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Literatur und Kunſt.
geiſtigen Genuß verſchaffen.— Wenn alſo die Oper nichts Bedeutendes enthielt, was ſollte im Prolog d. h. in der Ouverture enthalten ſein, das den Zuhörer auf das Folgende in die gehörige Stimmung bringen ſollte? Es iſt alſo ganz natürlich, daß die Ouverture in ihrer erſten Entwickelung ganz und gar unbedeutend und flach war.— Sie ward aber auch gar nicht Ouverture genannt, oder als ſolche angeſehen; man betrachtete ſie als Vorunterhaltung für die nachfolgende Oper; ſie wurde kurzweg Symphonie genannt.— Dieſe„Sym⸗ phonie“ beſtand aus einem ſonatenähnlichen Allegro, aus einem langſamen Mittelſatze in Liedform und einem Rondo oder Allegro kurzweg.— Sie bildete alſo ein vollſtändig abgeſchloſſenes Ganze, welches nicht in der geringſten Verbindung mit der Oper ſelbſt ſtand. Einen Aufſchwung erhielt die Ouverture unter dem franzöſiſchen Komponiſten Lully. Ihre Form erhielt jetzt eine ganz andere Geſtalt und zwar beſtand die Ouverture jetzt aus einem kurzen Grave, einem mehr oder weniger frei fu⸗ girten Thema und einer den Schluß bildenden Repetition des einleitenden Grave.— Es iſt merkwürdig, daß dieſe Art Ouverture ſich ganz unverändert bis auf Jo⸗ ſef Haydn erhalten hat.— Von ihr machten Gebrauch Haendel zu ſeinen Oratorien, Graun, und Gluck zu ſeinen Opern. Erſt Haydn hat eine wahre, ihren Na⸗ men vollkommen rechtfertigende Ouverture geſchaffen und in wahrhaft genialer Weiſe behandelt; ich meine näm⸗ lich die Einleitung zur„Schöpfung“, das„Chaos“ dar⸗ ſtellend.— Er hat ſich hier von der alten Schablone emancipirt und eine vollkommen freie und charakteri⸗ ſtiſche Ouverture geſchrieben, welche mit obengenannter Grundregel auf das genaueſte übereinſtimmt.— Auf Haydn folgte Mozart, welcher nur in drei Operneinlei⸗ tungen die von Haydn eingeſchlagene Richtung ver⸗ folgte und auch da nur oberflächlich; es iſt das 1. bei der Ouverture zur„Entführung aus dem Serail“ der Fall; dieſe verdient den Namen Ouverture unter allen Mozart'ſchen Ouverturen am meiſten. Durch die lärmende türkiſche Muſik wird man gleich aufmerkſam gemacht auf die Dinge, die da kommen werden, ebenſo durch den lieblichen Mittelſatz, der aus der Oper ſelbſt in die Ouverture aufgenommen wurde.— Die beiden anderen Ouverturen ſind die zu„Don Juan“ und zur „Zauberflöte“.— Dieſe letztere iſt ein Meiſterwerk; aber wiewohl ſie die letzte der Mozart'ſchen Ouverturen iſt, ſo nähert ſie ſich doch der Schablone unter Lully.— Die einleitenden Graves in beiden Ouverturen ſind den Hauptſcenen der Opern entnommen.— Immer weiter ſchreitet die Entwickelung der Ouverture vor ſich unter den Händen des Titanen Beethoven.— Die Ouverturen zu „Koriolan“,„Fidelio“(C dur),„Egmont' ſind Rieſenwerke. Koriolan iſt das Höchſte, was ſich auf dem Gebiete der Ouverture leiſten läßt und ſteht einzig in der Muſik⸗ Literatur.— Warum Beethoven aber das unter dem Namen„Ouverture“ bekannte Muſikwerk opus 124 ſo genannt hat, iſt mir unklar. Wozu dient es als Ein⸗ leitung oder Ouverture?—— Beethovens ebenbürti⸗ ger Nachfolger iſt Carl M. von Weber, der größte Ouver⸗ turenkompoſiteur außer Beethoven.— Auf meiſterhafte
Art ſind die in ſeinen Opern vorkommenden lieblichen Phemen in der Ouverture verwebt und durchgeführt; ſeine Freiſchütz⸗ und Oberon⸗Ouvertur ſind prachtvolle Bilder. Seine zahlreichen Nachahmer haben auch Be⸗ deutendes geleiſtet: in erſter Reihe Mendelsſohn, der ſich durch ſeine Sommernachtstraum⸗Ouverture unſterb⸗ lich gemacht hat.— Er iſt der Erſte, der große Tonge⸗ mälde für Orcheſter ſchrieb und ſie„Ouverturen“ nannte, z. B. zu„Meluſina“,„Fingalshöhle“,„Meeresſtille“, „glückliche Fahrt’“ ꝛc. Warum das, und wie ſich das recht⸗ fertigen läßt, iſt mir ebenſowenig bekannt, wie oben bei Beethoven's Feſtouverture opus 124.— Dieſe Frei⸗ heit nun haben viele Kompoſiteure der Neuzeit be⸗ nützt; und ſo findet man jetzt jeden Augenblick Ouver⸗ turen oder Einleitungen zu keinem nachfolgenden grö⸗ ßeren Inſtrumentalwerk.
