Jahrgang 
1864
Seite
121
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aM, Feuillelon. w⸗⸗

Pariſer Humoresken. Nach dem Franzöſiſchen von Léon Grellepois.

XVII. Das iſt ein ſo guter Kerl! (Ballade.)

Jules Lardoux iſt ein recht guter Junge, und grade dies hat ihm ſein ganzes Leben lang all' ſein Pech ver⸗ urſacht.

Wäre er nicht ſo gut geweſen, ſo würde er der glück⸗ lichſte der Sterblichen geweſen ſein.

Möge ſein Leben uns als Beiſpiel dienen.

** X

Gleich am erſten Tage, als Jules in das Penſionat geſchickt worden war, beurtheilte man ihn als einen ganz vortrefflichen Jungen.

Auch ſpielte man ihm alle die ungezogenſten Streiche.

Man ſtrente ihm Kratzpulver in ſeine Leintücher.

Man wendete ihm ſeine Matratze um. Dieſer Spaß iſt in den Penſionaten unter dem Namen Omelette bekannt.

Oder man band ihm auch Schnüre an ſein Bett, und indeß er in der Nacht den Schlaf der Gerechten ſchlief, ſchleppte man ihn mitten in das Schlafzimmer. Wenn er dann des Morgens aufwachte, bekam er vom Studienaufſeher fünf Hundert Zeilen abzuſchreiben weil er habe einen Poſſen ſpielen wollen.

Wollte er ſich entſchuldigen, ſo bekam er tauſend Zeilen abzuſchreiben; auch hatte er den Entſchluß gefaßt, ſich verurtheilen zu laſſen, ohne ein Wort zu ſagen.

Da er in ſeinen Sachen ſehr feſt beſchlagen war, ſo ſchrieben alle Faullenzer ihre Aufgaben von ihm ab.

Dann beſtrafte ihn der Profeſſor ſehr ſtreng, weil er die Trägheit ſeiner Kameraden unterſtützt habe, und faſt alle Sonntage hatte er Hausarreſt, obwohl er einer der beſten Schüler war.

Wenn ſeine Eltern ihm Schmauſereien brachten, ſo aßen ſie ihm ſeine guten Freunde auf.

Denn er hatte viele gute Freunde, und das iſt nicht zu wundern, da er ein ſo guter Junge war!

Wenn ſeine Kameraden ihm das, was er hatte, weg⸗ nahmen, ſo bekam er als Erſatz nichts anderes als Prügel, wenn er ſich's einfallen ließ, ſich zu beklagen.

Er war ſehr kräftig, und er hätte ſeine Mitſchüler ganz leicht gehörig verarbeiten können, aber er that es nicht, weil er ſich fürchtete, ihnen weh zu thun,

Er war ein ſo guter Junge!

** *

Nachdem er das Gymnaſium abſolbvirt hatte, ſtudirte er die Rechte.

Seine neuen Kameraden mißbrauchten ebenfalls ſeine Gutherzigkeit.

Eines Tages kam einer derſelben und ſagte zu ihm:

Mein Freund, Du könnteſt mir einen unendlichen Dienſt erweiſen.

Sprich, was ſoll ich thun? fragte Jules.

Du weißt, daß ich noch nicht volljährig bin.

Nein; da Du erſt zwanzig Jahre alt biſt.

Erinnerungen. 88. Bd. 1864.

Aber Du biſt über Deine ein und zwanzig Jahre ſeit ſechs Monaten hinaus.

Das iſt wahr, aber wo willſt Du damit hinaus?

Ich richte gegenwärtig meine Freundin Riſette ein, und ich möchte dem Tapezirer Wechſel ausſtellen.

Und Deine Unterſchrift wird Deiner Minderjährig⸗ keit wegen nicht angenommen?

Du haſt es errathen. Und eben deshalb wäre es ſehr liebenswürdig Deinerſeits, dieſe Wechſel auf Deinen Namen auszuſtellen.

Aber...

Sei unbeſorgt, mit Schluſſe jeden Monats werde ich Dir das Geld bringen, das Du dem Tapezirer über⸗ geben wirſt.

Jedoch...

O! Du wirſt mir dieſen kleinen Dienſt nicht ab⸗ ſchlagen, Du, der Du ein ſo guter Kerl biſt.

Jules unterzeichnete die Wechſel.

Den erſten Monat brachte ihm ſein Freund die ge⸗ wünſchte Summe.

Aber den zweiten, den dritten und den vierten Monat brachte er gar nichts.

Jules konnte nicht bezahlen, ſeine Mittel erlaubten es ihm nicht.

Der Tapezirer griff zu den ſogenannten großen Mitteln.

Eines ſchönen Morgens kamen die Häſcher zu ihm und führten ihn in's Schuldgefängniß.

Hr. Lardoux Vater welcher in der Normandie wohnte, erfuhr die Verhaftung ſeines Sohnes. Mit der lebhafte⸗ ſten Entrüſtung kam er nach Paris.

Ah, Du Lump, ſagte er zu ſeinem Sohne,ſolche Streiche machſt Du liederlichen Frauenzimmern zu Liebe!

‚Aber, lieber Vater, verdamme mich nicht, ehe Du mich angehört haſt.

Und er erzählte ſein Mißgeſchick. 3

Oh! ſo etwas kennt man ſchon! Das iſt eine ab⸗ ſcheuliche Lüge und ich werde mich nicht anführen laſſen. Ich will wohl Deine Schulden bezahlen, aber ich entziehe Dir Deine monatlichen hundert und fünfzig Franken. Wenn Du jenes Frauenzimmer recht liebſt, ſo wirſt Du Cigarrenſtummeln aufleſen gehen, um ihr damit Einrich⸗ tungen zu kaufen. Aber rechne nicht mehr auf mich.

Alle Freunde des Jules riefen, als ſie dieſe betrü⸗ bende Nachricht erfuhren, mit Thränen im Auge:

Er iſt ein ſo guter Kerl!

** *

Jules verheiratete ſich.

Da er wegen ſeines gutmüthigen Charakters bekannt war, ſo wünſchten mehrere junge Mädchen, ihn zum Manne zu bekommen, um in der Hauswirthſchaft vollkommen freies Spiel haben zu können.

Die junge Perſon, welche Jules heiratete von jenen, die ſo dachten.

So ſanft und gutmüthig Jules war, ſo zänkiſch und ſchlimm war ſeine Frau.

Sie wollte in Allem Herrin ſein, und trug, wie man gemeiniglich ſagt, die Hoſen.

Jules ließ ſeine Frau Alles tragen, was ſie wollte, nur um Frieden im Hauſe zu haben.

Aber warum war er auch ein ſo guter Kerl!

* A *

war eine

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