Umgegend von Paris.
Ein Abdecker kaufte ſich neben dem Hauſe des Hrn. Lardoux an, und ließ dort ein Atelier bauen, um da ſeine Induſtrie auszuüben.
Die ſehr hubſche Villa des Jules wurde nicht mehr bewohnbar. Es kam vom Nachbar ein abſcheulicher Geruch herüber, und wenn man einige Augenblicke im Garten ſpaziren ging, ſo mußte man unwohl werden.
„Sie ſollten klagen,“ ſagte man ihm.
„Klagen, und warum?“
„Um dieſen Menſchen zu zwingen, ſein Gewerbe in einer größern Entfernung zu betreiben“
„Er wird nicht wollen.“
„Sie können ihm ein Proceß machen.“
„Sie rathen es mir?“
„Gewiß, und Sie werden ihn gewinnen.“
„Grade dieſes verhindert mich zu proceſſiren, denn dann würde dieſer arme Menſch um ſeine Einrichtungs⸗ koſten kommen.“
„Wiſſen Sie, ich muß Ihnen nur ſagen!...
„Was?“
„Sie ſind ein zu guter Menſch.“
Da Jules ſein Haus nicht mehr bewohnen konnte, bot er es feil.
Er hatte es um dreißig tauſend Franken gekauft, er verkaufte es wieder um zwanzig tauſend— dem Abdecker. X 4 N
Ein Herr, den er kaum kannte, kam eines Tages zu ihm, und, ihm die Hand drückend, ſprach er:
„Mein lieber Freund, ich bin Willens, ein großes Unter⸗ nehmen auszuführen, und ich habe an Sie gedacht.“
„So! Sie ſind ſehr liebenswürdig.“
„Wollen Sie hundert tauſend Franken gewinnen?“
„So etwas ſchlägt man nie ab.“
„Alſo! geben Sie mir hundert tauſend, und in einem Jahre wird Ihr Kapital verdoppelt ſein. Ich habe ſoeben neue Wagen ohne Pferde erfunden, die ſo ſchnell fahren wie die Eiſenbahn. Es handelt ſich darum, dieſes große Geſchäft in Gang zu bringen, und dazu werde ich Kapitalien brauchen. Kann ich auf Sie zählen?“
„Morgen werden die hundert tauſend Franken, die Sie brauchen, in Ihren Händen ſein.“
„Ich danke.“
Acht Monate ſpäter erfuhr Hr. Jules Lardoux, daß dieſer große Spekulant, dem er hundert tauſend Franken gegeben hatte, Reißaus gewonnen hatte, aber nicht in einem der wunderbaren Wagen, welche den Dampf ver⸗ drängen ſollten, ſondern einfach mit der Eiſenbahn.
Wenn es keine ſo guten Kerle gebe wie Jules einer
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iſt, wie würden es denn die großen Spekulanten anfangen, um Aktionäre zu finden?
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Madame Lardoux betrog ihren Mann mit einem ihrer Couſins.
Eine ihrer guten Freundinnen machte ihr Vorwürfe deßwegen.
„Warum,“ fragte ſie ſie,„hintergehſt du Deinen Mann? Er iſt ja nicht übel von Geſicht.“
„Das iſt wahr.“
„Er liebt Dich.“
„Ich weiß es.“
„Er thut alles, was Dir nur angenehm ſein kann.“
„Ich gebe es zu.“
„Alſo warum ihn hintergehen?“
„Weil er ein zu guter Kerl iſt.“
Schlußfolgerung.
Richtet es euch ſo ein, daß man nie von euch ſage: „Das iſt ein guter Kerl.“
Denn in dem abſcheulichen Jahrhunderte, in welchem wir leben, heißt es ſo viel wie dummer Kerl!
Das Märchen vom Tannenbaum.*)
Wenn der Wald rauſcht, da redet er; und er redet eine gar eigene eine ſeltſame Sprache!
Die Sprache hört ſich ſo traulich, ſo heimiſcheinnig an, als wäre man da erſt ſo recht und ſeit aller Zeit wohl zu Hauſe; aber ſie hört ſich auch oft ſo ergreifend ſo tief bis in's Innerſte ängſtlich durchdringend und mit furchtbarem Schauer erfaſſend an!
O, was haben die Menſchen nicht Alles ſchon verſpürt im tiefſten Herzen ſich rühren, wenn die hohen, dichten, die geheimnißvollen Laubkronen des Waldes ſich ober ihnen im Winde geſchäftig bewegten und immer wieder die Köpfe einander zuſteckten!
Wie mit tauſend grünen Zungen ſcheinen ſie da oft zu flüſtern, zu koſen, und es iſt dabei gleichſam, als ob ſie mit dem Thau zugleich Troſt und Erhebung auf uns ſegnend herabträufeln ließen!
Aber dem Schlechten, und nur dem Schlechten waren die ſchwarzen Baumſtämme wie düſtere, drohende Geſtal⸗ ten, wie finſtere Mahner, wie unerſchütterliche Prediger, die ihm immer von neuem in den Weg kamen, und von der hohen Kanzel des Laubwerks herab donnerte es ihm in's Gewiſſen hinein!
Da floh der Schlechte aber auch meiſtens, erſt von einem Gehege zum andern, dann von dem verzehrend unheimlichen Dunkel dieſer Geſtalten ganz hinaus, und noch von Ferne grinſen einem ſolchen, ſo oft er ſich um⸗ ſieht, die Bäume nach, und jeder Zweig winkt. droht, weiſet, wie ein gehobener ſtrafender Zeigefinger!
Ja, wenn die Bäume nur immer ſo geradeaus ernſt wären!
Daran hat wohl noch Keiner gedacht, daß die Bäume auch gar ſeltſam' und ſchnurrig' Zeug mit einander ſchwatzen, daß ge— wie die Tauben auf dem Dache und die Vögel im Walde— ſich auch einander verſtehen, und daß ſie — da ſie allerlei Leute mit allerlei Eigenſchaften neben einander ſind, nur von anderem Wuchs und Herkommen, mit anderen Röcken, Schmuckwerken und Geſchäften— auch einander hänſeln, wohl nicht mit einander„knöcheln“, aber„Zweigeln brechen“, ſich belachen, recht nachbarlich heruntermachen, und wenn ſo ein günſtiger Windſtoß ge⸗ legentlich daherkommt, ihm ein Blatt, ſcharf und ſchneidig, gerade ſo hinhalten, daß es ziſchen und ſauſen muß— recht boshaft!
*) Aus Silberſteins„Dorfſchwalben aus Oeſterreich.“