Ob das recht iſt, wagt der Verfaſſer nicht zu be⸗ urtheilen, da doch Beethoven und Mendelsſohn den Grund dazu gelegt haben.— Großartig iſt Meyerbeer in der Ouverture zu„Robert der Teufel“ und den „Hugenotten“.
Als Begründer der neueſten Richtung tritt uns ein merkwürdiger Mann entgegen: es iſt dies Berlioz. — Seine Ouverturen, im wahren Sinne des Wortes, z. B. zu„Lear“,„Wawerley“,„Vehmrichter“ ſind geiſt⸗ reiche, tiefe und gründliche Schöpfungen, welche den Zu⸗ hörer mit ſich fortreißen.— Liszt iſt der einzige, wel⸗ cher den Titel Ouverture nicht gebraucht, ſondern ſeine Tongemälde„Symphoniſche Dichtungen“ nennt.— Dieſe bilden die Mitte, zwiſchen der Ouverture und der klaſſiſchen Symphonie.
Literatur und Kunſt.
— Ein Beitrag zur Sagenkunde. Der durch mehrere ſich ſpeciell auf die Literatur⸗ und Kulturgeſchichte ſeines Heimatlandes Böhmen beziehende Monographien bekannte Schriftſteller Alfred Waldau in Prag— wir erinnern z. B. an ſeine Studien über die böhmiſchen Nationaltänze, ſowie die böhmiſchen Naturdichter— wird demnächſt eine von ihm ſelbſt dem Munde des Volkes entlehnte, alſo durch⸗ gängig auf den beſten und untrüglichſten Quellen beruhende Sammlung böhmiſcher Chriſtusſagen der Oeffentlichkeit übergeben. Eine Anzahl von Proben, welche das„Magazin für die Literatur des Auslandes“ mittheilt, läßt das Werk von vornherein im intereſſanteſten Lichte erſcheinen.
— Andreas Fay †. Am 26. Juli iſt im Alter von 78 Jahren der Neſtor der ungariſchen Literatur, Andreas Fay, geſtorben. Nach den verſchiedenſten Seiten hin thätig und beſchäftigt, muß er ebenſowohl z. B. als Gründer der Sparkaſſen, als der nationalen Dramatik Ungarns gelten. Auch war er ein berühmter Redner im Peſter Komitat. Sein ſchriftſtelleriſches Wirken, im Jahre 1807 beginnend und ununterbrochen bis einige Wochen vor ſeinem Tode fortgeſetzt, umfaßt Theaterſtücke, Romane, Novellen, Fabeln, Aphorismen u. dgl. m.
— Eine Statue des Kolumbus. Die Kaiſerin Eugenie hat bei dem Bildhauer Vela, dem Schöpfer der ihr von italieniſchen Damen überſandten Gruppe:„Italien und Frankreich“, die koloſſale Statue des Kolumbus beſtellt, welche auf einem öffentlichen Platze zu Paris errichtet werden ſoll.
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